Basel, Mai 2026. Wann kommt eigentlich endlich die unabhängige Ombudsstelle für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, da bei kritischen Vorgängen nicht die Betroffenen urteilen – so wie sich das für jede Institution gehört, die öffentliche Gelder erhält?
Man mag über die kleinen Schwindelleien schmunzelnd hinweggehen, wie bei Kindern, die auf der Suche nach dem guten Argument süsse Geschichten erfinden. Selbst beim Gemeindebund mag man denken, jeder tut, so gut er kann. Der immer grösser werdende Verwaltungsappart legitimiert sich offensichtlich im selbstgewählten Leistungsausweis Medienpräsenz. Doch was, wenn die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, also zwischen oft berechtigten Ansprüchen an die Öffentlichkeit und wenig berechtigter Umsetzung zum Vorschein tritt? Es beginnt schon bei der Verbandsdomain des SIG. «Swissjews» nennt sich der Bund der jüdischen Mitgliedsgemeinden und deckt je nach Schätzungen 60 Prozent der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ab. Die Liberalen sind nicht dabei, die Nichtmitglieder sind nicht dabei, nicht alle jüdischen Gemeinden sind dabei – dafür ein paar Papiertiger wie die jüdische Gemeinde Bremgarten mit einem Mitglied oder Gemeinden, die gemäss Halacha keine mehr sind, weil sie z.B. keinen Minjan mehr haben. Doch all das kann man sportlich betrachten bei einem Verband, der im Teil-Disput mit Konkurrenten wie der CICAD oder Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus um Anerkennung ringt.
Die Delegiertenversammlung von letztem Sonntag ist mehr als ein Symptom für eine Tradition von Selbstbeschwindelung, die ein Delegierter in einem Schreiben an den Vorstand «Lüge» nennt. Der SIG diskutiert permanent über israelische Themen, verteidigt Israel oft und kritisiert die amtierende Regierung ganz selten. Gleichzeitig beteuert der SIG in seiner Kommunikation, der Dachverband äussere sich nicht zu Israel (vgl. S. 12). Doch für die Schweizer Jüdinnen und Juden ist Israel ein massives Thema. Sie müssen die Auswirkungen von Israels Handeln tragen, Antisemitismus aushalten und wollen Israel unterstützten, sind solidarisch mit Israels Gemeinschaft oder unterstützten Israels Handeln konsequent. Man kann mit guten Gründen fragen, weshalb die Delegation der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) drei Monate zu spät eine Resolution zu Israels Todesstrafegesetz präsentiert, statt eine Grundsatzresolution zu einer amtierenden israelischen Regierung, die jene demokratischen Werte mit Füssen tritt, die der SIG hierzulande und in Europa einfordert: Gleichberechtigung und Minderheitenschutz, Gewaltentrennung, Einsatz gegen Rassismus und Antisemitismus.
Die Verrohung in Israels Gesellschaft nimmt zu. Charedische Demonstranten randalieren und vandalisieren das Haus einer Richterin, Siedler führen Pogrome gegen arabische Bauern durch. Israels Kriege in Iran, Libanon und Gaza kippen nach anfänglicher Legitimität oft in Kriege gegen die Zivilbevölkerung, die völkerrechtswidrig sind. Ein Völkerrecht, das der SIG sonst hochhält. Die Diskussion zu Israel wäre also dringend notwendig, unabhängig von den Positionen. Die sollen eben verhandelt werden. Dass der SIG-Vorstand aber genau diese Debatte wie an der letzten DV abwürgt, bleibt umso unverständlicher, als er nach aussen den Anschein vermittelt, dass lebhaft diskutiert wird – in einem Anfall von positivistischen Schwindeleien. Die Delegationen des SIG hätten eine Resolution der ICZ abgeschmettert. Was hat sich die kreative Propaganda-Abteilung des SIG für diesen Fall für eine Kommunikation ausgedacht?
Letzte Woche behauptete Ralph Friedländer im tachles-Interview, es gäbe regelmässige Mitarbeitergespräche. Wahr ist: Von Seiten des Vorstands gab es solche seit vielen Jahren nicht. Externe Evaluationen von Projekten gab es ebenso wenig. Lediglich interne Evaluationen nach dem Prinzip «Schüler bewerten ihre Aufsätze selber». Der SIG finanziert sich durch Mittel der Gemeinden und inzwischen öffentliche Gelder. Auch wenn seine Struktur noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, müsste die Corporate Governance jener von heute entsprechen. Der SIG missbraucht zu oft die wohlwollende Haltung einer in diesem Punkt unkritischen Öffentlichkeit, wenn der Dachverband seine privilegierte Kommunikationshoheit teils schamlos ausnutzt und mit Halbwahrheiten kommuniziert. Das beginnt beim jährlichen Antisemitismusbericht, den die eigene Führung immer wieder selbst kritisiert, bei Restitutions- und so vielen anderen Themen bis hin zu politischen Positionierungen.
Richtige Kommunikation ist offen und wahr. Sie arbeitet nicht mit Manipulationen, selektiver Information oder Positivismusideologien, wie sie etwa Plattformen künstlicher Intelligenz nutzen – nach dem Prinzip: schönreden, aus Prinzip loben, Vertiefung meiden.
Die Art des Umgangs mit Kritik am und im Gemeindebund hat dazu geführt, dass solche zurückgehalten wird. Der Redaktion tachles liegen Vorbringungen und Unterlagen vor, die aufzeigen, wie mit Unmut, Kritik oder Anliegen umgegangen wird. Die Israel-Debatte ist dabei das beste Beispiel: Seit Jahrzehnten bestimmt diese die internen jüdischen Debatten, auch an Delegiertenversammlungen. Doch der Verband behauptet das Gegenteil. Zumal diese Diskussion um das Todesstrafegesetz zeigt, dass der Verband abseits der Basis politisiert. Denn eine Abstimmung unter Schweizer Juden hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit dazu geführt, dass ein Todesstrafegesetz, das ein prominenter Delegierter gegenüber tachles «Apartheid» nennt, klar abgelehnt worden wäre. Der SIG sollte sich ein Beispiel am nach Israel ausgewanderten Schweizer Beni Gesundheit nehmen, der jahrzehntelang auch für den SIG Bildungsarbeit geleistet hat. Er reagierte auf die Angriffe von Charedim gestern auf das Haus einer Richterin und rief den Demonstranten entgegen: «Hört auf mit dem Chilul Haschem!» Dieses jüdische Selbstbewusstsein und diese Ehrlichkeit würde man sich von jüdischen Verbänden wünschen (vgl. S. 7).
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
05. Jun 2026
Warum nicht die Wahrheit sagen?
Yves Kugelmann