Israel befindet sich im Moment in einer äusserst schwierigen Situation. Der Krieg, der vor mehr als zwei Jahren begonnen hat und immer noch nicht ganz beendet ist, ist eine riesige Belastung für das Land; und niemand weiss, ob, wann und mit welchem Ergebnis der Krieg enden wird.
Die politische und gesellschaftliche Lage ist gespannt und besorgniserregend. Es herrscht Uneinigkeit im Volk, das Land ist gespalten. Die Justiz-Reform, die vor drei Jahren begonnen wurde und das Land in Unstimmigkeit gestürzt, riesige Spannungen und Demonstrationen verursacht hat und mit ein Grund war für den Angriff der Hamas auf Israel, wird weiter vorangetrieben.
Von den Wahlen, die dieses Jahr stattfinden werden, kann nicht erwartet werden, dass sie die parteipolitische Landschaft so verändern werden, dass es einer Regierung möglich sein wird, im Namen einer klaren Mehrheit des Volkes die momentanen Probleme zu lösen und die schwierige Situation zu verbessern.
Da kommt uns erstaunlicherweise eine grosse Rede zu Hilfe, die vor bald 70 Jahren am Jom Haazmaut 1956 in Amerika gehalten wurde. Da hat Rabbi Joseph B. Soloveitchik noch auf Jiddisch in der Yeshiva University eine bedeutende Ansprache gehalten, die später auf Iwrit übersetzt und unter dem Titel «Kol dodi dofek» veröffentlicht worden ist. In dieser Rede bezieht sich Rabbi Soloveitchik unter anderem auf den letzten Teil unserer Parascha und entwickelt eine Theorie, die gerade heute, in der jetzigen Situation, von grösster Aktualität und Relevanz ist.
Der grösste Teil unserer Parascha beinhaltet eine Fülle unterschiedlichster Vorschriften aus allen Bereichen des menschlichen Lebens. Unmittelbar daran anschliessend berichtet die Thora, dass Gott mit dem Volk einen Bund («brit»)geschlossen habe (2. B. M. Kap. 24). Da dieser Bund am Sinai geschlossen wurde, wird er als «brit Sinai» bezeichnet.
In seiner gewohnt dialektischen Art stellt nun Rabbi Soloveitchik diesen «brit Sinai» dem «brit Mizrajim» gegenüber, dem Bund, den Gott in Ägypten mit dem jüdischen Volk geschlossen hatte. Die Gegenüberstellung wird zeigen, was die beiden Bünde je charakterisiert und wodurch sie sich unterscheiden.
Der hauptsächliche Unterschied zwischen dem Bund in Ägypten und dem beim Sinai liegt darin, dass es sich beim ersteren um einen Bund handelt, den Gott dem Volk auferlegt hat, ohne es zu fragen; während der letztere ein Bund ist, den das Volk freiwillig auf sich nimmt. In Ägypten besteht der Bund darin, dass Gott dem Volk mitteilt, er werde es aus der Knechtschaft befreien und sich zum Volk machen (ibid. 6, 5 ff.). Beim Sinai hingegen erklärt das Volk ausdrücklich: «Alles, was Gott gesagt hat, werden wir tun und akzeptieren» (ibid. 24, 7). Zudem bildet in Ägypten die gemeinsame Vergangenheit, das gemeinsame Leid der Versklavung die Basis für den Bund, während beim Sinai die gemeinsame Zukunft im Zentrum steht. Aus all diesen Gründen nennt Rabbi Soloveitchik den Bund in Ägypten «brit goral», einen Bund, der durch das gemeinsame Schicksal entstanden ist, wohingegen der Bund beim Sinai eine «brit jeud» sei, ein Bund, dessen Hauptinhalt die gemeinsame Aufgabe, das gemeinsame Ziel des Volkes ist.
Als der Staat Israel vor bald 78 Jahren gegründet wurde, war es zu einem grossen Teil «goral», das gemeinsame Schicksal, vor allem die Schoah, das die Existenz und den Charakter des Staates bestimmt hat. Unterdessen ist das Vorhandensein eines freien jüdischen Staates aber eine Selbstverständlichkeit geworden, vor allem für die Generationen, die nach 1948 zur Welt gekommen sind. Das gemeinsame Schicksal reicht deshalb nicht mehr aus, die Zusammengehörigkeit und Einheit im Volk herzustellen.
Wie beim Sinai brauchen wir deshalb einen gemeinsamen «jeud». Die israelische Gesellschaft muss einen Dialog führen, in welchem auf respektvolle, unvoreingenommene und vertiefende Art überlegt und diskutiert wird, was die Ziele des Landes sein sollen und wie sie gemeinsam und in Konsens erreicht werden können. Wir müssen wieder lernen, einander zuzuhören und miteinander zu reden, um die Krise, in der wir im Moment stecken, zu überwinden und uns eine bessere Zukunft zu bauen.
Auch wir brauchen eine «brit Sinai».
Sidra Mischpatim
13. Feb 2026
Ein neuer Bund
David Bollag