Zwei Soldatinnen wurden am Sonntag auf den Strassen von Bnei Brak von einer Menge junger jüdischer Männer umzingelt. Die Polizei musste sie retten. Ein Polizeiauto wurde umgeworfen. Polizisten wurden verletzt. Die Menge verfolgte die Streifenwagen und bewarf sie mit Mülltonnen. Das war nicht Gaza. Das war nicht Jenin. Das war Bnei Brak, eine Stadt im Herzen Israels – und die Angreifer waren Juden. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich das, was ich in diesen Videos gesehen habe, erschüttert.
Zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober, nach dem grössten Massaker an Juden seit dem Holocaust, nachdem wir miterleben mussten, wie unser Volk weltweit mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert ist, greifen nun Juden andere Juden auf israelischen Strassen gewaltsam an.
Jeden Freitagabend singen wir «Schalom aleichem» («Friede sei mit euch») und beenden unsere täglichen Gebete mit «Oseh schalom» («Derjenige, der Frieden schafft»). Wir beten ständig für Frieden. Bei Frieden geht es nicht nur darum, uns vor Feinden zu schützen; er beginnt vor allem zu Hause. Bei Frieden geht es darum, wie wir andere behandeln, sowohl unsere jüdischen Mitmenschen als auch den Rest der Welt.
Gewalt zwischen Juden war nie ein jüdischer Wert. In der Vergangenheit hat sie zu verheerenden Folgen geführt. Unsere Stimmen zu erheben, auf Kompromisse hinzuarbeiten, unseren jüdischen Mitmenschen mit Weisheit, Liebe und Empathie zu begegnen: Das sind jüdische Werte.
Demokratie bedeutet Debatte. In einem jüdischen Staat zu leben, bedeutet, sich mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Aber zu gewalttätigen Protesten zu eilen, jüdische Mitmenschen anzugreifen und Eigentum zu zerstören – diese Handlungen finden in unseren Texten keine Rechtfertigung. Zeigen Sie mir eine Stelle im Talmud oder in einer anderen halachischen Quelle, die es erlaubt, andere Juden anzugreifen oder es als akzeptabel erklärt, Polizeiautos umzustürzen oder jüdische Soldaten zu verfolgen, die dem Schutz des jüdischen Staates dienen. Sie werden keine solche Stelle finden.
Wenn Sie wirklich glauben, dass der Allmächtige diese Welt regiert und dass er unser Partner ist und uns unendlich liebt, dann müssen Sie auch glauben, dass er nicht will, dass wir unsere jüdischen Mitmenschen angreifen. Wir fasten, weil der zweite Tempel aufgrund grundloser Feindseligkeiten zwischen Juden zerstört wurde. Wir fasten am Jahrestag der Ermordung Gedaljas, weil ein Jude einen anderen Juden getötet hat. Ich erinnere mich noch daran, als ich erfuhr, dass Premierminister Itzhak Rabin ermordet wurde und dass der Attentäter Jude war. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr diese Nachricht mein Herz erschütterte. Dieses Erbe der Gewalt widerspricht allem, wofür wir stehen. Die IDF werden aus gutem Grund als «Verteidigungsstreitkräfte» bezeichnet. Wir wenden Gewalt nur an, wenn es für unser Überleben absolut notwendig ist.
Diese Gewalt in Israel muss sofort aufhören. Alle religiösen und politischen Führer und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens müssen sich mit einer Stimme erheben und sagen: «Nein zur Gewalt. Nein zu Protesten, die in Gewalt enden. Nein zu Demonstrationen, die unweigerlich zur Entweihung des Namens Gottes führen. Nein, dazu, dass Reporter auf der Strasse verfolgt werden. Nein, dazu, dass Soldatinnen umzingelt und bedroht werden. Insbesondere die orthodoxe Gemeinschaft muss sich ganz klar äussern: «Wir lehnen Gewalt gegen Autoritätspersonen und Gewalt gegeneinander entschieden ab.» Es darf keine Zweideutigkeiten und keine Ausflüchte geben.
An die Eltern und rabbinischen Führer dieser jungen Männer: Sie müssen Ihren Söhnen und Schülern klar sagen, dass dieses Verhalten nicht dem entspricht, was uns die jüdische Geschichte lehrt. Das ist nicht das, was Gott von seinem Volk erwartet. Wir haben die heilige Pflicht, unseren Kindern beizubringen, dass der Weg der Thora ein Weg des Friedens und des Lebens ist, nicht der Gewalt. Ich verstehe, dass es legitime Debatten über den Militärdienst, über Integration und über die Zukunft der israelischen Gesellschaft gibt. Das sind echte Probleme, die eine ernsthafte Diskussion verdienen. Aber in dem Moment, in dem Protest zu Gewalt wird, in dem Moment, in dem Debatte zu Mobherrschaft wird, haben wir alles aufgegeben, was uns das Judentum über den Umgang mit schwierigen Fragen lehrt.
Unsere Nation hat Jahrtausende äusserer Bedrohungen überstanden. Wir haben Verfolgung, Exil und Vernichtungsversuche erlebt. Wir haben überlebt, weil wir in unseren Grundwerten vereint geblieben sind, weil wir uns selbst in den dunkelsten Momenten geweigert haben, uns gegeneinander zu wenden. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine extremistische Minderheit das zerreisst, was äussere Feinde nicht zerstören konnten. Wir sind besser als das. Das Judentum verlangt Besseres von uns. Unsere Kinder verdienen Besseres. Die Frauen und Männer, die in Uniform dienen und uns alle schützen, unabhängig von unserer Religiosität oder unserer Haltung zu strittigen Fragen, verdienen unseren Respekt und unseren Schutz, nicht unsere Gewalt. Nein zum Bürgerkrieg. Nicht damals, nicht heute – niemals.
Steven Burg ist internationaler CEO von Aish. Zuvor war er als Direktor für den Osten beim Simon-Wiesenthal-Zentrum tätig und leitete das Museum of Tolerance in New York City.
standpunkt
20. Feb 2026
Gegen Gewalt von Juden gegen Juden
Steven Burg