Nach Chazons Kritik an der Berichterstattung von tachles äussern sich die Universität Zürich und die SUJS zu den Vorgängen.
Nach dem Erscheinen des tachles-Artikels «Vision mit Fragezeichen» hat die studentische Organisation Chazon ihre Kritik an der Berichterstattung mehrfach öffentlich bekräftigt. In Anrufen, E-Mails sowie auf ihrer Website und in den sozialen Medien wirft Präsidentin Minami Christeler der Redaktion wiederholt eine «investigative Dramaturgie» vor. Das Missverständnis zwischen Chazon und der Universität Zürich über eine mögliche Rolle als Anlaufstelle für antisemitische Vorfälle sei bereits vor der Veröffentlichung geklärt gewesen. Für eine studentische Organisation mit sechs Mitgliedern seien «mehr Fragen als Antworten» und «Vision mit Fragezeichen» «etwas überdimensioniert». Konkrete sachliche Fehler nennt Chazon jedoch nicht.
Universität sieht keine Grundlage
Neue Antworten der Universität Zürich zeichnen ein anderes Bild. Auf Anfrage von tachles erklärt die Universität, dass es vor der Veröffentlichung keine mündlichen oder schriftlichen Absprachen mit Chazon gegeben habe, die diese Darstellung nachvollziehbar erscheinen lässt. Zudem verfüge der Verein bis heute «weder über eine offizielle Funktion noch über ein offizielles Mandat» im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen oder deren Meldung.
Den Umstand, dass ein akkreditierter studentischer Verein öffentlich eine institutionelle Rolle der Universität kommuniziert hatte, die von ihr nie bestätigt worden war, nimmt die UZH nun «zum Anlass, um in einem Gespräch mit Chazon die jeweiligen Auffassungen zu klären und allfällige Missverständnisse auszuräumen». Für tachles blieb bereits im Gespräch mit Christeler die zentrale Frage unbeantwortet, weshalb Chazon diese Funktion überhaupt öffentlich als Tatsache kommuniziert hatte.
Kein Austausch mit der SUJS
Auch die Nachrecherche bei der Schweizerischen Union Jüdischer Studierender (SUJS) wirft Fragen auf. Im Interview hatte Christeler erklärt, Chazon wolle bestehende Organisationen wie die SUJS ergänzen und nicht ersetzen. Nach Angaben der SUJS besteht derzeit jedoch kein Austausch zwischen den beiden Organisationen.
Liya Bruman, Pressensprecherin und Hochschulbeauftragte der SUJS, zeigt sich erstaunt darüber, dass Chazon zeitweise als Anlaufstelle für antisemitische Vorfälle auftreten wollte. «Als ich den Artikel gelesen habe, hat mich das auch sehr verwundert», sagt sie. Gerade wenn eine Organisation eine solche Rolle übernehmen wolle, sei ein Austausch mit den bestehenden jüdischen Organisationen naheliegend.
Aufgrund ihrer Zuständigkeit für Hochschulpolitik ist Bruman innerhalb der SUJS häufig erste Ansprechpartnerin für antisemitische Vorfälle an Hochschulen. «Wenn antisemitische Vorfälle an der Universität Zürich oder der ETH passieren, melden sich Studierende oft bei mir», sagt sie. Sie unterstütze Betroffene dabei, Vorfälle an die Universität weiterzuleiten oder Gespräche mit den zuständigen Stellen zu führen. «So muss nicht jede einzelne Person selbst auf die Universität zugehen.»
Gleichzeitig grenzt sie diese Tätigkeit klar von einer offiziellen Funktion ab. «Ich will klarstellen: Ich bin keine Antisemitismus-Beauftragte der Universität, dafür bin ich nicht befähigt», sagt sie. Eine Meldestelle müsse professionell und institutionell verankert sein. «Es sollte eigentlich eine bezahlte Stelle sein – jemand, der von der Universität dafür angestellt ist. Das kann nicht einfach jemand Freiwilliges sein.
Referenten angekündigt
Auch hinsichtlich der von Chazon angekündigten Referenten ergibt sich ein differenzierteres Bild. Gegenüber tachles hatte Christeler erklärt, die Professoren Elham Manea und Alfred Bodenheimer hätten bereits grundsätzlich zugesagt, bei Chazon Vorträge zu halten. Bodenheimer bestätigte auf Nachfrage einen E-Mail-Austausch vom Februar, in dem er sich grundsätzlich bereit erklärte, im Herbstsemester einen Gastvortrag zu halten. «Vor allem der Verweis auf Elham Manea, die ich seit langem kenne, dürfte mich zu einer spontanen Zusage bewegt haben», schreibt Bodenheimer gegenüber tachles. Seither habe er jedoch nicht mehr von Chazon gehört.