im Gespräch 17. Jul 2026

«Ich musste das Buch zur Seite legen»

Axel Prahl wird nach einer Rolle als Carl Clauberg in «Block 10» von Pro-Israel-Aktivisten kritisiert.

Schauspieler Axel Prahl spielt im Auschwitz-Film «Block 10» eine Nazi-Rolle und wird von Pro-Israel-Aktivisten kritisiert – ein Gespräch über absurde Debatten, freie Rede und Erinnerungskultur.

tachles: Sie spielen in «Block 10» den Arzt Carl Clauberg in einem Konzentrationslager (KZ), eine Figur, über die es kaum öffentliches Wissen gibt. Wie haben Sie sich ihr angenähert?
Axel Prahl: Unsere Produzentin und Drehbuchautorin Alice Brauner hat mir viel Material über diesen Unmenschen zukommen lassen. Von Clauberg wusste ich zuvor nichts – seine Taten wurden nie juristisch verfolgt, weil er kurz vor Prozessbeginn an einem Herzinfarkt starb. Bei der Lektüre musste ich das Buch mehrfach zur Seite legen. Die Sekundärliteratur und die Aussagen der Überlebenden zeigten mir: Diese Grausamkeiten sind exakt so geschehen. Wenn man Claubergs Werdegang studiert, wird sehr schnell klar, wie sehr Macht einen Menschen verändern kann.

Was hat diese Rolle bei Ihnen persönlich hinterlassen?
Sie hat meine Abscheu und meinen Ekel solchen Menschen gegenüber weiter verfestigt. Dieser Verbrecher hat Menschen zu Tieren degradiert, um seine perfiden Versuche an ihnen durchführen zu können – und das im Namen der Wissenschaft.

Hat Sie die Rolle über den Dreh hinaus verfolgt?
Mehr als jede andere Rolle bisher. Auch wenn jedes Detail vorher mit den Kolleginnen aufs Feinste abgestimmt war, kosteten die Szenen enorme Überwindung. Normalerweise lockert man Drehpausen mit ein paar Sprüchen auf, hier ging das nicht. Abends musste ich mit meiner Frau noch lange darüber reden, um es loszuwerden.

War es auch eine politische Entscheidung, diese Rolle anzunehmen – angesichts von AfD, Kriegen und einer neuen Dehumanisierung weltweit?
Bis in die Neunziger wurde die Shoah in deutschen Schulen fächerübergreifend behandelt, das ist heute leider nicht mehr so. In unserer Familie spielen Werke jüdischer Künstler eine grosse Rolle, insofern war das Thema für mich immer präsent. So etwas darf nie wieder passieren. Niemandem, nirgends auf der Welt. Und schon gar nicht darf es je wieder von deutschem Boden ausgehen.

Wie vermittelt man Erinnerungskultur heute jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die andere Kriegserfahrungen mitbringen?
Es ist wichtig aufzuzeigen, dass Deutschland durch seine Geschichte eine ganz besondere Verantwortung hat. Eine Sensibilität zu schaffen, dafür steht Erinnerungskultur. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Stolpersteine. Ich bin einer der Sprecher der Audiotour zu den Berliner Stolpersteinen. Manche Geschichten sind dabei von den Autoren bewusst leicht erzählt – das öffnet Jugendlichen oft eher die Ohren als reine Betroffenheit.

Political Correctness, Cancel Culture, ein Kunstraum mit immer mehr Bedingungen – wie erleben Sie diese Entwicklung persönlich?
Es gibt berechtigte Ansprüche. Wenn ich etwa aus Mark Twain vorlese, taucht dort ständig das N-Wort auf – zeithistorisch bedingt, aber heute würde ich es nicht mehr einfach vorlesen, sondern die Geschichte vorher in den historischen Kontext stellen. Es kommt eben auf den geschichtlichen Zusammenhang an. Dass Minderheiten geschützt werden müssen, finde ich richtig.

Ist freies Sprechen für eine öffentliche Person schwieriger geworden?
Vor allem in den sozialen Medien. Heutzutage wird bei jeder Debatte gleich das ganz schwere Geschütz ausgepackt – nicht immer aus Überzeugung, sondern um Andersdenkende einzuschüchtern und mundtot zu machen. Mir wurde etwa unterstellt, ich habe mich «öffentlich gegen jüdische Schauspieler positioniert und ihnen faktisch das Recht abgesprochen, ihrem Beruf und damit ihrem Broterwerb nachzugehen» – völliger Unsinn. Das ist justiziabel, und ich überlege tatsächlich, diese Personen wegen öffentlicher Falschaussage anzuzeigen.

Adorno beschrieb Antisemitismus als «das Gerücht über die Juden» – ein diffuses Bild, das sich verselbständigt. Erkennen Sie diese Dynamik in Ihrem Fall wieder?
Ich würde meine Situation damit ganz sicher nicht vergleichen wollen. Es wird eben etwas gebetsmühlenartig wiederholt, um ein Bild zu etablieren und mich mundtot zu machen.

Sie haben den offenen Brief von Amnesty International zur Lage in Gaza unterzeichnet. Was war der entscheidende Beweggrund?
Auslöser war die von der israelischen Regierung angeordnete Blockade von Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Diese Entscheidung trifft vor allem die unschuldige Zivilbevölkerung, Kinder, Mütter, alte Menschen. Das halte ich für eine humanitäre Katastrophe, und darauf darf man in einer Demokratie hinweisen. Auch Bundeskanzler Merz sagte am Rande eines Treffens des Nordischen Rats in Finnland, er sehe sehr kritisch, was da geschehe, und in der SPD wurden Stimmen laut, die einen Stopp der Waffenlieferungen forderten. Der zweite Brief sollte die Bundesregierung nur darin bestärken, sich für einen Waffenstillstand und diplomatische Verhandlungen einzusetzen.

Sie wurden daraufhin von einer Gruppe proisraelischer Aktivisten als Terrorverharmloser, Antisemit und aufgrund eines nie geäusserten Genozid-Vorwurf angegriffen. Wie gehen Sie damit um?
Ich begreife nicht, warum manche Menschen andere Standpunkte nicht mehr ertragen und zu keinem sachlichen Austausch mehr bereit sind – vor allem, wenn das Anliegen dahinter Frieden ist. Gewalt führt zu immer mehr Gewalt. Es ist eine Beleidigung, in diese Ecke gestellt zu werden. Jeder, der mich oder meine Arbeit kennt, weiss, was für ein Unfug das ist. Wie Sie ganz richtig sagen, steht in dem Brief auch nichts über einen tatsächlich stattfindenden Genozid. Der Wortlaut lautete. «Der Internationale Gerichtshof beschied das Risiko eines Genozids für plausibel» und «international renommierte Wissenschaftler warnten vor einem möglichen Genozid, auf Basis dokumentierter höchstgerichtlich fixierter Aussagen der israelischen Regierung und Armeeführung».

Führt der ständig lauernde Antisemitismusvorwurf bei Ihnen zur Selbstzensur?
Man denkt schon manchmal: Wie werden sie mir das jetzt wieder falsch auslegen? Aber ich könnte nicht weiter entfernt sein, von einem so pauschalen, strunzdummen Gedankengut wie dem Antisemitismus.

Haben Sie gezögert, sich öffentlich zu positionieren, weil die Gaza-Debatte in Deutschland schnell moralisch aufgeladen wird?
Unüberlegt habe ich nicht unterschrieben. Aber dass mein Anliegen so perfide umgedeutet werden würde, war mir nicht klar. Ich lese jetzt Dinge über mich im Netz, die ich nie gesagt habe – Lügen, die mich sprachlos machen. Vielleicht war genau das die Absicht.

Was wird zu wenig verstanden oder verkürzt dargestellt an Ihrer Haltung?
Ich werde jetzt verstärkt aufgefordert, einen Widerruf zu verfassen. Dabei bin ich mit der Unterschrift lediglich für Menschlichkeit eingetreten und habe nie das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Es ging mir nur um Frieden und darum, die Gewaltspirale nicht weiter anzutreiben – wer seine Liebsten sterben sieht, radikalisiert sich, auf allen Seiten, in allen Konflikten, in allen Ländern der Welt. Ich glaube an Verhandlungen. Das mag naiv sein, aber man muss es versuchen. Sonst können wir den Laden Planet Erde gleich dichtmachen.

Welche Verantwortung ergibt sich aus Ihrer intensiven Beschäftigung mit der Shoah, wenn heute über Krieg, Völkerrecht und menschliches Leid gesprochen wird?
So etwas darf nie wieder passieren. Niemandem, nirgends auf der Welt. Man darf Menschen nicht wie Vieh behandeln, sie nicht erniedrigen, entmenschlichen, quälen oder verhungern lassen. Das sollte einem doch, wenn nicht das Herz, dann zumindest der Verstand sagen.

In Deutschland verhindert die Staatsräson oft eine offene Nahost-Debatte. Wie erleben Sie das?
Man sollte über alles miteinander reden können, das ändert nichts an Deutschlands historischer Verantwortung. Aber Gespräche und Kritik müssen möglich sein. Man kritisiert einzelne, lebende Menschen oder eine Regierung, nicht ein ganzes Volk oder eine Religion.

Sollten sich Künstler überhaupt politisch positionieren?
Wo wir Verständnis schaffen und Klarheit in dieses diffuse Durcheinander bringen können, finde ich das sinnvoll. Insgesamt bin ich eher zurückhaltend, ich muss nicht zu jedem Thema meine Meinung in ein Mikrofon diktieren. Aber bei manchen Themen mache ich eine Ausnahme: der Rechtsruck, aufkeimender Antisemitismus, Umweltfragen, die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen.

Vor den bevorstehenden Wahlen in Ostdeutschland: Wie blicken Sie auf den Aufstieg der AfD?
Das ist eine Katastrophe. Ein Teil des Problems ist, dass deutsche Geschichte in Schulen nicht mehr so aufgearbeitet wird wie bis in die Neunziger und dass Menschen einander nicht mehr zuhören. Man kann hundertmal sagen: Schau ins Wahlprogramm, du schadest dir selbst, dir wird alles gekürzt. Wie sehr wir in Pflege und Medizin auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind, interessiert nicht. Dazu kommen Fake News, KI und Bots, die Ressentiments weiter schüren. Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi, aber sie aus Frust über die jetzige Regierung zu wählen, ist kurzsichtig und dumm. Man könnte verzweifeln.

«Block 10» kommt im Oktober in die deutschen Kinos, gezeigt wird er bereits im August beim Festival in Ludwigshafen. Mit welcher Hoffnung gehen Sie in den Kinostart – gerade nach der jüngsten Debatte?
Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen den Film sehen. Denn gerade in unserer heutigen Zeit, in denen die Gräueltaten der Nationalsozialisten schon wieder verharmlost und runtergespielt werden, finde ich es umso wichtiger, dass die Kulturschaffenden alles versuchen, dem entgegenzuwirken. Vor allem für junge Menschen, die sich heutzutage, wenn überhaupt, meist nur im Geschichtsunterricht mit dieser Thematik auseinandersetzen, bietet so ein Film die Möglichkeit, derartige Geschichtsereignisse auch emotional erfahrbar zu machen.
 

Yves Kugelmann