Basel, Oktober 2026. Der goldene Herbst lässt langsam den bevorstehenden Winter spüren, der ein politischer Winter oder Herbst werden kann. Israels Wahlen vom kommenden Dienstag bedeuten eine Weichenstellung mit weitreichenden Folgen für die Region und vielleicht wenig Änderung für Israels Innenpolitik. Rund um das Basler Stadtcasino beginnen die Aufbauten für die Basler Herbstmesse.
Zwei Jahre nachdem ein arabischer Mob in Hebron 67 Juden ermordet hatte und wenige Monate nach dem britischen Passfield-Weissbuch traf sich die zionistische Bewegung im Sommer 1931 in Basel zu ihrem 17. Kongress. Sie war zerrissener als je zuvor. Chaim Weizmanns Politik der Geduld und der Partnerschaft mit London war für viele Delegierte nicht mehr glaubwürdig. Weizmann selbst lieferte seinen Gegnern den Anlass: Mitten in den Kongresstagen erklärte er in einem Interview, er habe «weder Sympathie noch Verständnis» für die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit in Palästina. «Die Welt wird diese Forderung nur in einem Sinn verstehen: dass wir eine Mehrheit erlangen wollen, um die Araber zu vertreiben.» Die Revisionisten um Wladimir Jabotinsky griffen das auf und verlangten ein Bekenntnis zum «Endziel», einem jüdischen Staat mit jüdischer Mehrheit beiderseits des Jordans. Die gemässigte Mehrheit lehnte den Antrag ab. Ihren Anführer verlor sie trotzdem: Weizmann wurde nicht wiedergewählt, Nahum Sokolow übernahm die Präsidentschaft. Jabotinsky zerriss vor den Delegierten seine Karte und rief: «Dies ist kein zionistischer Kongress mehr!» Die Geste nahm den späteren Bruch vorweg. Der Kongress zeigte, wie eine liberale Mehrheit ihre Positionen verteidigen konnte und dennoch die Deutungshoheit an die radikalen Kräfte abgab. Die Analogien zur gegenwärtigen Bedrohung liberaler Demokratien weltweit und zu den bevorstehenden Wahlen vom Dienstag in Israel könnten nicht deutlicher sein und zeigen letztlich, dass die jüdische Debatte über die Vertreibung von Arabern aus Israel keine Konsequenz aus der Schoah ist, sondern die Forderung einer radikalen zionistischen Fraktion, von der man zu lange gedacht hat, sie würde sich nicht durchsetzen. Doch dann kamen Meir Kahane und der Rabin-Mörder Yigal Amir, der im Kontext eines radikalisierten jungen Binjamin Netanyahu den damaligen Premier Itzchak Rabin ermordete, bis hin zum Dezember 2022, als Monate vor den Massakern des 7. Oktober 2023 mit Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich erstmals rechtsextreme Faschisten in einer israelischen Regierung Einsitz nahmen. Das ist der Prolog der Wahlen von nächster Woche, die zur Abwahl einer Regierung führen könnten, die die Judenfrage mit anderen Vorzeichen weltweit neu formuliert und mit der Vertreibung der Araber begonnen hat. Die Besatzungspolitik wurde identitär und brandgefährlich. Die zunehmende Bedrohung für Jüdinnen und Juden weltweit geht seit Jahren Hand in Hand mit den Eskalationen in Nahost – und jene, die sie losgelöst von Israels Politik der letzten Jahre sehen und sie als dekontextualisierten Faschismus von Muslimen gegen Juden sehen wollen, blenden das aus, mit allen Verschwörungen und allem Rassismus, die ständig mitgehen. Doch beides war nie so angelegt: Weder wollten Juden Muslime vertreiben noch Muslime Juden. Die Vertreibungsphantasien von extremen ideologischen Vordenkern konnten nur durch verfehlte Politik auf allen Seiten zum Programm werden, für das ein wild gewordener Netanyahu wie kaum ein anderer steht. Israel hat ihn zwar gewählt, aber eigentlich nicht verdient, und schon gar kein postnationalistisches Identitätsprojekt, das für manche populär sein mag, aber keine demokratische Zukunft haben wird. Doch eine Abwahl Netanyahus löst zwar das kleptokratische Vakuum, nicht aber Israels Probleme in der Region, die innenpolitische Verrohung und Dekadenz. Israel darf nicht zum linken oder rechten Programm verkommen und muss wieder deideologisiert werden. Den Anfang müssen all jene Jüdinnen und Juden machen, die nicht wählen können und sollen – aber tagtäglich von Israels Agitationen betroffen sind. Auf dass solche Schicksalswahlen nur solche für Israel selbst sein werden und Juden und Israel auf Augenhöhe in gesunder Dualität, Solidarität und Prosperität leben können. Jabotinsky hat den Zionisten den Zionismus abgesprochen, während Israels Regierung in den letzten Monaten die Judenfrage neu formuliert hat. Dass es so weit gekommen ist, hat viel mit der Blindheit jener zu tun, die schweigend zum Teil eines rechtsextremen Programms wurden, für das Netanyahu heute steht – und das viel extremer ist als die rechtsextremen Parteien weltweit. Parteien, die Jüdinnen und Juden in der Mehrheit zu Recht bekämpfen, bevor die Rechtsextremen die Demokratie und damit Minderheitenrechte und Gleichberechtigung fressen werden.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
23. Okt 2026