das jüdische logbuch 21. Aug 2026

Dystopie wird Realität

Nizza, August 2026. In der Bibliothek dieses alten Hauses inmitten der hügeligen Provence steht George Orwells Buch 1984 verkehrt rum im Regal: «Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der ein menschliches Gesicht zertrampelt – unaufhörlich.» Unten im Garten sitzt eine Gruppe jüdischer Freunde beim Abendessen, daneben zwei israelische Frauen. Es wird diskutiert, gelacht. Es ist längst dunkel, doch auch der Wind vermag die enorme Hitze nicht zu kühlen. Was haben diese jüdischen Menschen mit all dem zu tun, was seit Monaten in Nahost eskaliert? – Es sollte an diesem Abend kein Thema werden. Oder hätte es das werden müssen angesichts der Gravität, mit der der Nahostkonflikt jüdische und israelische Gemeinschaften betrifft, entzweit und oft ohnmächtig zurücklässt? Es geschieht immer und immer wieder. Niemand ist davor gefeit. Selbst jene nicht, die sich gefeit sahen – und dann nicht mehr reagieren, wenn es passiert. Diejenigen, die vor der Entwicklung gewarnt haben, wurden einst verbannt, heute sind sie vergessen. Doch die Pogrome von extremistischen Israelis gegen Palästinenser, jüdischer Terrorismus gegen Beduinen, die Mordaufrufe israelischer Minister, die Zerstörung des einstigen Israel-Projekts, die permanente Kriegssituation sind ebenso Realität wie der Judenhass, islamistischer Terror, Massaker an Zivilbevölkerungen und so fort. Was, wenn auf einmal Israels Armee zuschaut, wenn radikale Siedler Palästinenser attackieren, jüdische Zivilisten nicht mehr schützen und zuschauen, wenn Unrecht geschieht anstatt es zu verhindern? Was, wenn die Dehumanisierung der Anderen nicht mehr Exzess, sondern langsam, aber sicher zur Doktrin wird, Einlass findet in Systeme, Behörden, Armee? Was, wenn der Wahnsinn Wirklichkeit wird? Was, wenn ehemalige Militärs, Politiker, wenn andersdenkende Israelis zum Feind gemacht, als selbsthassende Juden und so fort degradiert und selbst verbriefte Wahrheiten zur Lüge degradiert werden? «Wenn die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden soll, wenn die ‹Hohen›, wie wir sie genannt haben, ihre Positionen dauerhaft behalten sollen, dann muss der vorherrschende Geisteszustand kontrollierter Wahnsinn sein» (Georg Orwell, 1984). Es braucht keinen Totalitarismus, keine gewaltsam durchgesetzte Gleichschaltung, um ein System zu etablieren, das zum Tod führen kann. Die Mechanismen, die in die Unfreiheit führen, brauchen den Überwachungsstaat längst nicht mehr. Der vorsätzliche Mordaufruf von Israels Minister Itamar Ben-Gvir ist die letzte Zäsur in einer Reihe von Entwicklungen, die sich seit Monaten vor aller Augen abspielen und die viele ebenso wenig wahrhaben wollen wie jene die Judenhass, teils sogar Massaker negieren, relativieren, instrumentalisieren. Es geht nicht um Ben-Gvir, sondern um das System, die Gesellschaft und Politik, die ihn ermöglicht und zugelassen hat. Denn die Frage bleibt vorderhand und vielleicht auch nach den bevorstehenden israelischen Wahlen unbeantwortet: Ist diese Eskalation ein End- oder ein Anfangspunkt und erst der Prolog zu einem Israel, das nichts mehr mit jenem zu tun hat, an das so viele glauben und dafür gekämpft haben? Irgendwann kann jede Ausnahme Normalität werden in der Kaskade der Ereignisse. Bei Orwell passt Minister Winston Smith im Ministerium für Wahrheit die Geschichte an. Irgendwann folgen Menschen den neu geschaffenen Wahrheiten, Verführung und Propaganda. Unausweichlich. Auch in Demokratien und offenen Gesellschaften. Wenn Juden erst dann aufwachen, wenn das System sich auch gegen sie wendet, wird es längst zu spät sein. Doch genau dies wird immer greifbarer.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann