Frankfurt, Oktober 2026. So muss es sein. Debatten, Diskussion, Diskurse gehören in die Agora – am besten mit Substanz. Diese liefert die Buchbranche in aller Vielfalt mit einem Kanon aller Perspektiven in Tagen, da die Berliner Politdebatten immer absurder, ideologischer und ohne Blick auf Lösungen geführt werden. Für israelische und jüdische Autoren und Autorinnen zeigt sich das in diesem Jahr im Kontext der Israel-Debatten und des Jahrestags des 7. Oktober. Keine Sanktionen, Boykotte oder Einschränkungen. Die 78. Frankfurter Buchmesse hat gleich politisch begonnen. Bei der Eröffnung am Dienstag wurde Tschechiens Kulturminister Oto Klempíř von der rechtsextremen Partei Motoristé ausgepfiffen und mit «Hanba!»-Rufen («Schande!») unterbrochen. Kritiker werfen ihm vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Radio sowie die Filmförderung unter staatliche Kontrolle bringen zu wollen, sie spielten auf seine frühere Tätigkeit als Informant der Staatssicherheit an. Die Antwort kam von der Bühne. «Die Staatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen – aber die Literatur bleibt», sagte die Schriftstellerin Radka Denemarková und erhielt dafür stehenden Applaus. Die Szene steht für das Messejahr 2026, in dem Literatur wieder als Gegenkraft zur Politik verhandelt wird. Das Zentrale ist in diesem Jahr die künstliche Intelligenz. 120 Verlage fordern im «Frankfurter Appell» Transparenz über die Werke, mit denen KI trainiert wird, und faire Lizenzen. Deutschlands Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will Meta und andere Konzerne auf europäischer Ebene «zwingen, die Algorithmen zu ändern». Der Leserückgang allerdings macht der Buchbranche zu schaffen und zeigt einen drohenden Verfall kulturellen Wissens, für den die schlechten Resultate der kürzlich publizierten PISA-Studien nur ein Zwischenindikator sind. Im fünften Jahr von Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigen 44 ukrainische Verlage an einem Nationalstand auch die kulturellen Verluste des Kriegs. Der russische Staatsstand bleibt seit 2022 ausgeschlossen. Der Aufruf der Koalition «Publishers for Palestine» zum Boykott der Messe hingegen bleibt wirkungslos, während palästinensische Stimmen in den Verlagsprogrammen zu sehen sind. Für Direktor Juergen Boos ist es nach 21 Jahren die letzte Messe, die am Sonntag mit der Verleihung des Friedenspreises an den jüdischen Völkerrechtler Philippe Sands in der Paulskirche nochmals einen Endpunkt setzt. Sands steht in Teilen der jüdischen Gemeinschaft wegen seiner Kritik an Israels Vorgehen in Gaza in der Kritik, die er am Sonntag gemäss Informationen von tachles klar ansprechen wird. Die Buchmesse und -branche sind im Wandel, bleiben Seismograf für viele Entwicklungen und stehen politisch weltweit immer mehr unter Druck. Denn Orte des freien Denkens müssen neu erkämpft werden. Orte, die nicht von ideologischen Korsetten dominiert sind, sondern Bedingung für Freiheit werden. Doch das zeigt sich auch an dieser Buchmesse. Worte wie Freiheit, Faschismus, Antisemitismus diffundieren und verlieren in der entkoppelten, inflationären Anwendung ihre Bedeutung. Was bleibt dann, wenn die Sprache zur Hülle, die Worte sinnentleert und vieles nur noch zur zweckgenutzten Parole wird? Was passiert, wenn der Dialog einer unter Maschinen wird, die Worte nur noch strategische Bausteine und die Sinnlichkeit des wahren Streits um das bessere Argument verloren gehen? Einige Bücher liefern die Antwort – gerade in diesem Jahr. Und es sind oft jene, die neben den schillernden liegen.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
09. Okt 2026
Lesen und dann reden
Yves Kugelmann