genf 13. Mär 2026

Offener Dialog, klare Positionen

Ruth Dreifuss, Romaine Jean (LICRA), Carole-Anne Kast (Regierungsrätin Genf) und Jacques Ehrenfreund (v. l.).

Ruth Dreifuss und Jacques Ehrenfreund diskutierten in Genf sachlich und pointiert über Antisemitismus, die Hamas und den Genozidvorwurf gegen Israel.

Das Plakat war ein Publikumsmagnet und versprach lebhafte Diskussionen über ein brisantes Thema: «Ist am 7. Oktober ein neuer Antisemitismus entstanden?» Um diese Frage zu beantworten, hatte die Ligue internationale contre le racisme et l’antisemitisme (LICRA) in Genf am vergangenen Donnerstagabend zwei hochkarätige Persönlichkeiten eingeladen: die ehemalige Bundespräsidentin Ruth Dreifuss und Professor Jacques Ehrenfreund, Historiker und Inhaber des Lehrstuhls für Judaistik an der Universität Lausanne.

Die Moderatorin, Journalistin und Co-Präsidentin der Genfer LICRA, Romaine Jean, betonte in ihrer Einleitung die Zunahme antisemitischer Handlungen seit dem 7. Oktober 2023. Co-Präsident Manuel Tornare wünschte sich für die Veranstaltung eine sachliche und respektvolle Debatte, was zwischen Ruth Dreifuss und Jacques Ehrenfreund der Fall war. Einige Beiträge von Teilnehmern, die diesem Wunsch jedoch nicht nachkamen, wurden mehr oder weniger durch die Entschlossenheit von Romaine Jean gebremst.

Uneinigkeit über die Ursachen
Die Frage, ob die grosse Welle des Antisemitismus in Europa mit dem 7. Oktober und den darauffolgenden Ereignissen verbunden sei, stand im Zentrum der Diskussion. Für Jacques Ehrenfreund war in erster Linie das Massaker der Hamas antisemitischer Natur: «Aber niemand hat es als solches wahrgenommen. Die Gesellschaft, die Israel schon am Tag nach dem 7. Oktober scharf kritisierte, hat den antisemitischen Charakter der Hamas, der in ihrer Charta klar zum Ausdruck kommt, nie angeprangert.»

Ruth Dreifuss zeigte sich zwar besorgt über die Angriffe auf Juden und erkannte den antisemitischen Charakter der Hamas an, doch sei das Ausmass und die Unverhältnismässigkeit der Reaktion Israels auf das Massaker vom 7. Oktober 2023, das von allen als Grauen angesehen werde, der Grund für das Wiederaufleben des Antisemitismus. «Der 7. Oktober hat die Palästinenserfrage wieder auf den Tisch gebracht und das Schicksal des von allen im Stich gelassenen palästinensischen Volkes.» Auch von der Hamas verlassen, ergänzte Jacques Ehrenfreund: «Die Zerstörung Israels ist der Hamas wichtiger als eine Zweistaatenlösung.» Der Professor teilte die Sorge bezüglich der Palästinenserfrage. Jedoch sei es für ihn unverständlich, warum es derzeit keine vergleichbare Mobilisierung für das iranische Volk gebe, das ebenfalls vom eigenen Regime im Stich gelassen, unterdrückt und massakriert werde. Dass dies von keiner Studentendemonstration angeprangert werde, obwohl der Iran seit 1979 sein Ziel bekundet, Israel zu vernichten, sei unverständlich.

Den Richtern überlassen
Mit Blick auf den Genozidvorwurf gegen Israel waren sich beide Redner einig, dass die Entscheidung dem Internationalen Gerichtshof überlassen bleiben sollte. Jacques Ehrenfreund überraschte es jedoch, dass bei so vielen «diese Eile, den Krieg in Gaza als Völkermord zu bezeichnen» herrsche. Ruth Dreifuss fügte hinzu, dass es nicht antisemitisch sei, die Frage nach dem Völkermord zu stellen. «Genauso wenig wie zu behaupten, dass Israel Gesetze verletzt, Kriegsverbrechen begeht und dafür zur Verantwortung gezogen werden muss. Das muss gesagt werden. Ich werde oft gefragt, in welcher Beziehung ich zu Israel stehe. In derselben wie zu anderen Ländern.»

Einen Höhepunkt der Debatte markierte die Aussage der ehemaligen Bundespräsidentin, dass sie sich als «Jüdin der Diaspora» bezeichnete, «die nie das Bedürfnis nach einem Staat verspürt hat, der (…) nicht all seinen Bürgern die gleichen Rechte gewährt». Anders sah das Jacques Ehrenfreund: «Mein Vater musste 1945 aus Polen fliehen, als einziger Überlebender seiner Familie, die in der Schoah umgebracht wurde. Meine Mutter musste aus Deutschland fliehen. Das gibt zu denken. Über den Nutzen eines Staates, in dem sich 10 Millionen Menschen wiedererkennen, darunter mehr als zwei Millionen arabische israelische Bürger, die in Umfragen bekräftigen, dass sie lieber dort bleiben wollen, als sich in einem potenziellen palästinensischen Staat niederzulassen.» Antizionistisch zu sein nach der Gründung des Staates Israel, argumentierte der Professor, stelle einen Verstoss gegen das Völkerrecht und eine Leugnung der Geschichte der Juden dar.

Der Geist von Genf
In der Fragerunde erhitzten sich die Gemüter. Diskutiert wurde über die antizionistischen Positionen der sozialistischen Partei und der Linken im Allgemeinen und über die Instrumentalisierung des Antisemitismus, um jegliche Kritik an Israel abzuwehren. «Das ist es, was die israelische Regierung tut», meinte Ruth Dreifuss. Zum Abschluss des Abends verwies Staatsrätin Anne-Carole Kast auf den Geist von Genf, der den gemeinsamen Dialog wertschätzt, der heute bedroht ist. «Es ist der Wunsch, den anderen zu vernichten, der dominiert.»

Francine Brunschwig