das jüdische logbuch 10. Jul 2026

Schweigen ist Sprechen

Venedig, Juli 2026. Im Ghetto von Venedig steht die Mittagshitze zwischen den Häusern. Die Sonne brennt hinunter, es weht ein starker heisser Wind. Besuchende kaufen Tickets und gehen in die Synagogen, wo es unwesentlich kühler ist. Das Ghetto lebt auf seine eigentümliche Weise und ist ein öffentlicher Ort geworden, zwischen falscher Nostalgie und richtigem Selbstbewusstsein. Die Chabadniks greifen sich die Menschen vom Hauptplatz im Ghetto und missionieren auf ihre Art, die in New York zum Stadtbild gehört und hier befremdlich wirkt, während um die Ecke die alte traditionsreiche jüdische Gemeinde Vermittlungsarbeit und Aufklärung betreibt. Zu sehen sind jüdische Touristen, Reisegruppen oder das Publikum der Biennale auf dem Weg zum Palazzo Manfrin, wo die Installationen von Anish Kapoor zu sehen sind. Vor San Marco schwimmt der «Delphin der Lagune» am Nachmittag neben dem Vaporetto zu den Giardini. Er ist seit Monaten zum Publikums- und Medienliebling geworden und soll in den Lagunengewässern leben. Er zeigt sich auch wieder an diesem Nachmittag.

«In Minor Keys» lautet das Kuratorenthema der aktuellen 61. Biennale. Das kuratorische Konzept von Koyo Kouoh, die vor der Eröffnung verstarb, setzt den Ton regelrecht auch für die Zeit. Moll-Tonarten für das Leise, Unaufgelöste, Elliptische, da nicht jede erzählte Geschichte ein Crescendo braucht, wenn Kouoh zu vernehmen ist: «Das Ungelöste, das Andeutungsvolle, das Geflüsterte mag auf seine eigene Weise Klarheit stiften.» Es geht um leisen Widerstand, um Melancholie, die zugleich Trost und Transzendenz enthält.

Im Arsenale greift die israelische Künstlerin das Thema in einer beeindruckenden Installation «Bound With the Living: Gathering in Venice» in einer multisensorischen Séance-Installation mit einem Ouija-Brett auf, das Geister in mehreren Sprachen, darunter Arabisch und Jiddisch, «sprechen und lesen» lässt. Modelle ritueller Objekte, begleitet von binauralem Sound, sollen das Publikum körperlich in die Anwesenheit verdrängter, unaufgelöster Geschichten hineinziehen. Das wird «Minor Keys» fast wörtlich: Flüstern statt Aussage, das Zulassen von «unquiet presences» statt einer geraden historischen Erzählung.

Das geht nahtlos über in die Installation von Mohammed Jabo. Der palästinensische Künstler thematisiert in seiner Installation Jaffa als Ort vielfältiger Erinnerungen und erzählt anhand von Stimmen und persönlichen Geschichten vom Zusammenleben, von Vertreibung und dem Verlust von Heimat. Die Arbeit verbindet individuelle Biografien mit der Geschichte der Stadt und macht Jaffa zu einem Symbol für die komplexe Vergangenheit und Gegenwart des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Israel präsentiert mit «Rose of Nothingness» eine Installation von Belu-Simion Fainaru, den Kuratoren Avital Bar-Shay und Sorin Heller. Sie geht von Paul Celans Bild von «schwarzer Milch» aus der «Todesfuge» aus: Schwarzes Wasser tropft in ein rechteckiges Becken, ein «gerahmtes Nichts», das zur Kontemplation einlädt statt zur Erklärung. Die Verortung in Venedig, wo einst der erste gedruckte Talmud entstand, verstärkt den Bezug zu Schrift, Erinnerung und kollektivem Gedächtnis. Schweigende Tropfen, kein Monument, keine explizite Aussage, sondern ein Raum aus Stille und Wiederholung, in dem Trauer nicht aufgelöst, sondern gehalten wird.

Das Montreal Jewish Museum zeigt mit der Installation Nabatele von Anna Kamyshan eine über der Lagune schwebende Holzsynagoge, ein Bild, das an Magrittes «Le Château des Pyrénées» erinnert. Der Titel, jiddische Verkleinerungsform von «nabat» («Warnung»), verwandelt Warnung in stille Präsenz. Verwiesen wird auf die verlorenen Holzsynagogen der osteuropäischen Schtetl und die nicht territoriale Idee von «Yiddishland» – Zugehörigkeit ohne Boden, gehalten nur vom inneren Licht des «ner tamid». Auch hier: Zuflucht als etwas Vorläufiges statt Gesichertes, ein Schweben statt eines Fundaments – strukturell eine Moll-Tonart.

