Basel, Februar 2026. Die Parodie ist Programm. Ein sonniger Tag mit düsteren Klängen. Ein dumpfes Blechgeräusch dringt durch Basels Innenstadt. Wallend, dröhnend und drohend. Mit dem Sujet «Krieg um Frieden» greift die Basler Fasnachtsclique «Alti Stainlemer» aktuelle Diskurse um Aufrüstung, Verteidigung und Geopolitik auf. «Statt den Ängel fliege d Drone, ab zwai Doote duet s sich lohne, statt Friide gitts nur Grampf und Kampf, dr Luzifer macht hitt der Dampf.» Und weiter: «Doch s Völkergrächt het me ersetzt, denn d Macht vom Stärggere gilt jetz. E Griig um Friede ka nit glinge, denn Griig wird nur dr nöggscht Griig bringe.» Verse der Freiheit für Freiheit durchdringen Basel in diesen drei Tagen.
Die Basler Fasnacht ist in diesem Jahr noch politischer als sonst schon. Autokraten und Diktatoren werden an den Pranger gestellt ebenso wie das Einknicken internationaler Politik vor Populismus, Despotismus und Oligarchentum. Die Basler Fasnacht zeigt sich in diesem Jahr als waffenloser Kampf gegen illiberale Entwicklungen mit spitzer Feder, scharfen Versen und pointierten Helgen oder Laternen. Keine subversive, sondern offene Kritik zieht sich durch die Sujets in den Tagen, da der Ukraine-Krieg ein endloser Horror für Millionen Menschen im Kriegsgebiet bleibt und Europa die Geisel des Konflikts wird, den es nie verhindert hatte.
In Tagen, da sich in Israel Menschen auf den nächsten Krieg vorbereiten, im Nahen Osten immense militärische Gruppenbewegungen stattfinden und Jüdinnen und Juden in Israel und weltweit mit einem dumpfen Gefühl auf die Purimgeschichte blicken, die in diesen Tagen mit einem neuen Krieg und den Mythen rund um die mythologische Ausrottung der Juden durch Amalek, durch Haman, durch den Despotismus zusammenfallen könnte.
Die Parodie ist Programm. Auch am Montagabend, wenn weltweit die Megillat Esther, die Rettung der Juden im antiken Persien, gelesen und das Fest der Umkehrungen gefeiert wird – Bedrohung wird zu Befreiung, Trauer zu Freude. Purim ist ein Satirespiel, das Macht karikiert, Angst bricht und Lachen zur Waffe gegen Obrigkeiten und antisemitische Fratzen macht. Ein gefährliches Lachen angesichts der massiven Bedrohungen in der Region und weltweit, zwischen Selbstbehauptung und einem riskanten möglichen Krieg in den kommenden Tagen, mit unabsehbaren Kaskaden in alle Richtungen.
Der jüdische Wiener Kabarettist Karl Farkas (1893–1971) formulierte ein Bonmot, das sich auf alles reimt, was Demokratie und Freiheit im Visier hat: «Der Kommunismus ist eine gewaltige Idee, die nur den Nachteil hat, dass sie sich verwirklichen lässt.» Farkas beruft sich auf eine Tradition des Widerstands durch Satire, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Sie lässt sich kulturell bis zum Purimfest zurückverfolgen. Die Megilat Esther arbeitet mit Überzeichnung, Rollentausch und dramatischer Umkehr – der Mächtige stürzt, die Bedrohten werden gerettet, «venahafoch hu», es kehrt sich alles um (bedeutet wörtlich «aber das Gegenteil ist passiert» in Megilat Esther 9:1). Aus diesem Motiv entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine lebendige Praxis von Purimspielen, Parodien und Maskeraden, in denen Autoritäten verspottet und Hierarchien temporär aufgehoben wurden. In der Neuzeit wurde daraus eine eigenständige Form jüdischer Ironie, die von osteuropäischen Schtetln über Wiener Kaffeehäuser bis in die moderne israelische Satire reicht und Humor als Mittel gesellschaftlicher Selbstvergewisserung nutzt.
Gerade in Osteuropa wie auch im Maghreb wurde Ironie zu einer leisen Form des Widerstands: In Witzen, Liedern und Erzählungen unterlief man Machtverhältnisse, bewahrte Würde und hielt kulturelle Identität aufrecht, wo offene Opposition kaum möglich war. Und heute? Wird sie gehen atomare Bedrohungen, Säbelrasseln, Krieg oder Diskriminierung bestehen können? Die innere Freiheit, wo die äussere bedroht ist, bleibt immer der Weg zur Freiheit der Gegenwart. Jene Freiheit, die nicht radikal, sondern in der Demokratie partizipaitiv geordnet ist.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
27. Feb 2026
Esthers Tanz gegen Faschismus
Yves Kugelmann