Cannes, Mai 2026. Es geht wieder los – und hat ja auch nie aufgehört. Vielleicht sind es die richtigen oder eben auch ganz falschen Plattformen für politische Debatten, die eben nicht politische Kunst sind. Europas führende Kulturfestivals kommen auch in diesem Jahr um die massive Israel-Debatte nicht herum. Die Biennale von Venedig, das Filmfestival von Cannes und der Eurovision Song Contest spiegeln den tiefen Riss wider, der durch die europäische Kulturwelt verläuft.
In Venedig eskalierte der Streit noch vor der Eröffnung der Kunstbiennale: Die internationale Jury trat geschlossen zurück, nachdem das Festivalmanagement Länder ausschliessen wollte, gegen deren Staatschefs ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt – also Russland und Israel. Die italienische Regierung intervenierte, der Beschluss wurde gekippt. Der israelische Pavillon öffnete, begleitet von Demonstrationen. Rund 236 Kunstschaffende hatten den Ausschluss Israels gefordert; Israels Aussenministerium nannte die Proteste schlicht «Einschüchterung». In Wien läuft seit Dienstag der Eurovision Song Contest – und fünf Länder fehlen: Irland, Spanien, die Niederlande, Slowenien und Island boykottieren den Wettbewerb wegen Israels Teilnahme. Mehr als 1100 Künstler schlossen sich dem Boykottaufruf an. Die Europäische Rundfunkunion hielt an der Zulassung Israels fest, ohne darüber abzustimmen. Das Ergebnis: Israel qualifizierte sich gestern Abend für das Finale am Samstag.
In Cannes ist am Dienstagabend die 79. Ausgabe gestartet; Israel fehlt im Wettbewerb ganz. Dafür nutzte Jurymitglied Paul Laverty die Eröffnungspressekonferenz für eine scharfe Abrechnung: Stars wie Javier Bardem und Mark Ruffalo seien in Hollywood auf eine schwarze Liste gesetzt worden, weil sie den Krieg in Gaza kritisierten. Mehr als 300 Filmschaffende unterzeichneten einen offenen Brief gegen das Schweigen der Branche.
Die Grundfrage ist überall dieselbe: Wer entscheidet, wer auf der kulturellen Weltbühne steht – und nach welchen Massstäben? Der in Rumänien geborene israelische Künstler und Bildhauer Belu-Simion Fainaru setzt sich in seinen Arbeiten mit Erinnerung, jüdischer Identität, Exil und politischen Grenzen auseinander. Auf die Kontroverse um Israels Teilnahme an der Biennale von Venedig reagiert er mit scharfer Kritik an Boykottforderungen gegen israelische Künstler. Er bezeichnete diese als «rassistisch und diskriminatorisch» sowie als Ausdruck von «Antisemitismus» und erklärte zugleich, er wolle nicht für Israels Regierungspolitik verantwortlich gemacht werden. Man kann das allerdings auch anders sehen: Kriegsführende Länder – von Russland über die USA bis Israel und so fort – sollen in national angebundenen Festivals mit Länderpavillons und nationalen Votings nicht zugelassen werden, genauso wie bei Sportanlässen – weil eben die Nation kausal eine Rolle spielt. Welche Haltung auch immer eingenommen wird: Im Falle Israels und damit oft Juden isolieren diese Debatten meist nicht die Kritisierenden, sondern die Angegriffenen – die im Falle von Kulturschaffenden, Wissenschaftlern oder Journalisten in der Regel immer die Falschen sind, die für die falsche Politik von Regierungen in Haftung genommen werden. Genauso wie die pauschale Konnotation der Kulturszene als links, woke, queer, antisemitisch allenfalls Teil einer zunehmenden Ideologisierung der Debatte ist, die in Rassismus, Judenhass und Menschenhass mündet – aber in nichts anderem. Und jetzt? Dort, wo Politik Kunst, Kultur und die Freiheit dominieren, instrumentalisieren oder gar kontrollieren möchte, ist das Totalitäre nicht mehr weit. Das kann schneller gehen, als vielen lieb sein mag – wie sich in Ungarn zeigte, das keinen Krieg führt.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
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15. Mai 2026
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Yves Kugelmann