Zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele wird die «Rienzi»-Oper zum ersten Mal auf dem Grünen Hügel gezeigt – die Rezeptionsgeschichte der frühen Wagner-Oper ist zwiespältig.
Nein, zufrieden war er nicht, Richard Wagner, nach den ersten Bayreuther Festspielen 1876. Zwar konnte er das gigantomanische Herzensprojekt eines eigenen Festspielhauses schliesslich verwirklichen und dreimal alle vier Teile seiner «Ring»-Tetralogie hier aufführen. Zahllose Bettelbriefe, Subskriptionsversprechen und Benefizkonzerte waren dafür nötig gewesen, und schliesslich half ein wahrhaft königlicher Zuschuss vom Wagner-affinen Ludwig II. dem Projekt finanziell auf die Beine.
Die Vorbereitungen verlaufen turbulent: Wagner als – natürlich – sein eigener Regisseur singt und spielt alles vor. Nichts geht rasch genug, Hans Richter dirigiert, aber hinter ihm gestikuliert Wagner doppelt so heftig. Der Dirigent Felix Mottl ist Wagners Assistent und gibt den szenisch überforderten Rheintöchtern von der Seite die Einsätze.
Enttäuschung trotz Erfolg
Dennoch: Die ersten Festspiele in Bayreuth wurden ein Ereignis, das Echo war gross. Viel Prominenz war angereist, Komponistenkollegen wie Franz Liszt, Anton Bruckner, Edvard Grieg oder Pjotr Iljitsch Tschaikowski hörten mit, selbst Kaiser Wilhelm I. liess sich den Besuch nicht entgehen. Dennoch endeten die ersten Festspiele finanziell in einem Desaster. Das konnte Wagner wegstecken; nicht zum ersten Mal stand er vor einem Schuldenberg.
Bühnenbilder und Kostüme mussten verkauft werden, und Wagner bemühte sich, auf weiteren Konzertreisen Mittel zusammenzutreiben. Erst 1882 gab es zum zweiten Mal Festspiele auf dem Grünen Hügel. Diesmal mit dem eben fertiggestellten und als «Bühnenweihfestspiel» apostrophierten «Parsifal». Bis 1913 übrigens konnten es die Wagner-Erben durchsetzen, dass dieses Werk ausschliesslich in Bayreuth gezeigt werden durfte.
Nein, wirklich enttäuscht nach den ersten Festspielen 1876 war Wagner von der künstlerischen Qualität der Aufführungen. Seine Vision des Musikdramas mit dem unsichtbaren Orchester, über dessen Klänge sich sein «Kunstwerk der Zukunft» erheben sollte, erschien ihm als banales Theater. Die Kulissen waren ihm zu konkret und wuchtig, statt schattenhaft andeutend; die Kostüme empfand er als bieder und amateurhaft: Wie Indianerhäuptlinge hätten seine Helden ausgesehen.
Das Wagner-Mekka
Anspruch und Wirklichkeit klafften noch des Öfteren auseinander in der 150-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele. Am wenigsten zwischen 1960 und 2000, als es nach dem umstrittenen Neustart unter den Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang schliesslich gelang, tatsächlich die besten Wagner-Kräfte ins Frankenland zu locken. Im Orchester spielte mit, wer es wirklich liebte und sich für diese Musik nach Kräften einsetzen wollte. Dasselbe galt für den Chor.
Die besten Dirigenten fühlten sich geehrt durch die Einladung, und so zogen auch die besten Wagner-Stimmen Sommer für Sommer hierher. Die Regiesprache von Wieland Wagner mit der radikalen Abstrahierung entfachte zuerst Proteste, wurde aber zunehmend als stilbildend akzeptiert. Mit dem «Jahrhundert-Ring», den Patrice Chéreau 1976 zum 100. Geburtstag der Festspiele inszenierte, fasste das Regie-Theater Fuss in Bayreuth und die namhaftesten Regisseure wetteiferten darum, in Wagners Werken Wesentliches über unsere Gegenwart zu sagen.
Dabei ist es auch unter der Leitung der Wagner-Urenkelin Katharina Wagner, die ab 2009 und bis 2015 zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquer nach heftigen Nachfolgediskussionen die Führung übernahm, geblieben. Neu sind dieses Jahr zwei Dinge. Erstens: Die Festspiele 2026 gelten als ausverkauft. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall. Während man früher jahrelang demütig auf grünes Licht von der Kartenkasse warten musste, um für welche Vorstellung auch immer endlich stundenlang doch die langen Beine in die engen Reihen des Amphitheaters quetschen zu dürfen, sind einzelne freie Plätze zu einem gewohnten Bild geworden.
Ein Schreihals?
Neu vor allem aber ist diesmal, dass eines der drei Jugendwerke Richard Wagners, die bisher vom Werke-Kanon Bayreuths ausgeschlossen waren, zum Festspiel-Geburtstag nun auf die heilige Wagner-Bühne kommen darf. Der 20-Jährige komponierte 1833 «Die Feen», eine frühromantische Märchenoper nach dem Vorbild von Weber und Marschner, die erst 1888 zum ersten Mal überhaupt aufgeführt wurde. Wenig besser erging es dem «Liebesverbot», einer komischen Oper nach Shakespeares «Mass für Mass», die 1836 in Magdeburg unter suboptimalen Bedingungen ein einziges Mal erklang.
«Rienzi», ein Historiendrama über den Römer Volkstribun Cola di Rienzo, wurde Wagners erster Triumph. Die Uraufführung 1842 in Dresden ebnete seine Berufung zum sächsischen Hofkapellmeister. Wagners Bann über seinen Römer Volkstribun fiel nicht sogleich. Vorerst war er ganz zufrieden mit seinem Œuvre, welches die französische Grande Opéra inklusive grossem Ballett mit Elementen des Belcanto verknüpft. Wagner war ein grosser Bewunderer von Bellinis Kunst der melodischen Gestaltung, und das ist – nicht nur in den Arien, sondern gerade auch in den grossen Chören – im «Rienzi» auf Schritt und Tritt zu hören.
Noch 1871 schrieb Wagner in einem Brief: «Dem Rienzi sollten sie doch das Feuer ansehen; ich war Musikdirektor und schrieb eine grosse Oper.» Oder in einem anderen Brief: «Jedes Finale wie ein Taumel, ein besoffener Unsinn von Leiden und Freude.» Und man kann diese Haltung problemlos nachvollziehen. Erst später, als mit «Holländer», «Tannhäuser» und «Lohengrin» das Wagner’sche Musikdrama im Sinne seiner theoretischen Schriften auch in Partitur greifbar war, da geriet «Rienzi» in Ungnade. Als «Schreihals» apostrophierte ihn Wagner einmal, als «undeutsch» wurde er von Cosima verurteilt, als sie nach Wagners Tod zur Gralshüterin in Bayreuth aufgestiegen war.
Womit sie zweifellos recht hatte: zu italienisch die Melodik, zu französisch die Form. Die frühromantische Harmonik hat ihre eigenen Reize, und in der Orchestrierung ist durchaus der spätere Wagner schon deutlich zu hören. Zusammen mit dem treuen Wagner-Assistenten Felix Mottl versuchte Cosima eine Ehrenrettung, kürzte Arien, strich ausufernde Finalbildungen des Belcantostils. Aber der Kanon der zehn «gültigen» Wagner-Opern stand eisern fest, und nicht einmal die Nationalsozialisten, die in Bayreuth willige Gefolgsleute fanden, schafften es, Hitlers Lieblingsoper auf dem Grünen Hügel zeigen zu lassen.
Hitlers Lieblingsoper
Hitler hatte als 17-Jähriger in Linz eine Aufführung des «Rienzi» auf dem Stehplatz bewundert und diesen Moment als Anfang seiner Wagner-Begeisterung benannt. Dass er den «Rienzi» zu seiner Lieblingsoper kürte, dürfte auch am Thema liegen: Der aus einfachen Verhältnissen stammende Rienzi schafft aus eigener Kraft den Aufstieg zum Politiker und Populisten, bietet den römischen Adelsfamilien die Stirn und errichtet als Volkstribun eine gerechte Herrschaft.
