das jüdische logbuch 04. Sep 2026

Back to the Future

Frankfurt, August 2026. Die Säle sind gefüllt, als dieser Tage Norbert Cymbalista im Jüdischen Museum in Frankfurt seine Sammlung von Rimonim (vgl. Seite 12) eröffnet und sich den Fragen des Publikums stellt. «Wenn man hundert Jahre alt ist, muss man an die Zukunft denken», antwortet Cymbalista auf eine Frage, um kurz darauf zu sagen: «Wir haben viel über die Vergangenheit gesprochen. Doch das Wort Zukunft ist nicht einmal gefallen.» Zukunft war immer eine Art Mantra, das in diesen Wochen der Israel-Debatten aber auf einmal realpolitische Bedeutung erhält. Israel-Debatten, die zu vieles überlagern. Kaum ein internationales Thema, in dem Israel nicht ins Zentrum gerückt wird oder sich selbst dorthin rückt – und darüber ein richtiges oder falsches Abbild jüdischer Gemeinschaften entsteht, an dem sich dann unzählige jüdische, jüdisch-christliche, christliche oder sonst wie geartete Organisationen abarbeiten. Wer in diesen Tagen allein auf die internationalen Schlagzeilen blickt, fragt sich, ob die Bespielung der Themen über Israel sinnvoll ist. Bei der Suche nach der Nachfolge des UN-Generalsekretärs etwa werden Kandidatinnen und Kandidaten wie Rafael Grossi, Michelle Bachelet, Rebeca Grynspan oder María Fernanda Espinosa kaum nach Führungsqualität oder Reformwillen befragt, sondern in erster Linie nach ihrer Haltung zu Israel sortiert – als entscheide sich am höchsten Amt der Vereinten Nationen vor allem eine Nahost-Frage. Bei der UEFA zieht sich der Streit um einen möglichen Ausschluss Israels aus dem europäischen Fussball seit Monaten hin und überlagert sämtliche anderen Verbandsthemen. In New York dominiert die Aussage von Bürgermeister Zohran Mamdani über die proisraelische Lobbyorganisation AIPAC monatelang die Stadtpolitik und die Vorwahlen, während andere kommunale Fragen kaum Raum finden. Im britischen Unterhaus verdrängt eine Debatte über den «israelischen Einfluss auf die britische Politik» andere innenpolitische Themen. Selbst ein schlichtes Wasserabkommen zwischen dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua und einer israelischen Firma genügt, um im August 2026 landesweite Märsche in zwölf Bundesstaaten auszulösen – aus einer technischen Infrastrukturfrage wird über Nacht eine nationale Israel-Debatte. Auch die für den 30. Oktober an vierzig Häfen in Frankreich, Griechenland, dem Baskenland, der Türkei, Marokko und Italien angekündigten Hafenarbeiterstreiks richten sich explizit gegen Waffentransporte für Israel und Gaza: Aus einem gewerkschaftlichen Arbeitskampf wird ein geopolitisches Statement. Und in der Luftfahrt sorgt die Eskalation mit dem Iran dafür, dass Lufthansa, Easyjet, Ryanair, British Airways und andere ihre Israel-Strecken monatelang aussetzen und die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA vor dem gesamten Golf-Luftraum warnt – ein eigentlich rein sicherheitstechnisches Thema wird zur Dauer-Israel-Meldung in der Reisebranche. Mit den israelischen Wahlen, den weiteren Entwicklungen in Nahost wird Israel in den kommenden Monaten noch vermehrt im Minutenrythmus die Kanäle fluten. Die Debatten haben sich längst verselbstständigt, werden zusätzlich toxisch geführt von Akteuren aller Seiten und bewirtschaften einen Teufelskreis, der Aufklärung zum Ziel hat, aber letztlich Stigmatisierung, Stereotypisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und so fort zementiert. Wenn die jüdische Gemeinschaft sich in den Dienst Israels stellen will, dann muss sie dies mit gesundem Selbstbewusstsein tun und nicht mit falschen Attitüden und dabei innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht jene ausgrenzen, die andere Positionen vertreten. Wer permanent Demokratie einfordert, muss sie endlich auch nach innen leben und darf sie erst bei jenen anmahnen, die sie nicht erst seit dem 7. Oktober verteidigen. Ob letztlich der gewählte Israel-Fokus richtig, sinnvoll oder hilfreich ist, wird sich zeigen. Zumindest seit dem 7. Oktober hat sich gezeigt, dass gerade jüdische Organisationen und Intuitionen als Über-Partei wahrgenommen werden, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Was das wiederum für eine jüdische Zukunft, Sicherheit und Aufklärungsarbeit bedeutet, sollte ernsthaft reflektiert und verhandelt, anstatt es jenen zu überlasssen, die eine ideologische Agenda im Namen der Juden vorantreiben.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann