Das Verhalten von König Schaul, das in der dieswöchigen Haftara beschrieben wird, führt direkt dazu, dass er als König abgesetzt wird. Er missachtet einen klaren göttlichen Befehl und kann deshalb nicht weiter an der Spitze des Volkes stehen.
Wir wollen uns dieses Fehlverhalten von Schaul genauer ansehen, da es eine gewisse Ähnlichkeit mit unserer heutigen Situation hat. Wir müssen aber zuerst verstehen, warum wir diesen Schabbat diese Haftara lesen.
Zusätzlich zum Wochenabschnitt «Tetzaweh» lesen wir diesen Schabbat auch Paraschat Sachor (5. B. M. 25, 17–19). Dieser Abschnitt der Thora befiehlt uns, uns an das zu erinnern, was uns Amalek angetan hat. Amalek hat das jüdische Volk unmittelbar nach seiner Befreiung aus der Knechtschaft auf hinterhältige Art angegriffen, zu einem Zeitpunkt, als das Volk noch schwach und erschöpft war vom anstrengenden Auszug (vgl. 2. B. M. 17, 8 ff.). Deshalb befiehlt die Thora uns, die Erinnerung an Amalek zu vernichten (5. B. M., ibid. Vers 19), das bedeutet, das ganze Volk Amalek zu vernichten.
Wir lesen diesen Abschnitt jedes Jahr am Schabbat vor Purim, da Haman als Nachkomme von Amalek gilt. Der König von Amalek hiess Agag und Haman wird als sein Nachkomme in der Megilat Esther als «Agagi» bezeichnet (Megilat Esther 3, 1).
Die Wahl der Haftara, der «Propheten»-Vorlesung, richtet sich meist nach der letzten Vorlesung aus der Thora. Da Paraschat Sachor nach der wöchentlichen Parascha gelesen wird, wurde als Haftara ein Text gewählt, der sich direkt auf Paraschat Sachor bezieht.
Die Haftara stammt aus dem Buch Schmuel und berichtet von dem Befehl Gottes, den Schmuel dem König Schaul erteilt, das Volk Amalek gänzlich zu vernichten (Schmuel I, 15, 2 ff.). Schaul zieht wirklich in den Krieg gegen Amalek und vernichtet das ganze Volk, ausser Agag, den König von Amalek, den er am Leben lässt.
Als direkte Folge davon befiehlt Gott Schmuel, Schaul mitzuteilen, dass er unter diesen Umständen nicht mehr König bleiben kann. Da er seine Aufgabe als König, sich an die Spitze des Volkes zu stellen und dafür zu sorgen, dass der Befehl Gottes gänzlich ausgeführt wird, nicht erfüllt hat, ist er nicht mehr würdig, König zu sein.
Der Midrasch vertieft die Begründung und erklärt: «Jeder, der mit einer brutalen Person Erbarmen hat, wird sich zum Schluss erbarmenswürdigen Personen gegenüber brutal verhalten» (Tanchuma, Mezora 1, 1). Der Midrasch will damit sagen, dass die Anwendung von Erbarmen gegenüber brutalen Personen zum Schluss dazu führen wird, dass andere Menschen, die wirklich Erbarmen verdienen, brutal behandelt werden.
Eine Legende illustriert auf eindrückliche Art, wie dieser Midrasch verstanden werden kann. Sie bezieht sich auf unsere Haftara, in welcher wir auch lesen, dass König Schaul zwar König Agag gegenüber Erbarmen zeigte und ihn am Leben liess, dass Schmuel ihn aber kurz danach wie befohlen getötet hat. Die Legende beschreibt nun, dass Agag in der Nacht vor seinem Tod ein Kind gezeugt habe und Haman ein direkter Nachkomme dieses Kindes, also von Agag, sei und aus diesem Grunde als «Agagi» bezeichnet werde. Die Legende will damit zum Ausdruck bringen, dass Haman nicht zur Welt gekommen wäre, wenn Schaul den Befehl Gottes erfüllt und Agag sofort getötet hätte. Wenn Schaul nicht falsches Erbarmen gezeigt hätte, wäre uns Juden die brutale Verfolgung durch Haman erspart geblieben.
Die klare Aussage dieser Legende steht heute in einer gewissen Verbindung mit einem äusserst schwierigen Dilemma, vor dem sich die israelische Armee im jetzigen Krieg in Gaza befindet. Das Dilemma ist, ob es bei den Kämpfen mit der Hamas richtig und notwendig ist, möglichst «erbarmungsvoll» vorzugehen, das heisst unter allen Umständen zu vermeiden, dass unbeabsichtigt auch Zivilbevölkerung getroffen wird, oder ob es angebracht und berechtigt ist zu argumentieren, dass in einem derartigen Krieg nicht vermieden werden kann, dass auch nicht am Kampf beteiligte Personen getroffen werden; vor allem in Anbetracht dessen, dass sich die Hamas-Kämpfer mit voller Absicht inmitten und oft hinter der Zivilbevölkerung verstecken.
Sidra Tetzaweh
27. Feb 2026
Ein schwieriges Dilemma
David Bollag