London, April 2026. Die republikanischen Studenten, Arbeiter und Soldaten stehen noch immer auf den Barrikaden des Juniaufstands von 1832. Er war rasch niedergeschlagen, der Kampf gegen soziale Not und die konstitutionelle Monarchie König Louis-Philippes I. in Blut ertränkt – der symbolische Moment des gescheiterten Kampfes um Freiheit und Gerechtigkeit. Er endet im Tod.
Dort schliesslich die schonungslosen Blicke. Eindringlich, oft traurig, verschmäht, klar und verschmäht blicken Menschen von der Ölleinwand. Sie haben nichts zu verbergen. Sie blicken scharf zurück in die Augen der Besucher in der Ausstellung «Lucian Freud: Drawing into Painting» in der National Portrait Gallery.
Zwischen seiner ersten Frau Kitty Garman und Selbstporträts entfaltet Freud mit kühlem Stil Spannung zwischen Nähe und Distanz. Der Blick wirkt zugleich intim und abweisend, der Körper verletzlich und kontrolliert. Freuds Erfahrung von Exil und Entwurzelung – als jüdisches Kind 1933 aus Berlin nach London geflohen – zeigt den Menschen im Raum, ohne Geschichte, aber mit existentieller Präsenz und Blicken, die nicht mehr loslassen.
Ebenso konsequent legt Tracey Emin in «A Second Life» in der Tate Modern eine umfassende Retrospektive von über 90 Werken aus vier Jahrzehnten vor, die nach einer schweren Krankheit entstand. Im Zentrum stehen Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Videoarbeiten und Neon-Installationen, die Körper, Verletzlichkeit und Wiedergeburt thematisieren – direkt, schonungslos und zugleich von einer ungewohnten Ruhe geprägt. Das Ringen nach Sauerstoff durch Kunst.
Auch bei Emin, die als Tochter eines türkisch-zypriotischen Vaters, Enver Emin, und einer englischen Mutter, Pamela Cashin, in Croydon, London, geboren wurde und in Margate aufwuchs. Emin und Freud legen das persönliche existentielle Ringen offen und setzen es in einen grösseren Kontext persönlicher Erfahrung und der Zeitgeschichte.
Zu Tausenden strömen auch an diesem Tag Besucherinnen und Besucher in die Werkschauen, suchen Antworten, Perspektiven und Erweiterungen in der Kunst, ohne dass sie zu Gaffern werden, sondern zu Beteiligten, die mit Empathie in Dialog mit dem anderen und einem Schicksal treten. Fluchtort Museum, Bühne, Konzertsaal, während da draussen die absurde Wirklichkeit des Jetzt wirkt.
Ach ja. Da wären noch die Kriege in Nahost und der Ukraine – die weltweiten Verwerfungen. Im Weissen Haus treffen sich «Könige», die Vereinten Emirate mischen den Ölmarkt auf. Die täglich neuen Absurditäten. All das, nach dem die Menschen im Museum Luft geatmet haben, um dann in der Anonymität der Metropole zu verschwinden – Zuschauende, Zeugen, Verstehende. Damit sie bald wieder irgendwo durchatmen können. Auf den Barrikaden der Londoner Bühne stirbt das Strassenkind Gavroche jeden Abend wenn er unter Kugelhagel Patronen für die Freiheit einsammelt – während die richtigen und falschen Revolutionen ihre Kinder frisst. Die nie wieder zurückblicken werden.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
30. Apr 2026
Barrikaden und Blicke
Yves Kugelmann