Talmud heute 20. Feb 2026

Von Bar Kochba zu Ran Gvili

Wie viele jüdische Menschen «bensche» ich, seit ich ein kleiner Knirps bin. «Benschen» ist der jiddische Ausdruck für das Tischgebet, das nach einer Mahlzeit gesagt und an Schabbat und Feiertagen gerne gesungen wird. Den Kern dieses Tischgebets bilden vier längere Segenssprüche, bei denen dem Schöpfer gedankt wird. Bei dem ersten für die Nahrung, bei dem zweiten für das Gelobte Land und bei dem dritten für Jerusalem und dessen Wiederaufbau. Gemäss dem Talmud ordnete Mosche den ersten Segen an, Jehoschua den zweiten und die Könige David und Schlomo den dritten. Im vierten Segensspruch wird Gott als «hatov vehametiv» («Guter und Gütiger») bezeichnet.

Was hat es mit dem vierten Segen auf sich und wer verfasste ihn? Der Talmud nimmt dazu Stellung: «An dem Tage, an dem die Erschlagenen zu Betar zum Begräbnis freigegeben wurden, ordnete man in Javne den Segen ‹der Gute und Gütige› an» (Berachot 48b). Der Talmud setzt diesen Teil des Tischgebets also ungefähr im Jahre 135 an, als die grosse Revolte der Juden gegen die römische Besatzungsmacht in Judäa unter der Ägide des legendären Kämpfers Schimon Bar Kochba nach dreijährigem heldenhaftem Kampf zu ihrem bitteren Ende kam. Mit dem Ende dieser Revolte und dem Fall der letzten jüdischen Festung in Betar, elf Kilometer südwestlich von Jerusalem, fanden dessen Tausende jüdische Einwohner und Kämpfer, darunter Bar Kochba selbst, den Tod. Der Fall Betars besiegelte die endgültige Niederlage der Juden im Kampf gegen die römische Besatzung und das Ende jüdischer Unabhängigkeit. Gemäss dem Geschichtsschreiber Eusebius von Caesarea (260–340) dauerte die Belagerung Betars mehrere Monate, wobei die Verteidiger der Festung «durch Hunger und Durst zum Äussersten getrieben wurden». Die traumatischen Spuren, die die Eroberung Betars durch die Römer im jüdischen Nationalbewusstsein hinterlassen hat, werden durch den grossen Stellenwert, den die Rabbiner diesem Ereignis verliehen, erkennbar: Der Fall Betars wird nämlich in der Mischna im gleichen Zuge wie die Zerstörung der beiden Tempel erwähnt, welche am neunten Tag des Monats Av stattfand (Taanit 4:6). Gemäss der talmudischen Überlieferung verweigerten die Römer zunächst die Bestattung der jüdischen Krieger von Betar und gaben diesem Anliegen erst nach Jahren nach. Das Nachgeben der Römer war Grund genug für die damalige rabbinische Führung in Javne, den vierten Segensspruch beim «Benschen» in Erinnerung an dieses Ereignis festzulegen.

Die Tatsache, dass die Talmudweisen der Beerdigung der Gefallenen bei Betar eine solch wichtige Bedeutung verliehen, war mir stets ein Rätsel. Was soll diese übertriebene Freude über ein Begräbnis? Und was soll diese Erwähnung in einem der populärsten jüdischen liturgischen Texte? Ich habe dies nie verstanden. Bis vor drei Wochen. Dann wurde nämlich Ran Gvili, die letzte israelische Geisel in Gaza, heimgeführt und in Israel bestattet. Jetzt beginne ich, die immense Dankbarkeit und Freude, welche die Weisen damals verspürten, ein bisschen zu verstehen.

Es ging den rabbinischen Führern jener Zeit nämlich nicht um die verwesenden Leichen der Menschen Betars. Deren Seelen befanden sich schon längst in der himmlischen Sphäre. Nein, es ging nicht um die Toten, sondern es ging um die Lebenden. Jene Juden, die das römische Gemetzel in Judäa überlebt hatten und ihrer Unabhängigkeit endgültig beraubt waren, sie brauchten das Begräbnis ihrer Brüder und Schwestern. Sie benötigten es, obwohl und gerade weil es das Ende des Aufstands bedeutete. Die würdevolle Beerdigung der Gefallenen ermöglichte es den Überlebenden, eine Art Schlussstrich zu ziehen und nun endlich zu versuchen, nach vorwärts zu schauen.

Die Familie Ran Gvilis sowie die israelische Öffentlichkeit wussten aufgrund der Einschätzung von Experten schon seit dem 30. Januar 2024, also seit über zwei Jahren, dass Ran tot war. Und trotzdem war die Rückführung seiner Überreste und deren respektvolle Bestattung von grosser Bedeutung. Nicht nur für Familie und Freunde, die nun endlich ein Grab hatten, um sich dort auszuweinen, sondern für die ganze Nation. Tausende Israelis und Juden auf der ganzen Welt brauchten diese Beerdigung. Sie brauchten sie, um diesen Krieg, der auf israelischer Seite insgesamt rund 2000 Todesopfer gekostet hat, mental hinter sich zu lassen. Mit der Grabsteinlegung auf der letzten Ruhestätte Ran Gvilis konnte man endlich einen symbolischen Stein auf die letzten, schmerzlichen und nervenaufreibenden zweieinhalb Jahre legen und zum ersten Mal etwas aufatmen.

So muss es auch damals mit dem Massenbegräbnis der Opfer Betars gewesen sein. Die Grabsteinlegung auf deren Überreste war der dringend benötigte Schlussstrich unter dem römisch-jüdischen Krieg. Die Überlebenden brauchten ihn zum Weiterleben. Die jüdische Nation sollte rund 2000 Jahre auf die nächste jüdische Unabhängigkeit auf Heimatboden warten. Die Beerdigung der Gefallenen Betars sowie die würdige Bestattung aller Verschleppten des 7. Oktober 2023 versinnbildlichen die Notwendigkeit, die Vergangenheit zu bewältigen, um einen Heilungsprozess in der Gegenwart für eine hoffnungsvolle Zukunft in Angriff zu nehmen. Und diese Hoffnung verdient es, im täglichen Benschen einen Ehrenplatz einzunehmen.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn