USA 13. Feb 2026

Mädchen als Währung

Leslie Wexner gilt als einer der wichtigsten finanziellen Förderer Epsteins und liess ihn jahrelang sein Vermögen verwalten. Epstein soll dem ehemaligen Victoria’s-Secret- Eigentümer auch Mädchen…

Die Karriere des 2019 verstorbenen Sexualverbrechers Jeffrey Epstein wird zum Indiz für eine tiefere Krise der amerikanischen Gesellschaft – und zum Spagat zwischen Konspiration und Antisemitismus.

Eine grausame Welt, beherrscht von Oligarchen, die ihre Macht ungehemmt mit dem massenhaften Missbrauch von Minderjährigen ausleben. Ein solches Universum wollen Verschwörungstheoretiker aus den Millionen von Dokumenten zu Ermittlungen über Jeffrey Epstein erkennen, die das US-Justizministerium seit dem Dezember tranchenweise publiziert. Als grosser Strippenzieher mitten drin in einem Netzwerk von Reichen und Grossen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik erscheint in dieser Sicht der Macher, Vermittler, Mädchenhändler – und Jude Epstein. Aber so lässt sich auch die Handlung von «Space Relations» zusammenfassen. Der obskure Science-Fiction-Roman von 1973 kam im Sog der Epstein-Affäre in die Schlagzeilen.

Der Verfasser Donald Barr (1921–2004) war jüdischer Herkunft, zum Katholizismus übergetreten (der Sohn William Barr war Justizminister unter George H. W. Bush und Trump), Agent des Amtes für Strategische Dienste, dem Vorgänger der CIA, im Zweiten Weltkrieg und schliesslich Direktor der Dalton School in Manhattan. Dort wurde im Herbst 1974 der damals 21-jährige Studienabbrecher Epstein als Mathematik-Lehrer angestellt. Barr hatte bereits im Frühjahr 1974 seinen Rücktritt von der Schulleitung zum Jahresende angekündigt. Barr hat allem Anschein nach keine Rolle bei der Anstellung Epsteins gespielt und auch nicht näher mit ihm zu tun gehabt.

Futter für Verschwörungstheorien
Dennoch liefern der Roman, die Agenten-Tätigkeit und obendrein die Herkunft Barrs seit spätestens 2018 – und damit ein Jahr vor dem Tod Epsteins in einer Haftanstalt in Manhattan unter umstrittenen Umständen – perfekte Baublöcke für Verschwörungstheorien: Barr sei ein früher Mentor Epsteins gewesen. Wie eine Übersicht der «Jewish Telegraphic Agency» zeigt, wird Epstein inzwischen von rechten Influencern als Mitglied «der satanischen globalen Elite, die im Verborgenen die Fäden zieht, und ein Strippenzieher des ‹Deep State›» bezeichnet. Epstein hat demnach orthodoxe Jeschiwot unterstützt, vor allem aber enge und langjährige Kontakte zu Ehud Barak gepflegt. Der Ex-Premier erwähnt in Tausenden von E-Mails an Epstein mitunter «Massagen», aber meist geht es um Deals – Epstein stand Barak als Berater und Vermittler bei Geschäften in der Sicherheitsbranche bei.

Die rechte Medien-Matadorin Candace Owens sieht sich deshalb in der populären Theorie bestätigt, dass Epstein über Barak für den Mossad gearbeitet hat. Daneben soll er für den KGB oder eben den amerikanischen «Deep State» tätig gewesen sein. Dazu gehört sicherlich die CIA, womit der Kreis zu Donald Barr geschlossen wäre. Owens ist generell überzeugt, dass Juden «heidnische Zigeuner» seien und «Nichtjuden als Vieh, das gehütet und beherrscht werden muss» betrachten. Und der Fall Epstein zeige: «Ja, wir werden von satanischen Pädophilen regiert, die für Israel arbeiten – wir kämpfen hier gegen die Synagoge Satans.»

Der Weg nach Wallstreet
Nachweisbar ist indes, dass Epstein an Dalton durch Zudringlichkeit gegenüber Mädchen, gleichzeitig aber auch durch ein Talent für die Umgarnung älterer Männer in mächtigen Positionen aufgefallen ist. So wurde der Sohn eines städtischen Gartenarbeiters aus der Nachbarschaft Sea Gate in Brooklyn zwar 1976 aufgrund «mangelhafter Leistungen» von der Schule entlassen. Aber er hatte auf Alan Greenberg einen derart starken Eindruck gemacht, dass der CEO von Bear Stearns dem Lehrer seiner Tochter Lynn einen Einstiegsjob bei der Investmentbank anbot. Greenberg hat Epstein angeblich als ideales Material für eine Wall-Street-Karriere beschrieben, nämlich als «arm, klug und hungrig nach Geld».

So begann, was nach seriösen Recherchen, angefangen beim «Miami Herald» vor gut 20 Jahren, als kriminelle Laufbahn eines skrupellosen Hochstaplers, Betrügers, Vergewaltigers und Zuhälters in grossem Stil erscheint. Bis zu seiner Begegnung mit Ghislaine Maxwell Anfang der 1990er Jahre baute Epstein dabei vorwiegend auf jüdische Kontakte. Aber für Epstein war seine Herkunft wohl nur bedeutsam als Instrument im Networking. Dabei war ihm die Herkunft seiner in die Hunderte gehenden Gesprächspartner gleichgültig. Ins Gewicht fielen allein deren Macht und Nutzen für ihn selbst.

Wichtig wurde um 1986 Leslie Wexner als sein bedeutendster Klient. Epstein hatte sich zuvor als Anlageberater und «Troubleshooter» mit dubiosen Aufträgen selbstständig gemacht. Wexner hatte in Ohio ein Textil-Imperium mit dem Kronjuwel Victoria’s Secret aufgebaut. Damals ledig und Ende 40, geriet der konservative Multimilliardär in Epsteins Bann und soll Hunderte Millionen Dollar bei ihm investiert haben. 1991 erteilte ihm Wexner gar eine umfassende Vollmacht über seine Finanzen. Epstein konnte plötzlich mit Geld um sich werfen und sass bald auch im Vorstand der Wexner Foundation.

Opfer behaupten, Epstein habe dem Unternehmer Mädchen zugeführt. Anschliessend habe er sich den Sex im Detail schildern lassen – als Hebel für eine mehr oder weniger sanfte Erpressung Wexners. Mit dessen Geld im Rücken investierte Epstein dann in ein Stadthaus in Manhattan, kaufte eine Boeing 727, die er «Lolita Express» taufte und als Taxi zwischen seinen Villen in Manhattan und Palm Beach, einer Ranch in New Mexico, einem Apartment in Paris und ab 1998 auch der Insel Little St. James im Archipel der karibischen Jungferninseln einsetzte, das er sich für acht Millionen Dollar zulegen konnte. Epstein liess die Wohnsitze mit einiger Sicherheit mit modernstem Lauschgerät ausstatten und soll systematisch belastendes Material über seine Party-Gäste gesammelt haben.

Ein Networking-Künstler
Ghislaine Maxwell brachte als Tochter des 1991 verstorbenen Medienmoguls Robert Maxwell Kontakte in die britische Society und damit Figuren wie Prinz Andrew mit. Dass Robert Maxwell jüdischer Herkunft war, Israel 1948 durch Waffenlieferungen wertvolle Hilfe im Unabhängigkeitskrieg geleistet hat und unter nie ganz geklärten Umständen auf seiner Jacht umgekommen ist, passt bestens in die Konstrukte von Verschwörungstheoretikern. Ghislaine wurde Epsteins Komplizin. Beide zwangen Hunderte von «Lolitas» angeblich aber auch zum Sex mit prominenten Männern. Opfer behaupten, dazu hätten der britische Prinz Andrew, Bill Clinton, der Jurist Alan Dershowitz oder der Investor, Mäzen und Kunstsammler Leon Black gehört. Letzterer wurde Epsteins wichtigster Klient, nachdem Wexner 2007 mit ihm gebrochen hatte und ihm Millionenbetrug vorwarf. Damals klagten erste Opfer Epstein in Florida wegen Missbrauchs an.

Eintritt in elitäre Sphären
Epstein hatte da längst Kontakte an die Harvard University geknüpft. 1991 unterstützten er und Wexner die jüdische Studentenorganisation Hillel an der Elite-Uni mit zwei Millionen Dollar. Anschliessend tauchte Epstein ständig solo an dem Campus in Cambridge, Massachusetts, auf. Er versprach Spenden für Physiker und Mathematiker in Höhe von 30 Millionen Dollar. Tatsächlich hat Epstein nur knapp sieben Millionen Dollar überwiesen. Aber mit Schecks, Charme und Party-Einladungen war er bald Liebling bei Nobel-Akademikern, dem Psychologen Steven Pinker, dem Jus-Professor Alan Dershowitz und Harvard-Präsident Larry Summers. Epstein finanzierte Tagungen und lud dazu auch Koryphäen wie Stephen Hawking ein. Die Gelehrten liessen sich sogar zu angeblich «gesitteten» Beach-Partys auf Little St. James fliegen.

