das jüdische logbuch 08. Mai 2026

Der heisse Krieg – der Worte

Berlin, Mai 2026. Es sind diese symbolträchtigen Stichtage. Europas Befreiung vom NS-Regime am 8. Mai 1945, der Fall der Mauer nach dem 9. November 1989. Ereignisse, die in Berlin ebenso wie die Zeit des Kalten Krieges und für viele wiederum die Angst vor der russischen Bedrohung omnipräsent sind. Der Kalte Krieg mit Blockdenken, Aufrüstung, Scharadenspielen für die Kulisse und so fort haben die Berliner verinnerlicht, und die Angst vor den näherrückenden heissen Kriegen zeigt sich nicht nur in der aufgewühlten Koalitionspolitik, sondern in der schon fast panischen Reaktion auf jede kleine Äusserung Trumps, die dann tagelang die Republik lahmlegt. Ziehen die USA Truppen aus Deutschland ab? Wegen einer Äusserung von Bundeskanzler Friedrich Merz in einer Schulklasse? Der öffentliche Diskurs tappt wöchentlich in die gestellten offensichtlichen und unsichtbaren Fallen der Trumps und Putins. Dessen Spione sabotieren und spionieren immer aggressiver, wie eine aktuelle Spiegel-Recherche zeigt. Proxys von Moskau und Teheran bis Peking. Im Kaufhaus der Kulturen springt das Buch «Haben Juden nichts zu lachen? Cartoons zu jüdischem Leben in fordernden Zeiten» ins Auge. Das Buch vereint von ganz witzig bis ganz blöd Karikaturen zu den Themen Krieg, Rechts- und Linksextremismus, Israel-Debatte, Aktivismus, Genozid-Vorwürfe und so fort seit dem 7. Oktober und bringt die drei Jahre in den Zeichnungen auf den Punkt: «Ihr seid echt Antisemiten» klagt da einer an, um zu hören: «Entschuldigung! Antise-mit*innen bitte! Oder Antisemitende». Was ist wahrer – die Bücher auf dem Auslagetisch oder die me-dialen Scheindebatten? Es ist schon spät abends. In einer Ecke sitzen junge Ukrainer und lernen Deutsch mit aktuellen Sachbüchern. Am Ausgang verkauft ein Mann ein Strassenmagazin und sagt im schroffen Berlinerisch: «Heute schon was gelernt? Hier die wahre Lektüre zur Realität im Alltag.»

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann