das jüdische logbuch 21. Mai 2026

Traurige Augen lächelnder Jugend

Tel Aviv, Mai 2026. Tel Aviv ist eine geteilte Stadt. Der Bau der neuen Tramlinie zieht sich vom Carmel Market gen Norden und durchtrennt die Stadt, die voller Baustellen ist. Man mag gar nicht mehr unterscheiden, wo es Krater von Raketeneinschlägen sind oder ambitionierte Um- und Neubauprojekte darstellen. Die Stadt ist ruhiger und leerer geworden. Da und dort gibt es das pulsierende Leben noch, wie in den Cafés und Restaurants in den Seitenstrassen des Rothschild-Boulevards. Doch bei genauerem Hinschauen sind es Menschen aus der Tel Aviv Bubble. Menschen, die sich Krisen, Kriege und auch eine dekadente Attitüde leisten können. Die Musik ist leiser geworden in Yafo. Aus einer Ecke neben der Eshel-Strasse klingen verführerische Pianoklänge, die dann durch einen Karaoke-Sänger gestört werden. Eine Handvoll Menschen sitzt in der milden Frühlingsnacht und hört zu. Eine Strasse weiter sprechen die jungen Menschen von der Ermüdung der letzten Wochen. Die permanenten Alarme der beiden Iran-Kriege, unterbrochene Nächte, Hilfe für Familien, kaum Arbeit. Viele von ihnen sind aus der Armee zurückgekommen und warten, bis sie wieder einberufen werden. Über Politik wird nicht gesprochen, man geniesst den Moment. In die sonst so euphorische Atmosphäre zwischen Aufbruch und Perspektive ist die Ermüdung und Isolation spürbar eingedrungen. Das prosperierende Tel Aviv ist nicht Israel, und nur wenige können es sich leisten, dort, wo es aussieht wie Istanbul oder Rio und irgendwo liegen könnte. Posh. Fancy. Teuer, gentrifiziert. Die alten Häuser verschwinden, die Stadt wächst in die Höhe, vor der so viele seit den Raketenbedrohungen wieder mehr Angst haben. Die Partymeute ist abgezogen, geblieben sind jene, die die Stellung halten, bis die Touristenmassen in die neu gebaute Stadt zurückkommen, in der kaum mehr etwas an die letzten Jahre erinnern wird. Längst hat die Isolation Israels zu einer Art Selbstisolierung geführt. Da helfen gute Wirtschaftszahlen, doch sie werden die sozialen und politischen Probleme nicht lösen. Lange vor Mitternacht ist Yafo noch ruhiger und leerer geworden. Ein paar verirrte Menschen sitzen noch rum, während die meisten Cafés geschlossen haben oder sich als Workingspaces ankündigen. Das Lächeln ist noch da, doch dahinter blicken einen zu oft traurige Augen an, hinter denen sich so viele neue Geschichten verbergen und eine Perspektivlosigkeit in einer niedergebomten Region.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann