das jüdische logbuch 24. Apr 2026

Im Schützengraben des Theaters

Hamburg, April 2026. «Das grosse Heft» von Ágota Kristóf, im Schauspielhaus Hamburg, inszeniert von Karin Henkel, hebt den lessingschen Graben zwischen Publikum und Bühne auf. Zwei Zwillingsbrüder werden im Krieg zur Grossmutter geschickt und lernen, sich durch radikale Härte selbst zu schützen. «Wir schreiben nur, was ist.» Sie trainieren Gefühlskälte, Disziplin und halten alles nüchtern in einem Heft fest.

Das Protokoll des Schreckens versetzt das Publikum in eine Art Schützengraben – als Teil einer nicht so weit entfernten Kriegsrealität in der Ukraine und anderswo. Ohne Füllwörter, ohne Moral, ohne Übergriffigkeit. Am Ende zerfallen Identität und Wahrheit in einer beklemmenden Geschichte über Krieg und Entmenschlichung. Die ungarisch-schweizerische Autorin Ágota Kristóf (1935–2011), die seit 1956 in der Schweiz lebte und auf Französisch schrieb, war in der Schweiz zu Lebzeiten wenig unbeachtet – das passt. Der Schweizer Selbstbetrug im Umgang mit Geschichte und Krieg, zwischen absurden Mythen und realer Negation, macht aus der vermeintlich nicht selbstverschuldeten eidgenössischen Oase ein Aktivum.

Anders in Hamburg. Mitten im Stück erzählen die Zwillinge, wie die Räume des Schauspielhauses zur Waffenschmiede der Nazis wurden, um wenige Minuten später zehn Kindern der Bombennacht «Gomorrha» von 1943 die Bühne zu überlassen. Ergreifend schildern die inzwischen über 90-Jährigen ihr Überleben zwischen Feuerwalzen, verbrannten Leichen, Durst und Blut.

Sie stimmen ein in diesen radikalen Roman Kristófs über Krieg, Sprache, Entfremdung und setzen der Welt den Spiegel vor. Kein Spiel, sondern Realität. Ohne Kitsch. Ohne Vereinnahmung. Ohne moralisierendes Gift der Verklärung.

«Das Wort Liebe ist kein nützliches Wort. Es fehlt ihm an Genauigkeit», sagen die Zwillinge, denen die Erwachsenenwelt die Kindheit, die Gefühle, das Leben genommen hat – wie so vielen Millionen im Heute und Jetzt. Diese Kinder werden zu Menschen, zu denen sie gemacht werden. Nicht alle werden die Kraft finden, die Dehumanisierung zu überwinden.

«Die Jahreszeiten haben ihre Bedeutung verloren. Morgen, gestern, was bedeuten diese Worte? Es gibt nur das Jetzt.» Das Überleben. Für die Mehrheit der Menschen gibt es nur das Jetzt. Das Überleben. Den fortwährenden Existenzialismus des Grauens, des Leidens, der Angst.

In Bild- und Kitschwelten werden sie sich nicht durchsetzen, in Zeiten, in denen die Berichterstattung über flüchtende Influencer aus Dubai die Schlagzeilen beherrscht statt der Millionen Schicksale im Libanon, in den Bunkern Israels, in Gaza, im Sudan oder in der Ukraine. Die Zwillinge: «Wir schlagen uns gegenseitig, bis wir keinen Schmerz mehr fühlen.» Denn: «Wenn wir weinen, schlagen wir uns noch stärker.» Damit: «Nach einiger Zeit weinen wir nicht mehr.» Aber: «Wir essen alles, was essbar ist.» Gestohlene Kindheit, gestohlene Leben, die Erwachsenen von morgen.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann