New York 06. Nov 2026

Von Vilnius nach New York

Max Weinreich, hier Anfang der 1950er-Jahre, baute das YIVO in New York wieder neu auf.

Kalman Weisers neues Buch erzählt, wie ein Forschungsinstitut aus Vilnius nach dem Holocaust in New York eine zerstörte Kultur bewahrte und sich stets selbst neu erfinden muss.

Als das Yidisher Visnshaftlekher Institut (YIVO) 1925 in Vilnius gegründet wurde, bestand dessen Aufgabe darin, ein lebendiges Volk zu erforschen. Das Institut sollte eine nationale Universität für Jüdinnen und Juden sein, die über Osteuropa und zunehmend auch über die ganze Welt verstreut waren. Seine Forschenden beschäftigten sich mit jiddischer Sprache und Literatur, aber auch mit jüdischer Soziologie, Psychologie, Geschichte und dem zeitgenössischen Leben. Das YIVO interessierte sich dafür, wie Jüdinnen und Juden tatsächlich lebten – und dafür, ihnen dabei zu helfen, sich in der Moderne zurechtzufinden.

Als die Nazis einen Grossteil dieser Welt zerstörten, waren die überlebenden Verantwortlichen des YIVO gezwungen, darüber nachzudenken, warum und wie sie ihre Bemühungen in einer neuen Welt fortsetzen sollten, die von unvorstellbarem Verlust geprägt war.

Zwischen zwei Welten
Ihre Bemühungen werden in Kalman Weisers neuem Geschichtswerk «Yiddish Scholarship Comes to America: The YIVO Institute at 100» beleuchtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das YIVO umsiedeln und entwickelte sich zum Hüter einer fast verschwundenen Kultur, zum Retter ihrer Texte und Artefakte. Die Institution musste versuchen, diese Kultur für Juden, die das Jiddische rasch abgelegt und sich einer eindeutig amerikanischen, englischsprachigen Identität zugewandt hatten, bedeutungsvoll machen.

Die Herausforderung, so schreibt Weiser, bestand darin, «eine Beziehung zu dem grössten Teil des amerikanischen Judentums aufzubauen, das – selbst wenn es Jiddisch sprach oder verstand – nicht die von YIVO vertretene Wertschätzung des Jiddischen und der Sozialwissenschaften zur jüngsten Vergangenheit und Gegenwart als Mittel zur Verbesserung des jüdischen Lebens teilte.» Um diese Geschichte zu erzählen, konzentriert sich Weiser, der an der York University in Toronto moderne Jüdische Studien lehrt, auf die Übergangsjahre von 1940 bis 1970 und stützt sich dabei auf Archivmaterial und Gespräche mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Er führt die Geschichte des YIVO bis in die Gegenwart fort, in der sich einige jüngere Juden und Jüdinnen wieder dem Jiddischen zuwenden – als Alternative zu religiösen oder auf Israel ausgerichteten Modellen jüdischer Identität. In diesem Sinne hat das Projekt des YIVO eine neue Dringlichkeit erlangt: Wie lässt sich aus einer Kultur, die die Geschichte fast ausgelöscht hat, eine nutzbare Vergangenheit schaffen?

Von Kopenhagen nach New York
In einem Buch, das reich an Biografien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Geflüchteten, Dichtern und Sichterinnen, Partisanen und Partisaninnen ist, steht Max Weinreich im Mittelpunkt – einer der Gründer des YIVO und dessen führender Verwaltungsleiter. Der in Lettland geborene und in Deutschland ausgebildete Sprachwissenschaftler sass 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, in Kopenhagen fest. Er war von Litauen abgeschnitten, das unter der sowjetischen Annexion und der nationalsozialistischen Besatzung leiden sollte. Schliesslich gelangte er mit seinem Sohn Uriel nach New York und begann sofort damit, die amerikanische Zweigstelle zum neuen Zentrum des YIVO auszubauen.

Er war die treibende Kraft hinter einem Wandel, der schon begann, bevor das volle Ausmass des Holocausts erfasst wurde. «Ende 1939 sagten einige Leute, dies sei eine Katastrophe und wir müssten das YIVO nach New York verlegen», erzählte Weiser in einem kürzlich von YIVO veranstalteten öffentlichen Gespräch. «Sie kannten das Ausmass der Katastrophe noch nicht, aber sie benutzten Wörter wie ‹khurbn› – Zerstörung.» Ihnen war klar, dass sich das jüdische Leben in Osteuropa möglicherweise nie wieder erholen würde. Weinreich vertrat zunehmend die Ansicht, dass die amerikanischen Juden und Jüdinnen die Last der weltweiten jüdischen Führung übernehmen müssten. Die Vereinigten Staaten hatten die wohlhabendste, sicherste und mittlerweile grösste jüdische Bevölkerung der Welt. Die jüdische Gemeinschaft in dem Gebiet, das bald zu Israel werden sollte, hatte unterdessen Hebräisch zur jüdischen Nationalsprache erhoben und dabei Jiddisch und seine Sprechenden oft an den Rand gedrängt.

Die Rettung der Sammlung
Die kleine, aber bekanntermassen streitlustige Belegschaft des YIVO war sich über die Hauptaufgabe uneinig. Einige wollten die verschwundene Welt bewahren und dokumentieren. Andere bestanden darauf, dass sich das Institut an die englischsprachigen Generationen wenden müsse, die in Amerika aufwuchsen, auch wenn Jiddisch selbst an Boden verlor. Gleichzeitig starteten sie eine ausserordentliche Kampagne zur Bergung der YIVO-Sammlungen – seltene Bücher und Manuskripte, Kunstwerke und Briefe sowie Ephemera wie Kinderhefte, Studentenzeitungen und Theaterplakate. Die Nazis hatten jüdische Bibliotheken und Archive in ganz Europa geplündert, darunter auch die Bestände des YIVO in Vilnius. Ein Teil des Materials wurde für antisemitische «Forschung» der Nazis nach Deutschland verschifft; andere Teile wurden in Vilnius und anderswo versteckt. Nach dem Krieg bemühte sich das YIVO, Kiste um Kiste mit Material zurückzuholen, das in Bunkern vergraben, in einer litauischen Kirche versteckt oder im Offenbacher Depot in Deutschland von den «Monuments Men» der US-Armee gelagert worden war, die für ihre unermüdlichen Bemühungen bekannt waren, von den Nazis gestohlene Kunstwerke zu retten.

Wem gehört das Erbe?
Dieser Prozess warf eine Frage auf, die auch heute noch schwer zu beantworten ist: Wem gehört das kulturelle Erbe eines transnationalen Volkes, das weitgehend vernichtet wurde? «Sollten sie zurück in die Länder, aus denen sie stammen? Sollten sie zurück an eine jüdische Gemeinde, falls dort eine jüdische Gemeinde existiert?», fragte Weiser. «Sollten sie in die Vereinigten Staaten, und an wen? Gehen sie an den ‹jischuw› [die jüdische Gemeinschaft in Palästina vor der Staatsgründung]?» Die Bemühungen um die Rückführung haben sich weit ins 21. Jahrhundert erstreckt. Und dort in New York, wo diese Schätze aufbewahrt werden sollten, spiegelte der sich verändernde Auftrag des Instituts wider.

Umzug nach Uptown
Während des Krieges zog das YIVO in ein ehemaliges Gebäude des Jewish Theological Seminary an der 123. Strasse in der Nähe der Columbia University. Mitte der 1950er-Jahre, als dieses Viertel saniert wurde, zog das YIVO erneut um, diesmal in eine Vanderbilt-Villa an der Fifth Avenue.

Die Standorte in Uptown, nur wenige Kilometer, aber eine Welt entfernt von den Jiddischsprechenden, die noch immer in der Lower East Side lebten, symbolisierten die zunehmende Integration des YIVO in das amerikanisch-jüdische Establishment. Das führte, so Weiser, zu «Beschwerden – wie man sich vorstellen kann –, dass das YIVO das Volk im Stich lasse, seine Anhängerschaft verlasse und nach Uptown ziehe, um zu den angesehenen englischsprachigen jüdischen Institutionen zu gehören.» Gleichzeitig überlegte eine neue Generation, wie das YIVO seine Relevanz bewahren könnte.

Die zweite Generation
Die wichtigste Persönlichkeit in diesem Wandel war wohl Uriel Weinreich, Max Weinreichs Sohn, der der erste Professor für Jiddisch an der Columbia University wurde, Autor eines beliebten Jiddisch-Lehrbuchs für Hochschulen und eine bedeutende Persönlichkeit der amerikanischen Sprachwissenschaft, bevor er 1967 mit 40 Jahren starb. Sein Vater starb weniger als zwei Jahre später.

Während Max Weinreich laut Weiser den europäisch-jüdischen Intellektuellen verkörperte, der versuchte, seine zerstörte Welt wieder aufzubauen, stand Uriel für eine Generation, die Amerika nach seinen eigenen Massstäben verstand.

«Die europäische Generation konnte sich grösstenteils nicht vollständig an Amerika anpassen», sagte Weiser. «Sie versuchten, dem amerikanischen Judentum osteuropäische Vorstellungen aufzuzwingen.» Uriels Generation trug dazu bei, die Jiddistik an amerikanischen Universitäten zu etablieren. Das YIVO bildete Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Joshua Fishman, Dan Miron, Ruth Wisse und Lucy Dawidowicz aus oder förderte sie und legte damit einen Teil des Fundaments für das später entstandene akademische Fachgebiet der Jüdischen Studien.

Der Preis der Akademisierung
Doch das hatte seinen Preis. Je mehr die Jüdischen Studien Teil der amerikanischen Wissenschaftswelt wurden, desto weniger wurde das YIVO als Zentrum dieses Fachgebiets angesehen. Auch das Jiddische selbst rückte im amerikanisch-jüdischen Leben zunehmend an den Rand. In den 1950er-Jahren diskutierten die Verantwortlichen des YIVO sogar darüber, «Jiddisch» aus dem Namen des Instituts zu streichen, weil sie befürchteten, das Wort sei zu einem Hemmschuh geworden. «Yidisher Visnshaftlekher Institut» lässt sich entweder als «Jiddisches wissenschaftliches Institut» oder als «jüdisches Wissenschaftliches Institut» übersetzen. «Wenn die Leute ‹Jiddisch› hören, wollen sie in die entgegengesetzte Richtung rennen», sagte Weiser und paraphrasierte damit die Einwände der Avantgarde. «Sie nehmen uns nicht ernst.» Schliesslich einigte man sich auf den Namen YIVO Institute for Jewish Research.

Diaspora-Nationalismus als Vermächtnis
Dennoch behielt Max Weinreichs Vision – die Überzeugung, dass amerikanische Juden und Jüdinnen Zugang zum Jiddischen brauchten, auch wenn sie niemals Jiddisch sprechen würden – die Oberhand. Weinreich war ein Verfechter dessen, was Weiser als «Diaspora-Nationalismus» bezeichnet: eine säkulare jüdische Identität, die über die Länder hinausging, in denen Jüdinnen und Juden lebten, und die durch eine gemeinsame Sprache zusammengehalten wurde. Dies reflektierte natürlich Weinreichs eigenes Judentum wider sowie die Tendenz des YIVO, orthodoxe Jiddischsprechende und deren religiöse «nurischkeit» («Torheit») zu übersehen. Weinreich war skeptisch, dass nicht religiöse Jüdinnen und Juden ihr Judentum ohne eine eigene gemeinsame Sprache aufrechterhalten könnten, und glaubte, dass «nicht nur das Jiddische das amerikanische Judentum braucht, sondern das amerikanische Judentum das Jiddische braucht, weil es der Schlüssel zum Verständnis seiner selbst ist», so Weiser. Die Grundzüge dieser Überzeugung erwiesen sich als überraschend beständig. Zwar entwickelte Weinreich Sympathie für vieles an Israel und erkannte, dass es für Juden und Jüdinnen in Osteuropa keine Zukunft gab, doch «hielt er an einer Vision jüdischer nationaler kultureller Autonomie in der Diaspora fest», schreibt Weiser.

Eine Idee kehrt zurück
Heute lässt sich bei einigen jungen Jüdinnen und Juden eine Wiederbelebung dieser Idee beobachten. Desillusioniert von Israel sehen sie im Jiddischen und in der Kultur des osteuropäischen Judentums eine progressive Alternative zu Israel, um die herum sie eine jüdische Identität aufbauen können. Anfang dieses Jahres stieg Molly Crabapples «Here Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish Bund», eine Hommage an den sozialistischen, antizionistischen Bund, auf Platz vier der Bestsellerliste der «New York Times» ein. Obwohl die Vision des Bunds von national-kultureller Autonomie, wo immer Jüdinnen und Juden auch lebten, vom Nationalsozialismus zerschlagen wurde, empfanden viele Leser und Rezensenten das Buch als inspirierend.

Der aufkeimende «Diasporismus» kann manchmal zu Konflikten mit der älteren Garde beim YIVO führen, die sich selbst als sehr zionistisch versteht. Weiser berichtet, wie das YIVO im Jahr 2024, im Zuge der Anschläge vom 7. Oktober, eine Vortragsreihe über die Beziehung zwischen der Ideologie der Nazis und der Hamas veranstaltete. Dies führte zu einer Spaltung, bei der sich Israel- und Gaza-kritische Jiddischisten und Jiddischstinnen gegen die Führungskräfte des YIVO stellten, die darauf bestanden, dass «Jiddischkeit» ein Aufruf sei, die Herausforderungen zu verstehen, denen Juden und Jüdinnen überall gegenüberstehen, und mit ihnen mitzufühlen.

Das heutige YIVO
Inzwischen hatten das YIVO und seine umfangreichen Sammlungen im Center for Jewish History in der 16th Street ein neues Zuhause gefunden: 1999 zogen sie in ein gut ausgestattetes Gebäude ein, das sie sich mit der American Jewish Historical Society, dem Leo-Baeck-Institut, der American Sephardi Federation und dem Yeshiva University Museum teilen. Seine Jiddischkurse, literarische Veranstaltungen, Kulturprogramme und Archive werden von einem zunehmend älteren Publikum genutzt – einer Gruppe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wie Weiser und jungen Jüdinnen und Juden (sowie nicht wenigen Nichtjuden und Nichtjüdinnen), die sich zur jiddischen Kultur hingezogen fühlen.

Das YIVO hat sich – gemeinsam mit dem Yiddish Book Center in Massachusetts und verschiedenen Programmen für Jüdische Studien – zu einem wichtigen Akteur bei der Übersetzung vergessener oder vergriffener jiddischer Bücher, bei der Würdigung der jiddischen Kultur und bei der seit Ende der 1970er-Jahre stattfindenden Wiederbelebung der Klezmer-Musik entwickelt. Auch wenn die Zahl der Menschen, die Jiddisch als Muttersprache sprechen, gewachsen ist – dank einer kinderreichen ultraorthodoxen Gemeinschaft –, ist das YIVO nach wie vor stark im Übersetzungsgeschäft tätig, führt seine Arbeit auf Englisch durch und vermittelt die säkulare jiddische Kultur an Jüdinnen und Juden, deren Kenntnisse der Sprache sich möglicherweise auf wenige Wörter und Redewendungen beschränken.

Ein Jahrhundert nach seiner Gründung ist das YIVO nach wie vor sowohl ein Archiv einer verschwundenen Welt als auch ein Plädoyer für deren anhaltende Relevanz. «Das YIVO muss sich in regelmässigen Abständen neu erfinden und gleichzeitig seinen Kernwerten treu bleiben», sagte Weiser. «Und das ist eine Herausforderung.»

www.yivo.org
 

Andrew Silow-Carroll