Hamburg, Juni. 2026. Am ehemaligen Bornplatz zwischen dem Kino Abaton und der Talmudschule sind die Umrisse von Norddeutschlands grösster Synagoge auf den Boden gezeichnet. Sie wurde 1906 nach Plänen der Architekten Friedheim und Engel errichtet. Auf einer Tafel daneben steht: «In der Pogromnacht vom neunten November 1938 machten die Nationalsozialisten diese geweihte Stätte zu einem Schauplatz der Judenverfolgung. Sie schändeten die Synagoge und erzwangen ihren Abbruch.» Nun soll sie für 130 Millionen Euro neu errichtet werden. Gemeindezentrum, Bildungsräume, liberale Synagoge, Gastronomie, Bibliothek sollen entstehen.
Der Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge ist umstritten. Befürworter sehen darin ein Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens. Kritiker befürchten, dass der bestehende Erinnerungsort an die nationalsozialistische Zerstörung an Bedeutung verliert und das jüdische Leben sich in anderen Teilen der Stadt abspielt. Es ist die alte Diskussion zur Frage, ob Erinnerung das gelebte jüdische Leben der Gegenwart dominieren soll und wie Fremd- oder Eigenbestimmung sich emanzipiert einpendeln sollen.
Anders in Frankfurt. Dort liefert der amtierende Präsident von Makkabi Frankfurt seit 15 Jahren den Tatbeweis, dass mit einem gesunden Selbstbewusstsein für die Sache, mit einem konsequenten Ansatz von Offenheit und Integration, Politik auf Augenhöhe und gelebtem jüdischem Alltag erreicht wird, was jüdische Gemeinden und Dachverbände in der Regel nicht zustande kriegen. Wenn am Sonntag der neue jüdische Sportcampus mit rund 23 000 Quadratmetern eröffnet wird, Zwei Drittel finanziert durch öffentliche Hand und ein Drittel durch Spenden, ein Ort, an dem Juden, Christen, Muslime und viele andere Kulturen und Religionen zusammenkommen, dann zeigt sich, dass vermeintliche innerjüdische, meist durch Funktionäre getriebene Wahrnehmungen mit realem gelebtem jüdischem Leben wenig zu tun haben.
Während die permanent den Niedergang des Europäischen Judentums im Munde führen und wenig dagegen tun, zu oft mit Antisemitismus, Sicherheit und Angstmacherei Politik und Kommunikation betreiben, zeigt Makkabi Frankfurt, wie all diese Teilrealitäten nicht weggewischt, aber einem Ansatz von friedlichem Zusammenleben untergeordnet werden und nicht umgekehrt. Während die einen mantramässig zur Auswanderung motivieren und von Plan B bis Z sprechen, kümmern sich andere um ein Leben im Jetzt und im Hier mit dem Ziel, für ein gutes, sicheres Leben ohne Hass und Ausgrenzung zu sorgen, in der Gesellschaft in der sie leben – auch Konflikte der offenen Gesellschaft auszuhalten bereit sind, ohne sie ständig mit offen ausgesprochenen oder unterschwelligen Vorwürfen zu bedrohen bis hin zu Antisemitismus. Dass es diesen gibt, ist unbestritten. Dass er gefährlich werden kann, haben die letzten Jahre wieder einmal bewiesen. Dass er aber noch lange nicht überall dort ist, wo ihn jüdische Funktionäre sehen wollen, ist offensichtlich und Teil einer oft destruktiven Diskussion.
Meyer zeigt mit dem Makkabi-Projekt eine jüdische Realwelt, die einer fraktionionierten jüdischen Parallelwelt entgegensteht. Meyer und Co. sind nicht naiv. Sie fordern in einer gleichberechtigten Gesellschaft das ein, was normal und nicht Goodwill ist. Meyer steht dem entgegen, was in diesen Tagen der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der Vergabe des Leo-Baeck-Preises an den Kabarettisten Dieter Nuhr exemplarisch wird. Ein Verband wird dem Namensträger des Preises nicht gerecht und betreibt populistische Politik. Nicht, weil Dieter Nuhr reaktionäre politische Positionen vertritt, die in früheren Jahren zu oft Juden zum Ziel hatten, sondern weil der Verband das satirische Niveau so vieler jüdischer Kabarettisten Europas um Welten unterschreitet und es so viele andere gegeben hätte, die im Sinne von Leo Baeck den Preis verdienen würden.
In München wiederum kandidiert Charlotte Knobloch mit 93 Jahren nochmals als Gemeindepräsidentin und tritt ein Demokratieverständnis mit Füssen, dass sie sonst jeweils zu Recht in ihren Proklamationen und Stellungnahmen zum Zeitgeschehen einfordert. Sie hat zu viele Verdienste in den Augen ihrer Gegner und Befürworter als dass jemand dagegen kandidieren würde. Doch statt als Ehrenpräsidentin der Gemeinde sich selbst treu zu bleiben, widersetzt sie sich einem der wichtigsten demokratischen Prinzipien von Rotation, Alternanz, Amtszeitbeschränkung. Das Vernunftsprinzip wäre hier Gebot und nicht das Argument, formal gäbe es noch keine Amtszeitbeschränkung. Denn oft genug zeigt sich, dass geschaffene Vakuen auf die Dauer schaden und nicht helfen.
Vermutlich braucht es in Europa mehr Alon Meyers, damit endlich auch in den eigenen Reihen klar wird: Jüdinnen und Juden sind nicht auf Zeit gekommen und sollten nicht ständig so tun, als ob sie auf dem permanenten Absprung sind. Die Selbstdesintegration wird sonst zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Selbstbewusster Realitätsbezug ist nicht naiv, sondern der vernunftsorientierte Ansatz für die Zukunft. Mehr Zivilgesellschaft und weniger gebundenes Geld in Gemeinden und Verbänden würde der jüdischen Gemeinschaft mehr als gut tun. Funktionärsjudentum war gestern.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
12. Jun 2026
Funktionärsjudentum war gestern
Yves Kugelmann