Frankfurt, Januar 2026. Wo liegt der Nahe Osten? An einer Ecke in Frankfurt erklingt am Mittwochnachmittag die Hymne der iranischen Frauen, «Baraye», der Revolution von 2022. Exiliranerinnen rufen nochmals in Erinnerung, dass der aktuelle Krieg gegen den Iran ohne die Frauenproteste und jene von diesem Januar vielleicht nie möglich gewesen wäre. An einem sonnigen Frühlingstag singen die Vögel zuversichtlich von den Bäumen in angespannten Tagen. Millionen Menschen von Israel bis Isfahan fürchten Bomben. Israelische Familien sorgen sich um ihre Kinder, die nun wieder Tage und Nächte unter Sirenen und in Bunkern verbringen. Abermillionen Menschen im Nahen Osten hat dieser richtige und falsche Krieg in eine neue Wirklichkeit mit alten Träumen katapultiert, Lebenspläne verändert und angstvolle Hoffnung wachsen lassen, dass nun die so lange versprochene Wende zu einer friedlicheren Region kommt.
Ein Deutschiraner erzählt von Attars «Konferenz der Vögel». Es ist eine alte poetische Allegorie von einer kollektiven Reise zur Wahrheit, an deren Ende die Suchenden erkennen, dass das Gesuchte in ihnen selbst liegt. Einer der vielen Sätze in diesen Tagen, die in der persischen Metaphorik Realitäten einzufangen versuchen, mit der Vorsicht vor dem Schweigen. Eine junge Iranerin stimmt ein Gespräch an und zitiert aus dem persischen Hafez: «Ich bin ein Vogel aus dem Garten des Himmels, nicht von dieser Erde; für zwei, drei Tage haben sie aus meinem Körper einen Käfig gebaut.»
Es sind junge Iraner, darunter Journalisten, geflüchtet aus der Region, die an der Seite der Zivilgesellschaft waffenlos kämpfen. Darunter jüdische Iraner, mit denen auch die tachles-Redaktion seit Jahren Kontakte in die jüdische Gemeinschaft Irans pflegt, die in den letzten Tagen verstummen mussten, um die dortigen Menschen nicht zu gefährden. Der Krieg mischt die Karten neu – oder vielleicht nicht? Viele sind voller skeptischer Hoffnung. «Nächsten Juli dann in Isfahan?» – «Ja. Im Café Azadegan.» Nach Dutzenden Visa-Anträgen und 25 Jahren später wird’s vielleicht klappen: der Blick hinter die Stallwand des tödlichen Regimes. Die Einblicke in eine Weltkultur voller Schönheit, die seit 1953 von dekatenten und dann islamitsischen Regimen von Blut getränkt wird. Wo immer der Nahe Osten liegen mag, der die Welt heute in Atem hält, er muss sich endlich emanzipieren können – von Regimen und internationalen Hegemonialansprüchen, damit der Tanz der Freiheit nicht wieder einer im Schatten des Unrechts sein wird.
Auf www.tachles.ch findet sich der aktuelle Kommentar zum Iran-Krieg: «Irans Emanzipation statt Hamans Erbe».
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
06. Mär 2026
Iranisches Roulette und tanzende Frauen
Yves Kugelmann