die literarische Kolumne 13. Feb 2026

Normales Elend

«Ich hab’ die Welt, die Welt hat mich betrogen.»
Else Lasker-Schüler


Die Massen sind empört. Die Journalisten erregt. Die Zeitungen gefüllt. Die Nachrichten platzen. Was für eine Schlachtplatte, diese Epstein-Files. Da kommt alles zusammen, was Massen lieben: Skandale, verdorbene Eliten, ein bisschen Juden, viel Klebriges, Unerhörtes, Sexuelles, der Fall von Reichen, die sadistischen Hobbys von jenen, die meinen, über dem Gesetz zu stehen, und damit auch recht haben.

Kaum anzunehmen, dass Bill Gates bald hinter Gittern sitzt, er muss die Weltgesundheitsorganisation zahlen. Die Aussicht, dass wichtige Politiker, Monarchen und Milliardäre angeklagt und geächtet werden ist mässig. Die Turbulenzen in der westlichen Info-Welt werden bald schon vom nächsten Skandal oder Krieg oder Erdrutsch abgelöst werden, das Interesse wird einschlafen und die Frauen und Mädchen, die Beigabe des Skandals, interessieren nur als moralisch korrekte Empörungsmasse. Ein wenig «selbst schuld» schwingt in der Ignoranz mit. Das waren ja keine jungen Frauen aus guten Familien, oder überhaupt aus irgendwelchen Familien, die man kennt, sondern einfach nur: Frauen, die vermutlich bezahlt worden oder scharf auf den Kontakt zur Elite waren.

Einfach nur Frauen, warum sollten sie die Mehrheit interessieren? Das tun sie ja weder in Afghanistan noch im Sudan, im Iran, nicht wenn sie Kurdinnen sind, oder schwarz, oder arm, oder in all den Kriegen. Ja, nicht einmal in der Nachbarschaft interessiert die Mehrheiten das dauernde Verbrechen an Frauen und Frauenkörpern. Minderjährige, die als Armutsprostituierte von unseren Männern gesnackt werden, die generelle Tatsache, dass Männer es als ihr Recht betrachten, Frauenkörper zu kaufen, Politik und Religion, die sich anmassen, über Frauenkörper zu herrschen. Unfassbar, wenn das Männer beträfe.

Die Gewalt gegen Frauen wächst auch in Europa dramatisch. Die Femizide sind auf solidem Level, Vergewaltigungen, Schläge, normales Elend, was soll man tun, die nächste Neuigkeit bitte. Die ekelhaften, teils verhaltensgestörten machttriefenden Verbrechen Epsteins zu verurteilen, sich zu erregen, mit feuchten Fingern die Liste der Beteiligten abzutasten, den Kopf zu schütteln und zu all den täglichen, den normal gewordenen Verbrechen an Frauen zu schweigen, ist verlogen, ist verachtenswert, aber leider verständlich in einer Zeit, in der wir den Fortschritt feiern, KI anhimmeln und die Angst geniessen, in der wir uns aufhalten.

In einer Utopie, die wir nicht mehr erleben werden, würde es keine Unterschiede geben zwischen Geschlechtern, Herkunft und Klassen, die es nicht mehr gäbe, denn sie sind eine der Hauptursachen für die Verbrechen an Frauen. Also schweigen wir. Und träumen weiter von einer gerechten Zeit. Und bis dann: Lass mal sehen, wer noch im Epstein-Skandal auftaucht.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg