Basel, März 2026. Welche Redaktion und Journalisten kennen das nicht: Medien werden eingespannt, um ein Produkt zu platzieren mit der Hoheit einer Behörde, eines Verbands, einer Firma oder eines Interesses. Interviews werden mit Auflagen gegeben. Die einen Medien akzeptieren das meist ohne transparente Information gegenüber der Leserschaft. Die anderen wahren die journalistische Integrität und gehen auf den Kuhhandel «Geschichte» oder «privilegierte Statements» gegen Bedingungen nicht ein. Wo der angelsächsische Journalismus viel klarer und resistenter ist, ist in Europa und der Schweiz der ausgehandelte Journalismus längst an der Tagesordnung und eine Art Normalität geworden. Der Journalismus, der sich dagegen wehrt, bildet eine Minderheit und hat oft ökonomische oder andere Konsequenzen daraus zu tragen. Kein Ressort ist davor gefeit. Sport-, politischer, Wirtschafts- und Kulturjournalismus schwimmen oben auf. Denn viele glauben immer noch, Öffentlichkeit sei eine Art Währung. Doch in Wahrheit wäre sie Schutz gegen Missbrauch. Beim Thema Antisemitismus ist das nicht anders. Das zeigt sich etwa im jährlichen Antisemitismusbericht von jüdischen Organisationen der Schweiz (vgl. Seite 12) und wird absurd, wenn Berichte und Berichterstattung etwas genauer und nicht nur Schlagzeilen gelesen werden.
In Gesprächen mit tachles monieren jüdische Exponenten oder Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) seit Jahren, dass Juden zu sehr über negative Berichterstattung wie Antisemitismus wahrgenommen werden, und verschweigen, dass das Hauptkommunikationsergebnis des Gemeindebunds der jährliche Antisemitismusbericht ist. Wie sehr Medien über andere Aspekte des Judentums berichten, zeigte sich etwa im November, als das Jüdische Museum der Schweiz sein neues Museum einweihte und schweizweit breite Berichterstattung erhalten hat.
Dass Medien allerdings aus falscher Vorsicht bei jüdischen Themen nicht genau hinschauen und Kommunikationsmaterial unhinterfragt übernehmen, zeigt sich in der teils vom SIG mit viel Aufwand organisierten Berichterstattung zum Antisemitismusbericht, der weitgehend unkritisch übernommen wird. Die Methodik steht seit Jahren zur nicht nur in den Spalten von tachles zur Disposition. Die Tatsache, dass es keinen einheitlichen Bericht für die Schweiz gibt, ebenso, oder Vergleiche zu anderen Opfergruppen und damit wichtige Einordnungen fehlen. Dass der Bericht von SIG und GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) anonym erstellt und auf Nachfrage keine Verantwortlichen genannt werden, ist ein Aperçu und löst sich im Impressum des Berichts auf, da gerade mal die Gestaltung angeführt und «Schein statt Sein» gerade noch eingeschrieben wird. So viel sei gesagt: Die Anonymität hat nichts mit so oft falsch vorgebrachten Sicherheitsaspekten zu tun.
Doch all dies sind Oberflächlichkeiten einer Dysfunktionalität, die zur leichten Schlussfolgerung führen kann: Antisemitismus in der Schweiz ist schlimmer oder weniger virulent, aber sicher nicht so, wie in den Berichten dargestellt. Hinter den Zahlen stehen besorgte Menschen oder Familien, die tagtäglich mit den Auswirkungen nicht nur von Antisemitismus, sondern auch dem öffentlich inszenierten Bild von Juden konfrontiert werden. Ein Bild von Juden, das gerade in der Schweiz zunehmend mit Problemen behaftet und mit kaum dafür ausgebildeten Funktionären inszeniert wird, die wie Verkehrspolizisten über richtig und falsch, erlaubt und nicht erlaubt richten. Wie sehr dieses Bild gerade durch den Gemeindebund getriggert wird, zeigen einfach Schlagzeilen und Medienanalysen. Seit Jahren prangern das viele innerhalb und ausserhalb des Dachverbands an – und stossen auf Ablehnung. Für Verbesserungen in einer wichtigen Sache gibt’s zwei einfache Lösungen: Der Antisemitismus- und im besten Falle Rassismusbericht muss im Rahmen der ersten nationalen Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus von einer externen kompetenten Stelle unabhängig erhoben werden, und der SIG muss endlich eine unabhängige Ombudsstelle einrichten für Mitarbeitende, für Partnerorganisationen oder Mitglieder von Gremien, die das auffängt, was in den letzten Jahren viele Blockaden, ein Vakuum und eine Umgangskultur geschaffen hat, die zeitgemäss aufgebrochen werden muss. Dazu bald mehr.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
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Yves Kugelmann