Dass auch das heroische Scheitern mit der Figur verbunden ist, tat Hitlers Begeisterung keinen Abbruch. Und so diente die «Rienzi»-Ouvertüre als willkommene Aufmarschmusik bei Parteitagen. Aber Hitler ist auch schuld, dass wir keine genaue Vorstellung davon haben, wie das Werk wirklich klingen sollte: Die Original-Handschrift hatte Hitler sich schenken lassen. Sie verbrannte wohl in den Trümmern der Reichskanzlei. Die Partitur der Uraufführung wurde ein Opfer der verheerenden Bombenangriffe auf Dresden 1945.
So haben wir als Quelle bloss ein frühes Particell mit den Singstimmen. Jede Aufführung muss sich um Kürzungen Gedanken machen, denn schon da war Wagner lang. Zwischenzeitlich teilte er das Werk in «Rienzis Aufstieg» und «Rienzis Fall», um alle Nummern unterbringen zu können. Eine Fassung von letzter Hand fehlt, und so muss sich für Bayreuth 2026 auch das ungarische Regie-Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka für eine Form und Fassung entscheiden. Was macht die Masse aus dem Menschen, wie beeinflusst Politik das Individuelle: Das sind die Fragen, die die beiden Frauen stellen wollen. Und der Geschwisterliebe im Stück begegnen sie mit einer hinzuerfundenen Familiengeschichte.
Villa Rienzi in Zürich
Jetzt also darf «Rienzi» an den Bayreuther Festspielen auf die Bühne. In die Schweiz hat es die Oper noch nie geschafft. Es gab allerdings in Zürich eine «Villa Rienzi», wenn auch nur inoffiziell: So nannten Wagners Freunde das Haus in der Enge, direkt am See, in dem Wagner mit Minna ein Jahr lang wohnte. 1849 musste er als gesuchter Revolutionär, der die Mai-Aufstände in Dresden finanziell und logistisch unterstützte und sogar Handgranaten organisiert haben soll, aus Deutschland fliehen.
Zürich, damals bloss 17 000 Einwohner gross, aber liberal eingestellt, bot einigen der revolutionär Gesinnten Zuflucht. Gottfried Semper etwa, der Barrikaden für die Strassenkämpfe und erst danach die Eidgenössische Technische Hochschule baute, gehörte zu Wagners Zürcher Freunden, ebenso Gottfried Keller oder die Schriftstellerin Eliza Wille. Die Stadt fand er sterbenslangweilig, aber er gab in den Salons den Alleinunterhalter. Für die mit Alkohol und Laudanum gefügig gemachten Gäste sang, spielte und las er ganze Opern – in breitestem Sächsisch, was allein schon ziemlich erheiternd gewesen sein muss.
Die Geburt der Nibelungen
In Zürich aber fand Wagner auch Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Seine wesentlichen Schriften wie «Das Kunstwerk der Zukunft» entwarf er in dieser Zeit. Und er plante seine kommenden Musikdramen. «Tristan und Isolde» liess sich von der Affäre mit Mathilde Wesendonck, der Ehefrau seines Zürcher Gönners, inspirieren, die «Meistersinger von Nürnberg» gerieten auf seinen Radar, vor allem aber arbeitete er an seinem grossen Weltuntergangsdrama «Der Ring des Nibelungen».
Erste Ideen dazu waren noch in Dresden festgehalten worden, als die Oper noch «Siegfrieds Tod» hiess und zwar bereits Wagner’sche Längen aufwies, aber noch nicht mehrere Abende umfasste. Um seinen Helden aber ins rechte Licht zwischen Schicksal, Bestimmung und freiem Willen zu rücken, wurden sukzessive die umfangreichen Verstrickungen der nordischen Götterwelt mit Implikationen auf Siegfrieds Eltern bis hin zu Alberichs Fluch und dem Raub des Rheingolds als Vorgeschichte notwendig.
1853 hatte Wagner sein Libretto erstellt und begann vorne mit dem Komponieren. Wer 136 Takte Es-Dur zur Schilderung der Wogen des Rheins benötigt, darf schon die 14 bis 15 Stunden einer Gesamtaufführung einkalkulieren. Und er muss sich nicht wundern, wenn er erst 21 Jahre später – plus eingeschoben «Tristan» und «Meistersinger» – mit dem «Erlösungsmotiv» das Ende der Götter besiegelt. Immerhin, das war gerade rechtzeitig für die ersten Bayreuther Festspiele.