Schon vom ersten Tag an war es deutlich, dass der Iran-Krieg 2026 keine Neuauflage des 12-Tage-Kriegs im Juni 2025 wird. Schon die Menge setzt Rekorde: Um die 200 israelische Kampfflugzeuge griffen gleichzeitig über 500 iranische Ziele an. Irans Antwort sah im Vergleich wie ein Sparprogramm aus. Im letzten Juni wurden Hunderte Raketen und Drohnen gleichzeitig auf Israel gefeuert. Am 28. Februar waren es gerade noch Dutzende. Doch effektiv über Tag und Nacht verteilt und mit breit gestreuten Zielen jagten sie fast ganz Israel wieder in die Schutzräume und Bunker. Trotzdem sorgte von Anfang an die Luftüberlegenheit der USA und Israels für einen klaren Himmel über Teheran. Nicht so klar sind die Kriegsziele.
Als Binyamin Netanyahu gleich nach der ersten Angriffswelle von der Abwehr einer mörderischen Gefahr sprach, wusste er, sein Volk hinter sich. Opposition inbegriffen. Auch Donald Trump sprach am ersten Tag von einem unumgänglichen Regimewechsel im Staat der Mullahs. Was seine Opposition in den USA aber nicht unbedingt von der Notwendigkeit des Krieges überzeugte. Später wechselte er zur weltweiten nuklearen Gefahr, die von den Mullahs ausgeht. Dann zu den ballistischen Raketen, die auch die USA bedrohen. In Zukunft.
Dies sind Kriegsmotive, mit denen sich die amerikanische Öffentlichkeit schwertut. Ihr ist nicht einmal klar, wer da Krieg führt: Iran und Israel – logisch. Aber wer noch? Gerade galt die türkische Regierung doch noch als proiranisch? Warum schiesst der Iran dann in Richtung Türkei? Warum müssen NATO-Einrichtungen die anfliegenden Raketen abfangen? Aserbaidschan kauft israelische Waffen und bietet sich somit als Ziel an. Doch auch das mit Aserbaidschan erzverfeindete Armenien wird vom Iran bedroht. Und wenn Israel den Iran so massiv angreift, warum schlägt der Iran dann in den ersten Tagen gerade mal mit 200 Raketen und 100 Drohnen gegen Israel zurück? Jedoch mit 500 Raketen und 2000 Drohnen auf die benachbarten arabischen Golf-Anrainer, die doch zum Teil ihre guten Beziehungen mit Teheran sorgfältig pflegten.
Es hat etwas mit den Reichweiten zu tun und mit der schwächeren Luftabwehr in den Golfstaaten. Durch einen Rundumschlag gegen alle Anrainer lässt sich weltweit ein Chaos auslösen. Angriffe, die an einem effektiv geschützten Israel weitgehend abprallen, gehören jedoch schon lange zur regionalen Routine.
Ganz wichtig: Dem entstehenden Chaos folgt ein weltweiter Anstieg der Ölpreise. Sie steigen infolge der vom Chaos ausgelösten Panik, nicht infolge der weltweit bestehenden Vorräte. Die waren noch nie so umfangreich wie heute. Dies bedeutet, dass nicht Engpässe auf den Förderfeldern den Ölpreis hoch treiben, sondern Spekulanten auf den Verkaufsmärkten.
Donald Trump gerät so unter Druck. Er weiss, im Gegensatz zu den Kriegsursachen verstehen die amerikanischen Verbraucher höhere Preise an den Zapfsäulen sehr schnell, auch wenn sie dafür überhaupt kein Verständnis haben. Trump steht unter doppeltem Druck – aus den unter Beschuss stehenden Ölstaaten am Golf und durch die unzufriedenen heimischen Verbraucher: Für einen Krieg irgendwo neben Belutschistan aus der eigenen Tasche zahlen? Noch springt der US-Präsident so kurz vor den Zwischenwahlen von einem Motiv und Kriegsziel zum anderen. Doch wenn seine Erklärungen weiterhin nur eine Minderheit der Wähler überzeugen, kann er auch abspringen. Trump eben.
Jeder sich anbietende Kompromiss könnte dann gut sein. Wenn ein Deal unbedingt her muss, könnte ein Führungswechsel in Teheran auch als Regimewechsel an die Wähler verkauft werden. Wie nach der Maduro-Entführung in Caracas. In einem nächtlichen Telefonat gestand Trump Jonathan Karl von der American Broadcasting Company, dass es Denkansätze in diese Richtung gegeben habe. Drei iranische Führungspersönlichkeiten seien in der engeren Auswahl für eine Venezuela-Lösung in Teheran gewesen, doch … alle drei standen allzu nahe neben dem Obersten Führer Ali Khamenei, als die Bombe auf ihn fiel. Overkill.
