Reaktion auf offizielle Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat am Dienstag aggressiv auf die einstimmige Entscheidung der Knesset vom Sonntag reagiert, die massenhafte Vertreibung und Ermordung von Armeniern durch osmanische Streitkräfte im Ersten Weltkrieg offiziell als Völkermords anzuerkennen. Israel hatte von diesem Schritt trotz eindeutiger Belege durch die historische Forschung über Jahrzehnte abgesehen.
Doch nun erscheint die als jüngstes Kapitel in den sich aufgrund der Kriegsführung der IDF in Gaza verschlechternden Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Erdoğan erklärte: «Wir schenken den Verleumdungen gegen unser Land durch jenes Mördernetzwerk, an dessen Händen das Blut von 73'000 unschuldigen Bewohnern Gazas – zumeist Frauen und Kinder – klebt, nicht die geringste Beachtung». In der türkischen Geschichte gebe es «keinen Völkermord, kein Massaker, keine Unterdrückung und keinen Kolonialismus.»
Erdoğan hat Israel immer wieder Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen. Jüngst bezeichnete der türkische Vizepräsident Cevdet Yılmaz die israelische Abstimmung zur Anerkennung des Völkermords an den Armeniern als «Versuch, die eigenen Verbrechen zu vertuschen». Die israelische Regierung hat Völkermord-Vorwürfe in Gaza entschieden zurückgewiesen.
Im Zentrum der Debatte steht eine osmanische Kampagne, der nach 1915 schätzungsweise mehr als eine Million Armenier zum Opfer fielen und die von Historikern weitgehend als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts eingestuft wird. Zahlreiche EU-Mitgliedstaaten erkennen die Ereignisse als Völkermord an; zudem verabschiedete das Europäische Parlament im Jahr 2015 anlässlich des hundertsten Jahrestages der Ereignisse eine Resolution gegen Völkermord.
In seiner Rede am Dienstag argumentierte Erdoğan, die Glaubwürdigkeit der israelischen Anerkennung werde zudem durch die Geschichte der Türkei untergraben, die während des Zweiten Weltkriegs Juden vor dem Holocaust gerettet habe: «Es ist ein Verdienst, jene geschützt zu haben, die vor der Verfolgung durch die Nazis geflohen sind.» Israel solle einen Blick auf seine eigene Geschichte werfen, statt «die Türkei und die türkische Nation zu verleumden». Israel hat auf die türkischen Vorwürfe zunächst nicht reagiert (Link).