Frankfurt, Januar 2026. Die Welt blickt seit Tagen schockiert auf die Schweiz, während nicht nur in Bergdörfern Brandschutzmassnahmen in Lokalen auf einmal hinterfragt und bei Umbauprojekten etwa in Zürich und Basel noch rasch verschärft werden. Die Brutalität des Feuerinfernos von Crans-Montana, die Vehemenz der Zeugenaussagen und -dokumente, die Kumulation von Ereignissen, die immer auf Aspekte zuläuft, die bei früheren Krisen in der Schweiz präsent waren, ist schlicht erschütternd. Die Schicksale, die Geschichten und letztlich verheerenden Verletzungen der überlebenden Opfer stellen vieles in den Schatten, was sonst bei menschengemachten Unglücksfällen zu sehen ist. Dass dabei auch die jüdischen Gemeinschaften der Romandie und ausserhalb der Schweiz direkt betroffen sind, soll gar nicht mehr als nötig in den Vordergrund gerückt und das Inferno in diesem Kontext gesehen, sondern der Fokus auf Mentalitäten gelegt werden, die solche Unglücksfälle möglich machen. Da ist die Lektüre internationaler Zeitungen hilfreich ernüchternd: klare Fragestellungen, Tiefenrecherchen und oft analytisch integre Beurteilungen.
Die Tragödie von Crans-Montana hat viele direkte oder indirekte Schuldige. Behördliche Untersuchungen und journalistische Recherchen stehen immer in asymmetrischen Verhältnissen, und die Warnungen von Strafrechtsprofessor und Ständerat Daniel Jositsch sind berechtigt, dass die Unabhängigkeit der juristischen Abläufe gewahrt bleiben muss. Denn der Druck der Öffentlichkeit und der Opferfamilien ist enorm – mit gutem Grund. Das Ausmass der Tragödie zeigt sich auch in der Offensichtlichkeit des Versagens, das schon in Bildern und Erkenntnissen der ersten Tage geradezu ins Bild gesetzt wurde, sodass die Unschuldsvermutung zur Schuldvermutung und zum Blick auf die Schweiz führen muss.
Die Tragödie von Crans-Montana reiht sich in eine lange Linie schweizerischer Krisenbewältigung ein – von der Swiss-Krise, dem Umgang mit dem Russlandangriff auf die Ukraine, den Strafzöllen der Regierung Trump über die Holocaust-Debatte bis zur Causa Bührle: der Reflex, den eigenen Sonderfall zu betonen und strukturelle Verantwortung möglichst spät und möglichst begrenzt anzuerkennen, zuzuwarten, bis man sich allenfalls Druck von aussen beugen muss. In den Banken- und der US-Krisen der 1990er Jahre stand anfangs das Narrativ der «erpressten Schweiz» im Vordergrund, bevor internationale Empörung Kommissionen und Entschädigungsfonds erzwang. Der sogenannte Bergier-Bericht sollte zuerst als Befreiungsschlag und nicht aus Überzeugung zur Aufarbeitung genutzt werden – um aussenpolitischen Druck zu entschärfen, nicht nur, um historische Wahrheit schonungslos offenzulegen. Auch nach der Holocaust-Debatte sollte das eigene protektionistische Geschichtsbild kaum zu durchbrechen und Geschichtsvergessenheit als Konstante zu verorten sein . Die Bührle-Debatte wiederum offenbart, wie sehr Eliten ihre Institutionen gegen berechtigte Kritik schützen. Dass wenige Wochen nach einer unwürdigen Diskussion über die Aufnahme von schwerstverletzten Kindern aus dem Gaza-Krieg in der Schweiz, nun ausländische Spitäler Opfer aus der Schweiz aufnehmen müssen, ist eine der weiteren Grotesken der letzten Tage.
Crans-Montana wirkt nun wie ein Brennglas auf genau dieses Muster: Betroffenheitsrhetorik nach aussen, Abwehr von Haftung und politischer Verantwortung nach innen und der übliche Versuch, alles intern zu regeln – was sich wiederum in der Vergabe von Untersuchungsmandaten zeigt. Statt früh klar Fehler einzugestehen, dominieren kontrollierte Kommunikation, der Verweis auf «laufende Verfahren» und die Hoffnung, Zeit möge die Wogen glätten. Doch in Crans-Montana ist das Prinzip «Zeit gewinnen» erschöpft.
Erst wenn Medien, Opferanwälte und internationale Öffentlichkeit den Druck erhöhen, bewegt sich die politische Ebene zu sichtbaren Konsequenzen. Crans-Montana ist das Déjà-vu am Reduit, wie die Schweiz es seit jeher praktiziert. Dass es nun jenen Kanton trifft, der selbst unter Schweizerinnen und Schweizern oft als mafiös gesehen wird, mutiert vom Vor- zum belegbaren Nachurteil. Zuschauen, zulassen, aufschieben, wegschauen, beschwichtigen – das kostet Leben. Crans-Montana führt das der Weltöffentlichkeit exemplarisch vor. Was heisst all das nach dem heutigen nationalen Trauertag? Das Schweizer Reduit-Denken verkauft nicht nur andere, sondern eigentlich sich selbst für blöd: Rückzug statt Verantwortung, Verteidigung als moralisches Alibi, Neutralität als Selbstentlastung, Sicherheit als Ersatz für Ethik, Abwehr statt Aufklärung und kumuliert bei Friedrich Dürrenmatt in der treffenden Formel: «Die Schweiz ist ein Gefängnis, in dem die Wärter sich als Gefangene tarnen.»
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
09. Jan 2026
Déjà-vu im Reduit
Yves Kugelmann