Auch die Mullahs machen sich Gedanken über «den Tag danach». Jahrzehntelang bildeten die Revolutionsgarden Terroristen aus aller Welt aus. Jetzt lernen sie von ihren Proxys im Gazastreifen und im Libanon. Die Hamas hat Schläge hinnehmen müssen wie niemals zuvor. Fünf Monate später bewegen sich ihre Kämpfer mit der Kalaschnikow im Anschlag durch Gaza und sorgen dafür, dass das selbstverschuldete Chaos wieder in Ordnung kommt. Technokratenregierung? Internationale Stabilisierungstruppe? Friedensrat? Da war doch mal was. Aber jetzt ist erst mal das Chaos im Iran dran.
Beispielhaft ist auch die Überlebensfähigkeit der Hizbollah im Libanon. Ihre Entwaffnung war laut Waffenstillstandsabkommen am 31. Dezember fällig. 2025! Jetzt schiesst die Schiitenmiliz wieder in Richtung Israel. Der Patron in Teheran ruft um Hilfe und somit ruft die Pflicht. Eine schwere, denn Israel schlägt zurück. Und wie. Durch ihr jetziges Eingreifen droht der Hizbollah der Verlust auch des letzten Anscheins, ihre Existenz diene libanesischen Interessen. Die Maske ist vom Kopf. Die Hizbollah kämpft im Libanon, aber nicht für den Libanon. Sie schlägt sich für die Islamische Republik. Trotzdem bleibt sie die stärkste militärische Kraft im Libanon. Der Staat im Staate.
Die libanesische Regierung will dies nicht länger ignorieren. Aber kann sie auch etwas dagegen tun? Sie erklärte diese Woche die militärischen Angriffe der Hizbollah gegen Israel für illegal. Was soll’s? Dadurch wird das Scharadespiel «Entwaffnung der Hizbollah durch die reguläre libanesische Armee» aus dem Vorjahr nicht retroaktiv zum Erfolg. Selbst wenn eine letzte Woche initiierte Festnahme von 12 «irregulären» Hizbollah-Kämpfern durch die Armee diesmal ohne Augenzwinkern stattgefunden haben könnte. Die Festgenommenen werden nicht lange im Kerker darben müssen. Ganz im Gegensatz zu den 300 000 südlibanesischen Zivilisten, die nach dem erneuten Aufflackern der Kämpfe wieder in den Norden fliehen mussten.
Im Iran wie im Libanon zeigt sich, dass Israels Regierung nur wenig aus ihren Erfahrungen im Gazastreifen gelernt hat. Ihr fehlt weiter eine vorausschauende politische Strategie. Gegenüber unpolitischen Terroristen, deren einziges Ziel die Vernichtung Israels ist, mag es auch keine politische Strategie geben. Doch gibt es politische Alternativen. Die gemeinsame Front vom Golf bis Zypern zeigt es derzeit mehr als deutlich. Im Juni kämpfte Israel an sieben Fronten. In diesem Krieg sieht sich der Iran umzingelt.
Politische Möglichkeiten müssen erkannt und gepflegt werden. Bevor Onkel Donald aus Washington seine Kinder dazu zwingt. Das bestehende Abraham-Bündnis kann erweitert werden, die iranischen Angriffe zwingen die Golfstaaten und Saudi-Arabien geradezu in ein regionales Verteidigungsbündnis. Aber auch Israel. Zugeständnisse gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde sind daher letztlich unumgänglich. Selbst wenn die arabischen Anrainer die Palästinenser vergessen sollten, Washington wird es nicht.
Doch Israels Regierung, in entscheidenden Teilen selbst auf infantile Weise unpolitisch programmiert, ist dazu unfähig. Unfähig, Sieg klar zu definieren, militärische Gegenwart in eine politische Zukunft zu leiten. In diesem Krieg zeichnet sich eine Schwächung der Mullah-Tyrannen von bislang ungeahntem Ausmass ab – ohne dass dadurch das Regime stürzen muss. Wobei das blosse Überleben für die Revolutionsgarden ein Sieg wäre. Wie für die Hamas im Gazastreifen.
Für Israel gibt es keinen Punktsieg. Nur einen K. o., also den Sturz der Mullahs, den Israels Regierung nicht herbeiführen kann. Das können nur die Iraner selbst.
Norbert Jessen ist Journalist und lebt im Süden Israels.
zur lage in israel
06. Mär 2026
Alles oder nichts
Norbert Jessen