das jüdische logbuch von yves kugelmann 26. Jun 2026

Wer ist das Volk?

Basel, Juni 2026. Die 10-Millionen-Initiative ist vom Tisch. Die Wahlen in Deutschland stehen an. Das «Volk» ist wieder in aller Munde. Das «Volk» beginnt mit dem Nationalismus, der Autokratie, im Populismus, der Diktatur – mit der Vereinnahmung der Menschen als Ganzes. Wer «Volk» sagt, lügt – und entlarvt das Völkische. Das Volk gibt es nur dort, wo es als Volkskörper angerufen wird und nichts anderes bedeutet als ein künstliches Wir. Dort, wo Politik nicht im Namen der Verfassung, sondern der Ideologie betrieben wird. Doch Erstere schützt Bürgerinnen und Bürger vor Letzterer. Das mag nach semantischer Haarspalterei klingen, es geht aber ums existenzielle Ganze.

Der Volksbegriff war nie neutral. Er trägt strukturell eine völkische Logik in sich: die Suggestion von Einheit, Herkunft, Ausschluss. Wer vom Volk spricht, beschwört unweigerlich einen Körper, der Grenzen zieht – nach innen wie nach aussen. Die Demokratie aber kennt keinen solchen Körper. Sie kennt Bürgerinnen und Bürger, sie kennt den «demos», ein politisches Kollektiv, das nicht durch Blut oder Kultur definiert wird, sondern durch Verfassung und Recht. Habermas hat es präzise gefasst: Das Subjekt der Demokratie ist nicht das Volk, sondern die kommunizierende, streitende, sich verständigende Bürgerschaft – Zugehörigkeit durch geteilte Verfahren und Werte, nicht durch geteilte Abstammung. Isaiah Berlin hat gezeigt, wie positive Freiheit kippt, sobald eine politische Kraft behauptet, den wahren Willen «des Volkes» zu verkörpern: Was als Selbstbestimmung beginnt, endet als Zwang im Namen eines metaphysischen Kollektivs. Karl Popper, der dieses Muster im Exil vor Augen hatte, nannte es beim Namen: Totalitarismus aller Couleur ist im Kern tribal – eine geschlossene Gesellschaft, eine Revolte gegen die Zivilisation. Dort, wo das Volk als politische Anrufung auftaucht – als authentische Einheit gegen plurale Vielfalt, als Volkskörper gegen Fremde –, beginnt nicht Demokratie, sondern ihre Aushöhlung. Die Frage, ob man vom Volk oder von den Bürgerinnen und Bürgern spricht, ist deshalb keine Geschmacksfrage. Sie entscheidet, in welche Richtung eine Gesellschaft kippt. Ein Risiko mit bekannten Folgen in der modernen Geschichte. Und damit wird die aus der Vernunft begründete Grundbedingung klar, die alles Biologistische ersetzen muss – den Volkskörper, die Anbindung an Boden oder Blut – und die in der jeweiligen Sprache aufgelöst werden muss, die zu den Menschen gehört, ohne dass sie fortan für die Vermittlung von Ideologien missbraucht wird, welcher Art auch immer. Was heisst das im Jetzt und Heute für demokratische Politikerinnen und Politiker?

Das Volk muss dekonstruiert werden, damit die Demokratie funktioniert. Nicht als rhetorische Übung, sondern als politische Notwendigkeit. Denn der Begriff trägt in sich, was er vorgibt zu überwinden: Ausschluss, Homogenisierung, die Gewalt der Einheit gegen die Vielfalt. Populisten aller Couleur wissen das – und nutzen es. Sie sprechen vom Volk nicht, um zu beschreiben, sondern um zu konstruieren: ein Wir, das nur existiert, um die vermeintlichen Anderen dagegen zu stellen. Die jüdische Erfahrung kennt dieses Projekt von innen. Kein anderes Kollektiv wurde so konsequent als Gegenfolie des Volkes konstruiert, als das Nicht-Volk, das Fremde, der Körper im Volkskörper. Der europäische Antisemitismus war nie nur Judenhass. Er war Volkspolitik. Er definierte das Volk, indem er die Juden ausschloss – und legitimierte den Ausschluss als Selbstverteidigung des Kollektivs gegen das Andere. Hannah Arendt hat das in «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» mit unerbittlicher Klarheit gezeigt: Die Vernichtung begann nicht mit dem Mord, sondern mit der Denationalisierung, mit dem Entzug des Bürgerrechts, mit der Verwandlung des Bürgers in einen Staatenlosen, des Menschen in ein Mitglied einer Rasse. Wer kein Bürger mehr ist, ist vogelfrei. Der Volksbegriff hat dafür die Grammatik geliefert.

Die Frage nach dem Volk ist keine akademische. Sie ist für bedrohte Minderheiten immer existenziell gewesen. Und ist es wieder. Dort, wo heute vom Volk gesprochen wird – von seinen Feinden, seinen Verrätern, seiner Reinheit –, kehrt eine Logik zurück, die das letzte Jahrhundert überlagert hat, Massenmord und pure Unsicherheit bedeutet – wenn Elias Canetti in «Masse und Macht» die Dialektik aufschlüsselt, um das Dumpfe, Drohende, Deftige herauszuarbeiten. Politik der Redlichkeit kann nur bedeuten, das nicht existierende Volk nicht anzurufen, denn die Moderne hat es dekonstruiert. Die Antwort ist Arendts Insistenz auf dem Recht, Rechte zu haben, nicht als Mitglied eines Volkes, sondern als Mensch unter Menschen, als Bürger unter Bürgern. Demokratie schützt nicht das Volk. Sie schützt den Einzelnen vor dem von Populisten angerufenen Volk. Das Volk der Populisten ist keine empirische Grösse. Es ist ein Projekt. Ohren auf, Augen auf – wenn sich da jene entlarven, die in den nächsten Wochen und Monaten vom Volk sprechen. Niemand ist das Volk. Erst recht auf dem grünen Hügel von Bayreuth, der immer wieder zum braunen zu werden droht, mit der Negation von Geschichte und der Wiederbelebung eines wagnerischen Volkskörpers. Achtung. Da ist was.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

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