Epstein hat unermüdlich Kontakte in elitäre Sphären aufgebaut, dabei wohl auch die eigene Bedeutung und Nähe etwa zu Mark Zuckerberg übertrieben. Der hielt anscheinend abgesehen von einem Dinner 2015, an dem auch Elon Musk teilnahm, Distanz zu dem undurchsichtigen Epstein. Dass Epstein 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen – dank eines von Dershowitz ausgehandelten Schuld-Abkommens – zu nur 18 Monaten Haft verurteilt wurde, hat seinem Networking nie geschadet.

Symptom einer tieferen Krise
Und hier liegt der eigentliche Skandal. Der Fall Epstein wirft ein Schlaglicht auf eine Welt, in der Moral keine Rolle spielt und Mächtige – seine Welt war weitgehend eine Männer-Welt – unentwegt Status, Deals, Einfluss und Kontakte suchen. Epstein brachte dazu als eine Art Währung verfügbare Mädchen und junge Frauen ins Spiel. Das schuf Kumpanei, Abhängigkeiten und eine Vertraulichkeit, von der auch etwa E-Mails von Larry Summers zeugen. Der berühmte Ökonom und Ex-Finanzminister suchte ausgerechnet bei der Umgarnung einer Kollegin Rat bei dem Sexualverbrecher, die dem verheirateten Professor indes die kalte Schulter zeigte. Immerhin ist Summers inzwischen von seiner Professur und seinen Posten bei zahlreichen Institutionen zurückgetreten. Gleiches gilt für Brad Karp, der als Chairman der renommierten Kanzlei Paul, Weiss abgetreten ist. Der Druck von Institutionen sorgt bald sieben Jahre nach Epsteins Tod für eine, wenn auch bescheidene, Selbstreinigung von Institutionen.

Gleichzeitig sollte ein Fokus auf antisemitische Verschwörung nicht bei Missbrauch stehen bleiben. Denn die Legende von Juden als «satanischen Pädos» findet wohl auch deshalb so viel Gehör, weil die Epstein-Affäre zu einer Zeit wachsender Unsicherheit und Ängste kommt. In den USA wird die Existenz immer breiterer Schichten stetig unsicherer. Trump hat sich nicht als der Retter erwiesen, der das «System» als Insider kennt und deshalb alleine in der Lage ist, den «Sumpf in Washington» auszutrocknen. Dabei haben er selbst und seine Gefolgschaft schon seit 2015 judenfeindliche Verschwörungstheorien geschürt – aber gegen den liberalen Philanthropen George Soros. Stattdessen kann Trump als Teil eines Systems erscheinen, in dem Reiche und Mächtige vom Kunsthandel über die Wall Street hin zu Hightech ohne jede Moral unter sich ein abgekartetes Spiel treiben.

Gerechtigkeit lässt warten
Dass Mädchen dabei missbraucht werden, mag im Vordergrund stehen. Aber vermutlich fühlen sich allzu viele Menschen nicht nur in Amerika heute selbst als Opfer eines undurchsichtigen Kartells. Antisemitische Legenden liefern dazu eine altbekannte «Erklärung». Dass längst auch konservative Politiker im US-Kongress eine umfassende Aufklärung des Falls fordern, zeigt die politische Brisanz der Epstein-Affäre, aber womöglich auch die Hilflosigkeit der Politik: Es macht mehr her und fällt viel leichter, Missbrauch und Vertuschung von Sexualverbrechern anzuprangern, als die wirtschaftliche Lage der breiten Bevölkerung aufzubessern.

Darüber hinaus soll die Not der Opfer nicht vergessen werden. Die meisten warten immer noch auf Gerechtigkeit. Denn gerade Männer, die wie Leon Black den schwersten Vorwürfen wie grausamen Misshandlungen junger Frauen ausgesetzt sind, wissen sich durch Anwälte zu helfen. Ob hier je Aufklärung und Rechenschaft einziehen, bleibt unklar. Allerdings sorgt der Fall Epstein doch seit gut 20 Jahren für Aufregung – und das inzwischen sicher auch als Symptom für eine tiefere Krise in der amerikanischen Gesellschaft. Für die bieten antisemitische Verschwörungstheorien keine Antwort.

Andreas Mink