das jüdische logbuch 28. Aug 2026

Es werden Kinderaugen bleiben

Cagnes-sur-Mer, August 2026. Alice sitzt am Tisch und blickt auf das letzte Foto von ihr und ihrem Vater. Entstanden ist es unweit von Vichy. Es muss 1940 gewesen sein, wenige Tage vor seiner Abführung ins Lager nach Drancy, von wo er nach Auschwitz deportiert wurde. Sie sitzt fröhlich lächelnd auf dem Schoss ihres Vaters Meyer, der 1920 von Polen nach Frankreich emigriert ist und seine aus Warschau stammende Frau geheiratet hat. Doch im Blick des Vaters auf dem Foto zeichnet sich ab, was die kleine Alice nicht ahnen konnte und ihr an diesem August-Tag die Tränen kommen lässt. 1943 wird der Vater ermordet. Die Mutter versteckt das Kind bei Bauern in Frankreich. Fortan leben sie teilweise getrennt, werden später in Paris leben. Das Kind wird getauft. Die Mutter sagt: «Es wird wieder passieren. Ich wollte dich schützen.» Die Familien der Eltern wurden alle ermordet. Nur Alice wird in die nächste Generation kommen. Nun wird sie 90, hat sieben Kinder, 13 Enkel und zwei Urenkel. Sie wollte immer nach Auschwitz und den Todesort ihres Vaters besuchen. Doch es sollte nie dazu kommen. Sie ist kaum gereist, hat Kinder grossgezogen und musste mit wenig Mitteln zurechtkommen. «Ich spreche jeden Abend mit meinen beiden Eltern», sagt sie und blickt auf Fotos, Dokumente und die 1950 erhaltene Verschriftlichung des Todes ihres Vaters, der für Frankreich gestorben ist, wie es da heisst. Es ist eine von so vielen Geschichten, von denen jede anders ist – und wichtig ist. Die Geschichten der Verfolgten, Verfehmten, Vertriebenen, Vernichteten sollten sich so nicht mehr wiederholen nach 1945. Doch die Geschichte von Verfolgten, Verfehmten, Vertriebenen hat nie aufgehört. Alice weint am Tisch. Ihr ganzes Leben stand immer im Kontext von Flucht, Versteck, verheimlichtem Judentum und der Angst vor dem wieder Möglichen. Die Kinderaugen auf dem Foto blitzen wieder auf. Die alte, gebrechliche Frau hat den Blick von damals behalten. Ihre Geschichte wolle sie nie aufschreiben. Doch fast täglich schaut sie sich wieder die Dokumente aus der Zeit ihrer Kindheit an, die ihr genommen wurde. – Was lehrt diese Geschichte und der Blick nach vorne durch die Vergangenheit? Im Abgleich mit der realen Gegenwart mag man ernüchtert ein Fazit ziehen, dass Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus und so fort durch Zeugnisse und Aufarbeitung nicht weniger werden. Weshalb, warum oder wie anders? Viele Kinder von heute werden in Jahrzehnten weinend über ihrer Geschichte und ohnmächtig vor der Tatsache sitzen, dass ihnen dieses eine Leben genommen wurde und die freie Entscheidung nicht möglich war. Kinder, deren Geschichten nicht missbraucht werden sollen im heutigen absurden, despektierlichen Kampf der Narrative. Denn eines sollte die Gerichtsbarkeit der Verbrechen der Nachkriegszeit gelehrt haben: Unrecht ist unabhängig von Herkunft, Kontext, Religion der Opfer. Das gilt es zu lehren, gerade in diesen Tagen.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann