Nach 18 Jahren bei Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch wurde Ruben Bar-Ephraïm mit einem festlichen und musikalischen Wochenende verabschiede.
18 Jahre und zehn Monate wirkte Ruben Bar-Ephraïm als Rabbiner der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch (JLG) in Zürich. In dieser Zeit hat er sich weit über die Gemeinde hinaus grosse Anerkennung und Wertschätzung erworben.
Am Wochenende vom 20. und 21. Juni wurde Ruben, der – wie bei seinem Lieblingsclub Ajax Amsterdam – erst «nach Verlängerung» im vergangenen November von seinem Amt als Gemeinderabbiner zurückgetreten war, mit einem ebenso würdigen wie fröhlichen Abschied gefeiert. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia Dym wurde ihm für sein langjähriges Wirken gedankt.
Die Kraft der Gemeinschaft
In seiner Abschiedsrede zählte Ruben diese Zeit in 6877 gemeinsamen Tagen mit der Gemeinde zusammen. Bereits diese präzise ausgerechnete Zahl brachte die Anwesenden zum Schmunzeln – denn wer Ruben kennt, weiss um seine Freude, aus Zahlen Bedeutungen und Zusammenhänge zu erschliessen. Folglich deutete er die Quersumme der Ziffern 6 + 8 + 7 + 7 als 28, was im Hebräischen den Buchstaben «Kaf» und «Chet» entspricht, welche wiederum das Wort «Koach» («Kraft») ergeben.
Diese Kraft, ergänzte Ruben, habe er stets aus den Begegnungen mit den Menschen in Or Chadasch geschöpft. Darin zeigt sich eine Haltung, die sein Wirken über all die Jahre geprägt hat: Die Menschen standen für ihn immer im Mittelpunkt. So blickte er auch auf die Einführung seines Nachfolgers, Rabbiner Eli Carvajal. Mit gewohntem Schalk forderte er die Anwesenden auf, Eli niemals mit dem Hinweis «Das hat Ruben aber anders gemacht» zu konfrontieren, und Eli dadurch zu ermöglichen, seinen Weg auf ganz eigene «elische Weise» zu gehen. Zugleich wünschte Ruben Eli dasselbe Mass an Vertrauen, das er selbst während seiner 6'877 Tage erfahren durfte.
Ein besonderes Anliegen war Ruben stets der interreligiöse Dialog. Dankbar blickte er auf zahlreiche Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Glaubenstraditionen zurück und auf das gemeinsame Anliegen, «dass unsere unterschiedlichen Traditionen dem menschlichen Miteinander nicht im Wege stehen sollten».
Ein musikalischer Abschied
Das Wochenende war geprägt von einer grossen Vielfalt an Beiträgen und vielen Höhepunkten. Ganz im Sinne Rubens spielte Musik dabei eine zentrale Rolle. Der JLG-Chor Schir Chadasch sowie das vierköpfige «Ad-hoc-Orchester» der Gemeinde trugen wesentlich zur festlichen Stimmung bei – wobei der Klangkörper des Letzteren mehr einem Quartett entsprach.
Eröffnet wurde das Wochenende nach einem Apéro im Kino Riffraff mit der Vorführung des Films «Anatevka», basierend auf den Erzählungen von Scholem Alejchem. Diesen Film hatte sich Ruben ausdrücklich gewünscht.
In seiner Einführung erinnerte er an eine Schellackplatte mit den Liedern des Musicals, die ihn bereits in seiner Kindheit begleitet hatte. Zugleich sprach er die bis heute aktuelle Problematik des Antisemitismus an sowie die zeitlose Erfahrung, dass Kinder eigene Wege gehen und Traditionen unterschiedlich interpretieren. Zudem spielt ausgerechnet «Anatevka» in Rubens Familie gerade jetzt eine Rolle, da sein Enkel bei einer holländischen Bühneninszenierung mitwirkt und Ruben selbst als Berater für «Jüdischkeit» fungiert.
Der Sonntag bot Mitgliedern der Gemeinde ebenso wie Weggefährtinnen und Weggefährten aus dem interreligiösen Dialog Gelegenheit, sich mit Worten und Musik bei Ruben zu bedanken. Die vielen persönlichen Erinnerungen – meist humorvoll und herzlich – trugen wesentlich zur heiteren Atmosphäre bei und liessen die Wehmut des Abschieds immer wieder in den Hintergrund treten.
So konnten die Anwesenden in einer kaum wiederzugebenden Einlage erleben, wie aus einem «Harav Schlita» ein «Rabbiner Schlitten» wurde – welch Davoser Schlitten Ruben nun auf seinem Weg zurück in die niederländische Heimat begleiten wird.
Die schauspielerischen und musikalischen Talente innerhalb der Gemeinde waren eindrücklich sichtbar. So brillierte etwa Vorstandsmitglied Eva Dym als Clownin in der Rolle einer emsig aufräumenden und motorradfahrenden Reinigungskraft.
Ein gebührender Abschied
Einem besonderen Wunsch Rubens entsprach auch die Mitwirkung von Kantor Isidoro Abramowicz, dessen ebenso eindrücklicher wie stimmgewaltiger Auftritt das Publikum sichtlich ebenso begeisterte wie jener anekdotengespickte von Gustavo Zahnstecher.
Den musikalischen Schlusspunkt setzten Anne Battegay (Violine) und Daniel Borovitzky (Klavier) mit einem konzertreifen Auftritt. Mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach, Niccolò Paganini, Fritz Kreisler, Ernst Bloch und Maurice Ravel begeisterten sie das Publikum. Unwissentlich schlossen sie damit einen Kreis: Mit einer kurzen Folge von Melodien und Themen aus «Anatevka» von John Williams und Jerry Bock griffen sie den Auftakt des Wochenendes nochmals auf und gaben ihm einen besonders stimmigen Ausklang.
Rabbiner Ruben und Sylvia wurden mit herzlichen Wünschen verabschiedet – verbunden mit der Hoffnung, ihnen auch künftig immer wieder in Zürich und in «ihrer» Gemeinde zu begegnen.