das jüdische logbuch 17. Jul 2026

Vaterländer ohne Mütter

Warschau, Juli 2026. Warschaus Kulturpalast ist farbig erleuchtet und reiht sich inzwischen in eine Skyline ein, die seit der Wende 1989 entstanden ist und den rasanten Wandel des einstigen «New York des Ostens» zeigt. Am Fusse steht das Museum of Modern Art als demokratischer Gegenentwurf zum einstigen Sowjettempel. Studenten blättern in der Anthologie «Surrealism and Anti-fascism», die auf dem Büchertisch liegt. Anhand von Zeitschriftenartikeln, Erklärungen, Manifesten, Flugblättern, Aufrufen zum Handeln sowie illegalen Publikationen und Untergrundzeitungen wirft das Buch einen Blick darauf, wie die Surrealisten bereits in den 1920er-Jahren das europäische Kolonialprojekt anprangerten, auf den organisierten Widerstand gegen den Faschismus, den Kampf im Spanischen Bürgerkrieg und die Sabotageaufrufe an Wehrmachtssoldaten. Ein Kapitel widmet sich der Verfolgung, Internierung in Lagern und Flucht aus Europa; dokumentiert wird auch der Tod von Surrealisten im Krieg. Unweit davon sitzt eine Gruppe von Filmschaffenden in einem polnischen Restaurant. Die Speisekarte ist als Zeitung aus dem Warschau der 1920er-Jahre dargestellt, mit einem Foto einer Strassenszene im jüdischen Viertel Warschaus. Das Foto zeigte den Eingang «Lecznica» mit hebräischer Beschriftung, daneben ein Geschirrladen von S. Milchberg. Der polnische Produzent am Tisch sagt: «In jener Zeit gab es keinen Unterschied zwischen Polen und Juden.» Die Strassen Warschaus waren geprägt von jiddischer Sprache und Schrifttafeln – damals als die Muttersprache, die die «Mameloschn», Heimat war und nie die Vaterländer. Es wird ein Gespräch über Polens Filmindustrie geführt, wie sie im Untergeschoss des Polin-Museums mit Blick auf die grosse Tradition des jiddischen Films dargestellt wird. Der Autor Neal Gabler zeichnet in «An Empire of Their Own: How the Jews Invented Hollywood» das Kapitel nach, das mit der Emigration die Filmwelt und auch Amerika verändern sollte. Mit den Warner-Brüdern begann eine der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die vier Söhne einer jüdischen Familie aus dem damaligen Kongresspolen emigrierten in die USA und gründeten 1923 Warner Bros., eines der grossen Hollywood-Studios. Gemeinsam mit anderen jüdischen Einwanderern aus Osteuropa wie Adolph Zukor (Paramount), William Fox (Fox) oder Louis B. Mayer (MGM) prägten sie die Filmindustrie nachhaltig. Ein Regisseur am Tisch erzählt von seiner erneuten Lektüre von George Orwells «1984» und wie jeder Satz heute eine neue Anbindung finden würde. Ein zeitloser Roman, erstmals 1949 erschienen. Der totalitäre Überwachungsstaat, in dem die Partei unter der Führung des allgegenwärtigen «Big Brother» Gedanken, Sprache und Geschichte kontrolliert. Der Protagonist Winston Smith versucht, sich gegen dieses System zu behaupten, scheitert jedoch an dessen allumfassender Macht. Begriffe wie «Big Brother», «Gedankenpolizei» oder «Neusprech» sind zu festen Bestandteilen der politischen Sprache geworden. Bis heute dient der Roman als Warnung vor autoritären Herrschaftsformen, staatlicher Überwachung und der Manipulation von Wahrheit. Das Thema Maschine und Mensch, die neue Revolution der Tech-Industrie und der Einfluss auf das Filmschaffen werden diskutiert. Vom Menschen, der den Roboter erfand, zum Menschen, der von der Maschine gelenkt und dominiert wird. Die Toten Hosen haben in «Hier kommt Alex» schon 1988 formuliert: «In einer Welt, in der man nur noch lebt / Damit man täglich roboten geht / Ist die grösste Aufregung, die es noch gibt / Das allabendliche Fernsehbild.» Warschau hat sich anders als Berlin zwischen Vergangenheit, Zerstörung, Zivilisationsbruch und der neuen Zukunft seit der Wende als die europäische Stadt etabliert, die sich im Kontext des Ukraine-Kriegs und der russischen Bedrohung nochmals ganz anders darstellt. Längst hat es zu regnen begonnen, und das durch die Hitzewelle herausgeforderte Europa wandelt sich in Warschau in einen kalten Herbsttag. Eine Ahnung davon vermitteln die Interviews dieser Woche in verschiedenen europäischen Zeitungen mit Anne Applebaum. Die amerikanische Historikerin und Journalistin warnt, liberale Demokratien stünden vor einer langfristigen Auseinandersetzung mit einem weltweiten Netzwerk autoritärer Staaten, das von Russland über China bis zum Iran reicht. Europa müsse deshalb mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen und dürfe sich nicht länger auf die USA verlassen. Zugleich betont sie, Russland sei trotz des langen Krieges gegen die Ukraine nicht auf der Siegerstrasse – entscheidend bleibe die westliche Unterstützung für Kiew. Demokratie sei widerstandsfähiger, als viele glaubten, müsse aber aktiv gegen Desinformation und autoritäre Angriffe verteidigt werden. Applebaum ist seit 1992 mit Radosław Sikorski verheiratet. Sikorski ist derzeit erneut Aussenminister Polens in der Regierung von Donald Tusk. In Warschau schliesst sich dieser Tage wieder der Kreis an einem Tisch, in einer Stadt, in einer Zeit, in der wieder permanent über Geschichte gesprochen wird. Jene Geschichte, von der seit 1989 viele behaupteten, sie sei an ihr Ende gelangt, die liberale Demokratie und Marktordnung würden ab jetzt die westliche Hemisphäre befrieden. Warschau stand für dieses Versprechen: Systemwechsel ohne Blutvergiessen, Europa scheinbar auf dem Weg zu einer dauerhaften, grenzenlosen Friedensordnung. Diese Erzählung beruhte auf der Annahme, Geopolitik und Grossmachtdenken, Nationalismus und damit Vaterländer seien in Europa historisch überwunden. Doch 2014 mit dem Überfall der Russen auf die Krim und spätestens seit dem Angriff auf die Ukraine ist diese Annahme aus einer selbstgerechten Blase Lügen gestraft worden: Männer- und Territorialkriege, Einflusssphären, nukleare Drohkulissen sind zurück auf dem Kontinent. War 1989 wirklich ein Bruch, oder nur eine historische Atempause im alten Muster der Grossmachtrivalität? Warschau bleibt in diesen Wochen die Bühne derselben ungelösten europäischen Grundfrage: Selbstbestimmung gegen Einflusssphäre. Der Regen hat aufgehört, und der Himmel ist in tiefes Rot getränkt. Hinter der Nożyk-Synagoge im sphärischen Mutterland neigt sich der Tag dem Ende zu im einstigen jüdischen Viertel – das von Erinnerung und Nostalgie lebt, die eine Zeit beschwört, die es gegeben hat in der einst so blühenden jüdischen Stadt vor dem kältesten Winter der Menschheitsgeschichte. Oder, wie es in der Anthologie heisst: «Kunst hat so wenig ein Vaterland wie die Arbeiter.»

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann