standpunkt 09. Jan 2026

Nach der Tragödie von Crans-Montana

Die Tragödie von Crans-Montana darf nicht als blosser Ausnahmefall betrachtet werden. Sie forderte 40 Todesopfer. Nach den bekannten Angaben waren rund 20 davon minderjährig. Diese Zahl allein zwingt zu einer ernsthaften Auseinandersetzung.

Nach Montana ist die Betroffenheit gross, und die Zeit ist weiterhin von Trauer geprägt. Zugleich lädt dieses Ereignis – mit der gebotenen Zurückhaltung – dazu ein, die Bedingungen zu hinterfragen, unter denen es geschehen konnte. Es stellt grundlegende Fragen zur Art und Weise, wie Sicherheit, Prävention und kollektive Verantwortung im französischsprachigen Wallis verstanden und umgesetzt werden, sowie zu den tatsächlichen Handlungsspielräumen der Institutionen, wenn das Unvorhersehbare eintritt. Nach 30 Jahren in Verbier ist mir diese Realität vertraut.

Bestimmte Alltagssituationen genügen, um diese Fragilität sichtbar zu machen. Am Silvesterabend versammeln sich auf dem zentralen Platz von Verbier Tausende Menschen auf engem Raum. Die Menge verdichtet sich, Zugänge sind blockiert. Die sichtbare Präsenz von Polizei und Rettungsdiensten bleibt begrenzt. In einer solchen Konstellation drängt sich eine nüchterne Feststellung auf: Würde zeitgleich anderswo in der Region ein schwerer Vorfall eintreten wie in Montana, wäre das gesamte System sofort überfordert.

Eine ähnliche Verletzlichkeit zeigte sich an anderer Stelle. Im Jahr 2019 kam am Bahnhof von Le Châble ein Jugendlicher ums Leben, nachdem er auf das Dach eines Waggons geklettert und durch einen Stromschlag tödlich verletzt worden war. Die Gefahren solcher Bahnanlagen sind bekannt. Die entscheidende Frage ist daher nicht jene der Unvorhersehbarkeit, sondern jene des Rahmens: Wie war solches Handeln an einem öffentlichen Ort möglich, ohne Vorkehrungen, die eine solche Gefahr verhindern oder sofort unterbrechen? Diese Situationen sind nicht identisch. Sie zeigen jedoch wiederkehrende Strukturen, in denen Vorsorge nachrangig bleibt.

Diese Logik zeigt sich auch im Umgang mit Jugendlichen. Ab dem Eintritt in die Sekundarschule, also etwa mit zwölf Jahren, gehen Jugendliche allein aus und konsumieren Alkohol, der ihnen teilweise in Restaurants oder Nachtlokalen ausgeschenkt wird – ohne systematische Alterskontrollen und in einem Klima breiter Erwachsenentoleranz.

Dasselbe Muster findet sich im familienrechtlichen Bereich der Justiz. Im Wallis ziehen sich Scheidungs- und Kindesschutzverfahren mitunter über so lange Zeiträume hin, dass sie ihre eigentliche Funktion verlieren. Warum diese Verzögerungen? Warum wird nicht entschieden? Warum wird Abwarten zur Norm? Während die Justiz zuwartet, verfestigen sich Konflikte, die Kosten steigen und Familien werden zermürbt. Wenn ein Verfahren schliesslich endet, hat die Zeit längst entschieden: Es gibt nichts mehr zu reparieren.

Die Tragödie von Montana wirkt damit wie ein schonungsloser Spiegel. Sie zeigt ein Umfeld, in dem Regeln existieren, deren Anwendung jedoch relativiert wird. Ein Umfeld, in dem Systeme vor allem sich selbst verwalten und in dem Zeit zum Ersatz für Entscheidung wird.

40 Menschen sind gestorben. Rund 20 davon waren minderjährig. Wenn sich danach nichts verändert, handelt es sich nicht mehr um ein Versagen, sondern um eine Funktionsweise. Es ist ein System, das in seiner heutigen Form Unakzeptables möglich macht.

Iris Gubser gehört der jüdischen Gemeinschaft der Romandie an.

Iris Gubser