das jüdische logbuch 03. Jul 2026

Dialektik mit Kölsch

Köln, Juli 2026. Am Rheingarten herrscht mediterrane Stimmung. Unter dem Ludwig-Museum hinter dem Kölner Dom sind die Bars und Restaurants am Rheinufer voll von Menschen und mehrere Dutzend Bildschirme aufgestellt. Die Luft ist noch warm, vom Rhein weht ein starker Wind und weht das Brummen der Schiffsmotoren herbei. Aus der Ferne sind Eisengeräusche der Züge zu hören, die über die Hohenzollernbrücke in den Kölner Hauptbahnhof einfahren. Dort befindet sich ein Mahnmal für die homosexuellen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus. Neben dem Dom erinnern zahlreiche Stolpersteine an jüdische Bürgerinnen und Bürger, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Senegal liegt gegen Belgien mit zwei Toren in Führung. In den letzten 4 Minuten des Spiels gleicht Belgien aus. Das Spiel geht in die Verlängerung und Belgien gewinnt nach einem Elfmeter. Es wird viel Kölsch getrunken und die Menschen sprechen immer lauter. Englisch, viel Französisch, Deutsch, Türkisch und Arabisch. Auf den Wiesen Richtung Rhein sitzen Menschen, spielen Karten, picknicken oder spielen Fussball. Es ist ein ganz anderes Deutschland als jenes in der öffentlichen Debatte. An einem Tisch sitzen sechs dunkelhäutige Menschen unter einem Screen. Sie diskutieren heftig auf Hebräisch. Junge «Falasch Mura» – früher abwertend verwendet mit der Bedeutung Aussenseiter – im Alter zwischen 25 und 30, die als Kinder mit ihren Eltern aus Äthiopien ausgewandert und gerade auf einer Europareise sind und ihre Geschichten erzählen. Eine von vielen an diesem Abend zu Migration, Grenzerfahrungen und nomadischen Biografien, die die Menschen mit jenen am Nebentisch eint – und nicht trennt. Auf der Zeitungsauslage liegt der «Kölner Stadt-Anzeiger»: «Wo ist die Cancel Culture, wenn man sie braucht?» zur aktuellen Debatte um den Satiriker Dieter Nuhr. In seiner Sendung «Nuhr im Ersten», sagt er, das Risiko, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei «praktisch null», er rät Frauen scherzhaft, ihren Partner vor dem Sex erst kennenzulernen. Anne Burgmer nennt das im -Kommentar eine perfide Täter-Opfer-Umkehr und sachlich falsch, da laut Bundeskriminalamt rund vier von fünf Frauenmorden von (Ex-)Partnern begangen werden, die Opfer die Täter also meist gut kannten. Sie kritisiert zudem das applaudierende Studiopublikum sowie ARD und RBB, die Nuhr mit Verweis auf die Kunstfreiheit verteidigen. Der Titel «Wo ist die Cancel Culture, wenn man sie braucht?» ist als Vorwurf gemeint, dass Nuhr ohne echte Konsequenzen davonkommt. Nuhrs Produktionsfirma Nuhr TV GmbH hatte indessen der österreichischen Zeitung «Der Standard» wegen eines ähnlich kritischen Kommentars mit Klage gedroht, machte diese Drohung nach Ablauf der gesetzten Frist aber bislang nicht wahr. Zwei Wochen davor hat der Zentralrat der Juden in Deutschland Nuhr mit dem Leo-Baeck-Preis geehrt und ihm den Koscherstempel für eine Satire aufgedrückt, die reaktionäre Gesellschafts- und Menschenbilder transportiert. Der Kontrast könnte an diesem Abend nicht grösser sein und Medien-Debatten über ideologischen Kaffeesatz nicht absonderlicher. Der Strassenmusiker mit Trompete lädt zum Besuch der angrenzenden Bar mit Life Jazzmusik. Die israelische Gruppe von Falsch Mura diskutiert noch bis tief in die Nacht. Es wird gesungen und ein spannender Fussballabend entlässt die Menschen in alle Richtungen, während Serge Gainsbourg «Je t’aime… moi non plus» aus dem Jazzclub klingt.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann