Basel, Juli 2026. Die Dekonstruktion der Wirklichkeit, von Narrativen und historischen Fakten hat nichts mit dem unterschiedlichen Zugang, sondern mit einer Ideologie der Lüge zu tun, die Wahrheit durch Vielfalt in die Doktrin der «Wahrheit» der Lüge verwandelt. Dafür benötigt es keine künstliche Intelligenz. Es reicht schon der Bruch mit dem Gesellschaftsvertrag. In Zürich steht mit dem Kunsthaus-Erweiterungsbau «Monolith» ein Monument für den NS-Kollaborateur Emil Bührle. In Bayreuth steht mit dem Festspielhaus ein Tempel für Richard Wagner. Im österreichischen Braunau am Inn macht in Hitlers Geburtshaus ein neuer Polizeiposten internationale Schlagzeilen, mit einer eigenwilligen Idee von getarnter Geschichte – und so fort. Die Stimmen der Menschenhasser können sich im öffentlichen Raum auch heute zu sehr durchsetzen, begleitet von jenen der Populisten und Autokraten. Mit dem privilegierten Zugang zur Res Publica kämpfen sie im Krieg der Narrative und erhalten Tempel des Vergesssens.
Die Ausstellung «Verstummte Stimmen» steht für die Aufarbeitung der Ausgrenzung jüdischer Künstler bei den Bayreuther Festspielen 1876–1945, dokumentiert in einer gleichnamigen Studie und seit 2015 durch Stelen im Festspielpark. Zum 150-jährigen Jubiläum 2026 eskalierte das Thema erneut: Publizist Michel Friedman wurde zunächst aus Sicherheitsgründen ausgeladen, nach öffentlicher Kritik entschuldigte sich Festspielleiterin Katharina Wagner und lud ihn wieder ein. Seine Gedenkrede am kommenden Sonntag auf dem grünen Hügel mit der verdrängten braunen Vergangenheit wird ein weiterer Versuch sein, jenen eine Stimme zu geben, denen sie mit ihrem Leben genommen wurde. Am Abend wird dann Hitlers Lieblingsoper «Rienzi» erstmals zu sehen sein.
Alles unwichtig, mag man denken, angesichts der zivilisatorischen Herausforderung der Gegenwart in der realen und der zusehends hineindrängenden digitalen Welt, deren Gift ihre Errungenschaften zu verdrängen droht. Die Konspiration ist auf dem Siegeszug. Adornos Primat über das Gerücht über Menschen, das stärker als Realität, durchsetzbarer als Wahrheit, wirksamer als jede Realität ist. «Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden», schrieb er 1951 in «Minima Moralia». Das gilt für alle Gerüchte in der inflationären Welt der Diskriminierung.
Die Tempel der Lüge wollten Wahrheit sein. Man muss den Menschenhassern nur zuhören, denn sie sagen oft die Wahrheit: «Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden», sagte Joseph Goebbels, und sie bleibt in Stein gemeisselt und gehuldigt. Aber am Sonntag pilgert die deutsche Wagner-Sekte für Wochen zum Wagner-Tempel, der bis heute die Elite formt, anstatt auf der Insel der Verbannung zu landen – die mehr als ein Sinnbild ist. Die Lüge geht weiter. Oft steht Wahrheit darauf, so wie die Werbeindustrie auf giftigen Produkten «gesund» schreibt. Ob da Frankreichs diese Woche beschlossenes Jungendschutzgesetz zur Begrenzung der sozialen Medien nützt, wird sich zeigen müssen. Wenn in der freien Gesellschaft kritisches Denken sich nicht mehr durchsetzen kann, dann hat die vernunftsbedingte Aufklärung kapituliert.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
24. Jul 2026
Wenn die Lüge Wahrheit wird
Yves Kugelmann