das jüdische logbuch 17. Apr 2026

Er ist wieder weg

Nizza, April 2026. Sie sprechen die Wahrheit, wenn sie lügen. Die Populisten, die Autokraten und oft auch die Demokraten. Heute heissen sie Donald Trump, Victor Orbán, Jean-Lüc Mélencho. Sie lügen mit der Wahrheit. Die Demagogen. Früher hiessen sie Benito Mussolini, Francisco Franco in Spanien, Józef Piłsudski in Polen oder Miklós Horthy in Ungarn. Doch überführt waren sie jeweils, bevor die Menschen die Gefahr erkannten. Doch Jahrzehnte danach gehen die Menschen an den Denkmälern für jene vorbei, die frühzeitig in den Widerstand gingen. In Nizza leuchtet das Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs in der Sonne mit Blick auf das azurblaue Meer am Fusse des jüdischen Friedhofs im Zentrum der Stadt. Über hundert Jahre früher montiert Karl Kraus sein Antikriegsdrama «Die letzten Tage der Menschheit». Er zeigt die Demagogie rund um den Ersten Weltkrieg, in dem er Originalzitate von Politikern, Militärs, Journalisten und Zivilisten in ein collagiertes Drama in fünf Akten einbringt. Zu lesen ist wie Sprache Krieg, Lüge und moralische Verrohung normalisiert. Im Zentrum steht weniger die Front als die geistige Verheerung durch Presse, Propaganda und hohle Phrasen, die Grauen in patriotische Rhetorik verpacken. Diese Sprachkritik lässt sich heute auf illiberal-demokratische Regime wie das Orbáns anwenden, in denen Begriffe wie «Freiheit», «Nation» oder «christliche Werte» genutzt werden, um Machtkonzentration, Medienkontrolle und den Abbau von Rechtsstaatlichkeit als Schutz des Volkes zu inszenieren. Orbán kopierte, adaptierte und inszenierte zuerst die autoritäre Sprache, setzte sie in die Realität um, hebt Medienfreiheit, Gewaltenteilung und so fort de facto auf und setzt Staatsmedien gestützte Inszenierung einer neuen Realität – lange bevor die formalen demokratischen Hüllen ganz verschwinden. Die Warnungen haben über 16 Jahre nicht geholfen, die Europäische Union hatte nicht viel entgegenzusetzen und Orbán wurde zum Paten der Antidemokraten. Die Welt schaut zu, wie eine Demokratie langsam abgeschafft wird, die lauten Warnungen der ungarischen Philosophin Agnés Heller bleiben ungehört. Alle arrangieren sich. Dass ausgerechnet Israel und einige jüdische Funktionäre den Pakt mit jenem eingehen, der sie irgendwann als erste opfern würde, gehört nicht zur Ironie der Geschichte, sondern zur DNA jener, die zu oft mit der Lüge leben und die Wahrheit kaschieren. Jüdische Kongresse, Singles-Weekends und so fort finden in Ungarn statt mit Unterstützung des Regimes. Man wolle ein Zeichen setzen – die Frage ist nur welches, für und gegen wen. Die Schützengräben sind immer noch da, in der Ukraine, in Russland und so fort. In seinem letzten Auftritt vor den Wahlen beschimpfte Orbán die jungen Wählerinnen und Wähler Ungarns und warnte sie vor eine falschen Wahl. Sie retteten letztlich nicht nur Ungarn, sondern haben die Welle der Populisten, Autokraten und Demgagogen vorerst gebrochen. Orbán ist weg, doch seine Jüngerinnen, Jünger und die Verführung bleiben im Generationenkampf um die richtige, die demokratische Zukunft. Die kann nichts anderes sein als jene der liberalen Gesellschaftsordnung, für die schon viel zu viele gefallen sind.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann