Mit der Sidra Teruma setzt der ganze thematische Komplex des Heiligtums beziehungsweise des Stiftszelts ein, der inhaltlich, mit seinen zusätzlichen Implikationen für Opferdienst, Priesterschaft und andere damit verbundene Elemente, grosse Teile des Endes des zweiten Buches Moses und des dritten Buches Moses dominiert. Die Bedeutung des Heiligtums in der jüdischen Überlieferung kann kaum überschätzt werden. Seine Struktur ist als Mikrokosmos des göttlichen Schöpfungswerks betrachtet worden. Die Bedeutung des Ortes als Sitz Gottes, in seinen unterschiedlichen Sektoren von Heiligkeit und Zugänglichkeit, hat die Frage der Annäherung zwischen Mensch und Gott aus jüdischer Sicht geprägt. Nicht zuletzt ist das Heiligtum zum Vorbild des Tempelbaus geworden, auf dessen Ausstrahlung letztlich diejenige des Tempelberges Zion zurückgeht – die Zerstörungen der beiden Tempel gelten als katastrophische Ereignisse schlechthin, die das Judentum nicht nur physisch, sondern auch spirituell heimatlos gemacht haben. Doch worauf beruht überhaupt der Bau eines Heiligtums, welche göttliche Idee liegt ihm zugrunde? Kann nicht gerade dieses (auf- und abbaubare) Bauwerk als eine Art innerer Widerspruch zur Idee eines universalen, unsichtbaren Gottes aufgefasst werden, wie die Thora ihn vorstellt?
Wie üblich gibt es dazu verschiedene Erklärungen, und insbesondere die Grundsatzdiskussion darüber zwischen den beiden zentralen mittelalterlichen Exegeten Raschi und Nachmanides zeigt, dass es gewaltige Unterschiede darin geben kann, wie wir die wichtigsten Themen unseres Glaubens interpretieren. Der Schlüssel zur Interpretation liegt in der Frage, um was für einen Text es sich bei der Thora handelt. Folgt sie in ihrem Erzählvorgang strikt der Chronologie des Ablaufs, den sie erzählt, oder wird dieser Erzählvorgang von anderen Dynamiken bestimmt?
Raschi ist ein Vertreter der zweiten Interpretationsweise. Sein Grundsatz «ein mukdam umeukhar bathora» («es gibt kein Früher und Später in der Thora»), was sinngemäss so viel wie «die Thora erzählt nicht notwendigerweise nach chronologischen Abläufen» bedeutet, ermöglicht es, Ereignisse in ganz neue Zusammenhänge zu setzen. Nach dieser Theorie erfolgte, wie Raschi erklärt, die Aufforderung zur Errichtung des Heiligtums nach der erst in der übernächsten Sidra Ki Tissa geschilderten Episode des Goldenen Kalbs.
Nachmanides widerspricht vehement: Wie in der Thora geschildert, sei die Aufforderung, das Stiftszelt zu bauen, vor dem Herstellen des Goldenen Kalbs erfolgt – Gott habe sich aber nach der Katastrophe des Götzendienstes von Mosche erweichen lassen, den Bau dennoch zuzulassen, obwohl die Israeliten den moralischen Anspruch darauf verloren hätten.
Nachmanides lehnt Raschis Zeitverschiebungstheorie grundsätzlich ab. Aber hier ist die Sache von spezieller Brisanz: Denn nach Raschis Theorie wäre, wenn man sie zu Ende denkt, die ganze Idee des Stiftszelts tatsächlich nie entstanden, wenn das Goldene Kalb nicht existiert hätte. Es fällt auf den ersten Blick schwer, sich vorzustellen, das Judentum hätte nie so etwas wie eine heilige Stätte besessen, wenn die Israeliten am Fusse des Sinai nicht die Nerven verloren hätten.
Ein Midrasch in Schemot Rabba macht Raschis Argument noch expliziter, indem er Gott sagen lässt, das Gold, das die Israeliten für das Heiligtum spendeten, habe ihn mit dem Gold versöhnt, dass sie zuvor für die Herstellung des angebeteten Goldenen Kalbes verwendet hatten.
Von diesem Midrasch her gedacht wird die Raschis Exegese unterliegende Idee noch interessanter: Denn nun wäre gar nicht mehr primär der Bau des Stiftszelts selbst, sondern der Akt des Spendens (hebräisch «trumah»), von dem unsere Sidra ihren Namen hat, das entscheidende Element gewesen, das nicht nur die Zentralität des Stiftszelts ausmachte, sondern geradezu das Überleben des Volkes in der Wüste sicherte.
Und dies wiederum lässt vielleicht besser als alles andere verstehen, was die Wichtigkeit des Heiligtums ausmacht: die Fähigkeit der Menschen einerseits und die Bereitschaft Gottes andererseits, in ihrer Beziehung die Richtung zu wechseln und aus der gegenseitigen Entfremdung in das Bewusstsein der Nähe zurückzukehren. Und das Bewusstsein über diese Möglichkeit, die dadurch eben im Heiligtum geradezu verkörpert wäre, hat vielleicht das Judentum und seinen Umgang auch mit schwersten inneren und äusseren Krisen über die Jahrtausende mehr geprägt als jeder Bezug auf einen heiligen Ort.
sidra teruma
20. Feb 2026
Wozu ein Heiligtum?
Alfred Bodenheimer