In den Giardini schweigt der israelische Pavillon. Die Türe ist geschlossen, die Fenster mit Sichtpapier abgedeckt. Auf einem Computerausdruck steht, der Pavillon sei wegen Umbauten geschlossen. Das frappiert nicht nur das Publikum, sondern vor allem israelische Kunstschaffende, während der russische Pavillon geschlossen bleibt und auf eine kleine Musik-Installation zu Minderheiten im kriegsführenden Land reduziert ist. Die Pavillons in den Giardini bleiben vielfältig, jüdische und israelische Künstlerinnen tauchen allenthalben auf und noch mehr Besuchende aus diesen Gemeinschaften.

Die Aufregung um das Grosse Nichts oder das kleine Schweigen, die sich zu Beginn mit dem Rücktritt der Jury manifestierte, ist längst vergessen. Im Mai trat die fünfköpfige internationale Jury der Kunstbiennale von Venedig geschlossen zurück, nachdem sie angekündigt hatte, aus Protest gegen mutmassliche Menschenrechtsverletzungen keine Preise an Beiträge aus Ländern zu vergeben, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht werden – gemeint waren Russland und Israel. Der Konflikt um die Teilnahme beider Länder und der wachsende politische Druck führten wenige Tage vor der Eröffnung zum Rücktritt der gesamten Jury.

Derweil arbeitet sich die Schweizer Presse an berichteten Erbstreitigkeiten rund um die Kunstsammler Angela Rosengart und Werner Merzbacher am Thema «Juden und Geld» mit Suggestivberichterstattungen ab, die vor allem zeigen: selbst sogenannte Qualitätsmedien wie die NZZ bedienen antijüdische Klischees und lassen Fakten- und Fragestellungen dann lieber aussen vor und hofieren die Familien des NS-Waffenhändlers Georg Bührle, die unter Verdacht stehende Kunst im öffentlichen Raum kritiklos weisswaschen. Inzwischen stehen die Menschen Schlange vor dem österreichischen Pavillon, der seit Monaten Schlagzeilen macht mit der Installation von Florentina Holzinger und ihrer Nachhaltigkeitsheuchelei des Kunstbetriebs, die die Zuschauenden zu Voyeuren macht.

Deutschland zeigt mit «Ruin» von Henrike Naumann und Sung Tieu eine Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, Rechtsextremismus und dem Erstarken der AfD aus ostdeutscher Perspektive. Naumann starb kurz vor der Eröffnung. Belgien begeistert mit Miet Warlops performativer Sprachinstallation «It Never Ssst», Polen mit der Unterwasser-Choreografie «Liquid Tongues» von Gehörlosen und Hörenden. International oft gelobt werden zudem Island («Pocket Universe»), der Nordische Pavillon mit nordischer Mythologie, die Bahamas, die USA mit Alma Allens Skulpturen, Marokko sowie Somalias allererster eigener Pavillon. Die Ausstellung zieht sich endlos weiter durch die Palazzi der Stadt, während an einer Stelle im Arsenale zum Flüstern mit der Kunst eingeladen wird.

Die Zeit der leisen Töne beschreibt die Kuratorin Koyo Kouoh in ihrer Einleitung zur Ausstellung so: «Indem wir das Spektakel des Grauens zurückweisen, ist die Zeit gekommen, den leisen Tönen zuzuhören, sotto voce auf das Flüstern, auf die tieferen Frequenzen einzustimmen; die Oasen, die Inseln zu finden, in denen die Würde aller Lebewesen bewahrt bleibt.» Eine Würde, die die Besucherinnen und Besucher in den endlosen Räumen des Arsenale auf eine Reise durch Kulturen und Begegnungen mitnimmt. «Am Anfang von allem stehen Worte» schreibt Kouoh. «Worte sind Brücken zum anderen. Worte sind eine Offenbarung für einen selbst. Worte hängen in der Luft, wandern von Zungen zu Ohren, je nach Wind, Worte dringen in den Boden ein wie heimlicher Dünger, ihre Klänge, Rhythmen und Melodien durchduften die Luft.» Und wieder sind sie da, aus der Erinnerung. Die Zeilen aus Paul Celans «Selbdritt, Selbviert»: «Mit dem Mund, mit seinem Schweigen, / mit den Worten, die sich weigern.» Auf einmal sind Schweigen und Sprache nicht mehr Gegensätze, sondern als untrennbar miteinander verbundene Ebenen des Gleichen. Das Schweigen wird zum Sprechen. Zum schweigenden Sprechen in Zeiten, in denen das offene Wort verdrängt, der freie Gedanke zur Gefahr und das entfachte Wort zu oft zur Bedrohung, zur Waffe wird. Die Biennale will diese falsche Dialektik wieder ins richtige Gegenteil wenden. Gut so.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann