Der Zürcher Aviel Cahn, Intendant der Deutschen Oper Berlin, spricht mit tachles über Milo Raus «Der fliegende Holländer», politische Einmischung in die Kunst und die Freiheit der Oper.
tachles: Aviel Cahn, Ihre erste Saison als Intendant der Deutschen Oper Berlin hat kaum begonnen, und schon spaltet Milo Raus «Fliegender Holländer» Publikum und Feuilleton. Polizei vor dem Haus, harte Kritiken, weltweite Wahrnehmung. Was ist da passiert?
Aviel Cahn: Dass es ein Sprengthema ist, war uns von Anfang an klar. Richard Wagner, die deutsche Schuld, Wagner als Tabu in Israel – es ist eigentlich das einzige deutsche Tabu, das es in Israel überhaupt noch gibt. Alle anderen sind gefallen. Milo Raus Ansatz entstand lange vor dem 7. Oktober 2023. Die Frage war: Warum wird gerade dieser Komponist in Israel bis heute nicht gespielt? Wie geht man mit dieser Schuld um? Gibt es eine Erlösung? Damit sind wir bei der Kernfrage fast jeder Wagner-Oper.
Erlösung von Schuld.
Genau. Der Holländer hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und ist verdammt, ewig über die Meere zu fahren. Deutschland hat seinen Pakt mit dem Teufel Hitler geschlossen, Wagner hat seinen Antisemitismus ausgelebt – das ist breit dokumentiert. Hinzu kommt: Der Holländer ist selbst eine antisemitisch beladene Figur. Wagner sah in ihm den ewig wandernden Juden, der nur durch eine nordische Frau erlöst werden kann. Milo hat gesagt: «Drehen wir es um». Der Holländer steht für Deutschland nach dem Holocaust, für Wagner, für das Deutschtum. Eine Erlösung gibt es wahrscheinlich nicht – aber die Suche nach einem Weg, weiterzukommen.
Wagner hat ausgerechnet in Zürich 1850 seine Schmähschrift «Das Judentum in der Musik» verfasst. Sie sind dort aufgewachsen. Wie sind Sie Wagner zum ersten Mal begegnet?
Ich bin im Quartier Enge aufgewachsen, fünf Minuten zu Fuss von der Villa Wesendonck, wo Wagner gewohnt hat. Schon als Kind war ich als Zuschauer dabei, als in Zürich ein Wagner-Film mit Richard Burton in der Titelrolle gedreht wurde. Ich bin Wagner also sehr früh begegnet – auf eine, wie soll ich sagen, unbefleckte Weise.
Zurück nach Berlin: Haben Sie erwartet, dass die Reaktionen so heftig ausfallen? Das Feuilleton ist weitgehend kritisch. Ist Deutschland mit diesen Themen noch immer überfordert?
Milo hat es sich und dem Publikum nicht einfach gemacht. Er legt drei Ebenen übereinander: Wagners Libretto; eine Reise durch die deutsche Geschichte vom Holocaust bis heute – und dieses Heute ist hoch belastet, man kann nur noch total für den Kampf der Palästinenser oder total für die jeweilige israelische Tagespolitik sein, dazwischen gibt es kaum mehr etwas. Und drittens ein Roadmovie durch Israel mit einem israelischen Performer und einer israelischen Schauspielerin, Nachfahrin von Holocaust-Tätern, deren Familie zum Judentum übergetreten ist – die Verkörperung der Suche nach Erlösung schlechthin. Mit den beiden ist er durch Israel gereist, um zu sehen, was Wagner dort provoziert. Das verlangt viel Bereitschaft, diese Oper als Projektionsfläche zu sehen und nicht als romantisches Schauermärchen, das sie auf den ersten Blick natürlich ist. Ich glaube, viele Opernkenner und -kritiker sind viel traditionsseliger geworden, als sie es vor 20 Jahren waren.
Die «taz» lobt eine kluge Dokumentationsdramaturgie, man höre Wagner ganz anders. Die «NZZ» dagegen spricht von «Schuld- und Sühnetheater», die «Berliner Zeitung» von einer öden Meinungsbildungsveranstaltung, die «Süddeutsche» fühlt sich wie in einem Reiseführer. Wie gehen Sie damit um?
Es ist ein Abend, der diese Reaktionen provozieren kann. Milo Rau setzt relativ plakative Texte ein, die man auch als flach, provokativ oder Geschichtsinfotainment empfinden kann. Der Reiz liegt im Spiel der drei Ebenen. Wie immer in seinem dokumentarischen Theater treffen wir reale Menschen: einen 102-jährigen Deutsch-Israeli, der 1937 nach Palästina floh, dessen ganze Familie ermordet wurde, der in einem Kibbuz bei Gaza lebt und den 7. Oktober überlebt hat. Einen palästinensischen Opernsänger. Am Schluss ein Telefongespräch mit einem Künstler in Gaza. Den Präsidenten des israelischen Richard-Wagner-Verbands. Sobald man in der israelisch-palästinensischen Realität von heute nicht nur die eine Stimme zu Wort kommen lässt, hat man ein Riesenproblem. Wir haben eine differenzierte Betrachtung versucht – das ist heute fast ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Daran beissen sich viele Kritiker die Zähne aus. Man hätte sich vielleicht mehr Skandal gewünscht.
Es gibt eine Vorgeschichte: Milo Rau hat im Oktober 2025 in einem offenen Brief das Schweigen zu Gaza mit dem Schweigen zur Schoah verglichen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Elfriede Jelinek und Doron Rabinovici protestierten. Hängt ihm das nach?
In den Rezensionen wurde dieser Brief kaum thematisiert. Sämtliche seriösen Zeitungen – wie «NZZ», «FAZ», «Süddeutsche», «Zeit» – haben festgehalten, dass es hier keinen Skandal im Sinne der Israel-Palästina-Politik gibt. Es ist ein ausgewogener Abend, der auch den Palästinensern eine Stimme gibt und sie als Menschen zeigt, nicht als ausgeblendete Masse. Aber er nimmt in keiner Weise die provozierende Haltung jenes Briefes ein. Das war mir wichtig, und es war der Deutschen Oper wichtig: eine möglichst ausgewogene Geschichtsbetrachtung, die die andauernde Ausweglosigkeit dieses Konflikts zeigt und die Frage nach Schuld und Erlösung neu stellt. Was können wir heute tun – nicht 1948 oder 1972?
Die «New York Times» hat der Produktion eine ganze Seite gewidmet, mit der Frage, was in Deutschland überhaupt verhandelt werden kann. Wie lesen Sie diese Aussenperspektive?
Sie hat es gut auf den Punkt gebracht. Die Kunst- und Meinungsfreiheit wird in Deutschland in diesem Konflikt von beiden Rändern torpediert. Von rechts vor allem durch den israelischen Botschafter und teilweise gewisse jüdische Gemeinden, die hier wie bissige Pitbulls von Netanyahus Regierung auftreten – ich halte das für demokratiegefährdend. Und von der extremen Linken durch BDS-Zensur, die proisraelische Stimmen auslädt und ausgrenzt. Beides ist für Deutschland sehr gefährlich und hat sich in der Berliner Tagespolitik zugespitzt: Die Koalitionsverhandlungen für die nächste Landesregierung scheinen davon abzuhängen, dass die einen den anderen Antisemitismus vorwerfen. Das relativiert den Antisemitismus, macht ihn zum tagespolitischen Hickhack – und schürt ihn mehr, als dass es ihn bekämpft.
Laut Presseberichten hat der israelische Botschafter versucht, auf ein unabhängiges, staatlich gefördertes Haus Einfluss zu nehmen, und bis ins Kanzleramt und die Kulturministerien interveniert. Das ist eine andere Qualität von Einmischung – vergleichbar vielleicht mit dem, was man vor einigen Jahren von der Türkei kannte.
Es ist zutiefst antidemokratisch. Verschiedene Politiker haben mir zugesichert: «Wir lassen das nicht zu». Und es betrifft nicht nur die Deutsche Oper. Es ist die Einmischung eines Mannes, der eine sehr bedenkliche Regierung repräsentiert. Ich rede nicht von Israel als Land oder von den Menschen dort, sondern von einer Regierung, die für viele eine Paria-Regierung ist. Dass ihr Vertreter in einem Land wie Deutschland so auftritt, ist unerhört. Das schadet der israelischen und der jüdischen Sache deutlich mehr, als es ihr hilft.
Vor 20 Jahren wäre dieser Satz unauffällig durchgegangen. Heute wird man dafür schnell zum «selbsthassenden Juden» oder zum Teil der woken Linken erklärt.
Man muss sich gut schützen. Aber wir sind offen für unterschiedliche Meinungen – von beiden Seiten. Vor der Premiere sass etwa Mirna Funk mit Milo Rau bei uns auf dem Podium, die deutsch-jüdische Schriftstellerin, die von linker Seite aggressiv gecancelt und bedroht wurde. Wir wehren uns, und viele andere Akteure der deutschen Kultur tun das erfolgreich. Gerade jetzt, wo die Alternative für Deutschland (AfD) eine unheimliche Kraft wird – eine Partei, die ähnliche Mittel anwendet wie gewisse Mitglieder der aktuellen israelischen Regierung, die ihrerseits zum Beispiel Leute vom rechtsextremen französischen Rassemblement National nach Israel einladen. Dass die Kultur einen Freiraum hat, ohne dass sich die Politik einmischt – natürlich mit durch die Menschenrechte definierten Grenzen –, ist in Deutschland inzwischen gefährdet. In Sachsen-Anhalt sehen wir die ersten Taten der AfD. Auch diese Entwicklungen werden im dritten Akt der Oper sehr deutlich angeprangert.
Viele Kulturverantwortliche machen bereits den Kniefall und meiden solche Themen, aus Angst vor gekürzten Fördergeldern. Sie reden offen – vielleicht wegen Ihres Schweizer Hintergrunds. Fürchten Sie keine Konsequenzen für die Subventionen?
Noch nicht. Mein Kollege in Magdeburg, Julien Chavaz, übrigens auch ein Schweizer Intendant, hat direkt damit zu kämpfen. In Berlin ist die AfD zum Glück schwach. Hier wird eher die Linke stigmatisiert. Sie hat einige problematische Personen, aber in ihrer grossen Mehrheit seriöse Politiker. Weder bei ihr noch bei den Grünen oder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands spüre ich derzeit solche Tendenzen. In Berlin als Hauptstadt ist es wichtig geworden, demokratische Werte aktiv zu verteidigen – das tun viele meiner Kolleginnen und Kollegen an Theatern und Orchestern. Etwa beim Barenboim-Said-Festival, wo Michael Barenboim sehr differenziert auf diese Themen eingeht. Die Freiräume gibt es noch. Man darf sich nicht einschüchtern lassen – weder von der AfD noch von einem israelischen Botschafter noch von Jihad-Sympathisanten.
Sie hätten es sich in Ihrer ersten Saison einfacher machen können. Ist die Grenze des politischen Musiktheaters erreicht?
Es ist schwierig geworden, gerade in der Oper. Ich spüre eine Entwicklung hin zu sehr reaktionärem Denken – vielleicht als Folge des Rechtsrutsches im gehobenen Bürgertum in Italien, Frankreich, Deutschland. Dabei war die Oper in ihren stärksten Zeiten immer politisch. Wagner hatte deutliche politische Meinungen, suchte soziale Umbrüche. Verdi war ein Wortführer des Risorgimento und Senator im ersten italienischen Parlament. Kurt Weill hat mit Bertolt Brecht hier in Deutschland entscheidende politische Opern geschaffen, heute tut das John Adams. Nicht jeder Opernabend muss politisch sein. Aber wir leben in Zeiten, in denen Kultur ein wichtiger Ort ist, um zum kritischen Denken anzuregen. Ich habe meine erste Saison mit Stockhausens «Mittwoch aus Licht» eröffnet, einer Antikriegsoper, und schliesse mit Brittens «War Requiem», ausgestattet von Wolfgang Tillmans. Daneben gibt es auch Repertoire mit «La Traviata», «La Bohème» oder «Don Giovanni».
Berlin hat drei Opernhäuser, das Geld wird knapper, die politische Lage ist angespannt. Was wäre Ihr Hauptargument gegen jene, die sagen, eine Oper weniger täte es auch?
Die Landschaft ist gefährdet. Die Kürzungen von 2025 haben die Opernstiftung hart getroffen, man lebt von Reserven, die Budgets können nächstes Jahr erneut revidiert werden. Auch die Kaufkraft spielt mit: Abende mit günstigen Preisen sind sofort ausverkauft, teure Karten sind schwerer zu verkaufen – das habe ich in Genf so nicht erlebt. Aber Berlin ist keine Industrie- oder Wirtschaftsmetropole, sondern eine Politik- und Kulturstadt. Die Vielfalt ist ihr wichtigstes Gut. Wien ist viel kleiner und hat ebenfalls drei Opernhäuser. Die Häuser müssen sich allerdings im Profil unterscheiden, sonst ist es doppelt gemoppelt. Die Deutsche Oper wurde als Gegenstück zur Hofoper Unter den Linden gegründet. Wir positionieren uns als politisches, gesellschaftsorientiertes Haus, das nach vorne schaut.
Im aktuellen Podcast Tachles Talk spricht Aviel Cahn über Berlins Kulturbetriebe und die Koalitionsverhandlungen der Linken.
www.podcasts.tachles.ch