Hamburg, Oktober 2026. Es wird geboren und gestorben im Kreislauf des Seins. Der aktuelle Wochenabschnitt «Noach» ist die passendste Beschreibung der Gegenwart. Die Erde ist «voller Gewalt und Verderbnis». Der Mensch richtet sich gegen sie. Einst und heute. Er bekämpft die Natur, aus der er hervorgegangen ist, und entkoppelt sich von ihr, zerstört sie. Mit Robotern, Maschinen und künstlicher Natur, Intelligenz oder künstlichem Leben stellt er sich den Zyklen entgegen. Die Sintflut soll die Erde reinwaschen und Noach die Menschheit retten, gefolgt vom immerzu Menschlich-Menschlichen mit dem Turmbau zu Bavel. Die Vernichtung der Menschheit bleibt seit ihrer Entstehung mehr als Möglichkeit und zeigt, wie sinnentleert alles werden kann. War die Trennung von Mensch und Glauben in der Moderne, die sich im Turmbau zu Bavel abzuzeichnen beginnt, vielleicht Anfang der Lösung nach Jahrhunderten der Religionskriege oder ist sie die Radikalisierung des Menschen? Kinder- und Menschenrechte, das Völkerrecht und Verfassungen waren nie ein linkes Programm, sondern vernunftsbasierte Erkenntnis nach den Zivilisationsbrüchen im 20. Jahrhundert. Doch in unseren Tagen werden sie dazu gemacht. Darüber sprach Philippe Sands unter anderem am vergangenen Sonntag in der Paulskirche anlässlich der Friedenspreisverleihung des Deutschen Buchhandels. Sands hat 80 Mitglieder seiner Familie im Völkermord der Völkermorde, der Schoah, verloren. Er steht in einer Tradition liberalen jüdischen Denkens, das ihm und so vielen anderen heute vorgeworfen und nicht wertneutral verhandelt wird. Die einen sehen die Nomination von Sands in diesem Jahr als politisch motiviert, als Instrumentalisierung. Andere sehen in der Nomination die richtige Würdigung von Werk, Autor, Themen im Angesicht der Zeit. In seiner Rede sprach Sands von der Verfolgung der Jesiden und der Uiguren, nannte die Kriege in Syrien, Iran, Myanmar, Sudan oder der Ukraine ebenso wie die Hamas-Massaker in Israel, die Kriege im Gazastreifen oder im Westjordanland. Hätte er Israel und Gaza nur in einer Zeile erwähnt, Deutschlands Staatsräson nicht verhandelt, wäre die Rede in der jüdischen Gemeinschaft als eine der wichtigen Reden in die Annalen der Geschichte eingegangen. Die Dekonstruktion durch Einbruch der Wirklichkeit hat sie für viele partikularisiert und zum «linken» Erguss gemacht.
In der Widmung an seinen Freund Léon Werth schreibt der Schriftsteller und Pilot Antoine de Saint-Exupéry in «Der kleine Prinz» (1943): «Alle grossen Leute sind einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich daran).» Werth war ein unabhängiger linker Intellektueller, Antimilitarist und Gegner des Kolonialismus. Seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg verstärkten seine antimilitaristische Haltung. Er kritisierte den französischen Kolonialismus und positionierte sich früh gegen den Stalinismus. Sands endete mit Leonard Cohens Zeilen: «Ring the bells that still can ring / Forget your perfect offering. There is a crack, a crack in everything / That’s how the light gets in.» Doch was nutzen Gedichte, Gesänge, die Mythen, die Bücher, die Schriften, die Texte – die alles schon allegorisch vorweggenommen haben und die Gegenwart sich dazu verhält, als ob sie diesen nachfolgt und die Realität nachliefert –, wenn die Erkenntnis eine der Erwachsenen ist und nicht der Kinder? Eine Welt in der Väter als Soldaten auch Kinder töten. Eine Welt in der Mütter, die Kinder in Kriege senden? Sands hat sie recherchiert, die Welt bereist, die Erfahrung niedergeschrieben. Hinter den Sekundärdebatten über zu viel Moral oder falsche Anmahnungen verbirgt sich der Kampf gegen die Eingrenzung der Menschen- und Völkerrechte – getränkt aus einem dann doch selbstlosen Motiv, das in der jüdischen Welt lange als «tikkun olam» wie eine Fackel vor sich hergetragen wurde und durch den Gaza-Krieg gerade gelöscht wurde. Die Erwachsenen haben den Kindern die Welt und Zukunft gestohlen – so wenige von ihnen sind Kind geblieben.
«Noach» zeigt, wie die Menschheit mit Gewalt, Macht und Verantwortung umgeht und unter welchen Bedingungen ein Neubeginn möglich wird. Doch ist ein Neubeginn möglich? 1945 war einer. Sands argumentiert damit in jeder Zeile seiner Bücher. Es war die Stunde null der Menschheit – die vielleicht nie hätte erwachsen werden sollen.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
16. Okt 2026
Die Welt der Kinder
Yves Kugelmann