nachruf auf Josef Eisinger 13. Feb 2026

Errungenschaft mit Charme

Josef Eisinger (1924–2025)

Vom Wiener Kindertransport zur Spitzenforschung in New York – im Gedenken an den prägenden Biophysiker, Autor und Musikliebhaber Josef Eisinger.

Am 25. November 2025 ist im Alter von 101 Jahren Josef Eisinger verstorben, ein bedeutender Biophysiker und Schriftsteller mit Wohnsitz in New York City. Eisinger hat über 150 wissenschaftliche Arbeiten publiziert, erhielt zwei Guggenheim-Stipendien und veröffentlichte im späteren Leben zwei Bücher über Einstein sowie seine Memoiren. Da wir entfernte Cousins ​​waren mit gemeinsamen Wurzeln in Österreichisch-Schlesien, bleibt in Erinnerung, dass er auch ein Mann von beträchtlichem Charme und Lebensfreude war. Eisinger konnte ebenso eloquent über die Freuden des Kajakfahrens wie über die der klassischen Musik sprechen. Das Ausmass seiner Leistungen und Begeisterungen ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse, die über ihn als 14-Jährigen hereinbrachen.

Mein Cousin wurde 1924 in Wien in eine jüdische Mittelklassefamilie geboren und verbrachte eine unbeschwerte Kindheit als Pfadfinder, Fussballspieler und Schüler des berühmten Akademischen Gymnasiums. Dann kam für ihn wie für alle österreichischen Juden im März 1938 der «Anschluss» an Hitler-Deutschland. Rasch nahmen die Nazi-Behörden seinem Vater ein florierendes Geschäft und jüdische Schüler wurden von den Schulen verwiesen. Glücklicherweise wurde Eisinger durch die Vermittlung seiner älteren Schwester, die bereits in das Vereinigte Königreich ausgewandert war, die Patenschaft einer englischen Familie zugesagt. So konnte er Österreich mit einem Kindertransport verlassen.

Englisches Exil
Bei seiner Ankunft im April 1939 zogen Eisingers Paten jedoch ihre Zusage zurück. Obwohl er nun mit seiner Schwester wiedervereint war, musste sofort eine Arbeit für den 15-Jährigen gefunden werden. Andernfalls drohte ihm die Ausweisung zurück nach Österreich. Nach einer kurzen Ausbildung an einer Landwirtschaftsschule wurde Josef Hilfsarbeiter auf einem Bauernhof in Yorkshire, wo er das Vieh füttern, die Kühe melken und die Ställe ausmisten musste. Sein Zimmer war ein unbeheizter Dachboden und die Waschgelegenheiten befanden sich in einem Gebäude mit einer Pumpe und einem Steinwaschbecken, das sonst dem Schlachten von Schweinen diente. Und das im schlimmsten Winter in England seit 1894.

Josefs Umstände wurden etwas erträglicher, als ihm seine Schwester eine Stelle als Tellerwäscher im Park Royal Hotel in Brighton verschaffte. Doch auch hier war Eisinger wieder den historischen Ereignissen ausgeliefert. Als die Deutschen im Frühjahr 1940 unaufhaltsam zunächst in Dänemark und Norwegen, dann in den Niederlanden, Belgien und Frankreich einfielen, erklärte Churchill alle Männer aus Übersee zwischen 16 und 60 Jahren, die im Umkreis von 80 Kilometern um die englische Küste lebten, zu feindlichen Ausländern. Sie sollten verhaftet und interniert werden. Unterschiede zwischen jüdischen Flüchtlingen und geschäftlich oder privat anwesenden Deutschen wurden keine gemacht. Infolgedessen wurde Eisinger im März 1940 kurzerhand festgenommen und im Juli mit 1000 Nazi-Flüchtlingen und 500 Deutschen auf ein Schiff verfrachtet und nach Kanada gebracht.

Der Weg zur Mathematik
Ironischerweise brachte Churchills Entscheidung, «Collar the lot!» («alle verhaften und internieren»), wie er es formulierte, Eisingers schwieriges Exil zu einem Ende. Er wurde in kanadischen Lagern interniert, wo das Leben zwar anstrengend, aber menschenwürdig war. Die Internierten mussten hart arbeiten, wurden aber gut versorgt. Eisinger lernte die Tischlerei und freute sich sogar über seine eigene Kraft, als er zum Baumfällen eingesetzt wurde. Und was vielleicht am wichtigsten war: Die Kanadier sahen ein, dass die jungen Männer ihre Ausbildung fortsetzen mussten. So boten die Behörden den Internierten Unterricht und Vorbereitungskurse für die staatlichen Abiturprüfungen in Englisch, Mathematik, Geschichte, Latein und – für meinen Cousin entscheidend – Physik an. Rechtzeitig vor seinem letzten Schuljahr aus der Internierung entlassen, wurde Eisinger zusammen mit einem Mitgefangenen eingeladen, im Haus von Bruno und Hertha Mendel in Toronto zu wohnen. Die Mendels waren selbst Flüchtlinge und hatten Deutschland 1933 zusammen mit Herthas Mutter Toni, einer guten Freundin Einsteins, verlassen. Sie weckte Eisingers langjähriges Interesse an dem Wissenschaftler.

Im Herbst 1942 schrieb sich Eisinger für den Studiengang Mathematik und Physik an der Universität von Toronto ein. Er nutzte das Studentenleben in vollen Zügen – spielte Fussball, lernte fechten und wurde Mitglied von Universitätschor und -orchester. 1944 trat er kurzzeitig der Armee bei, wo er mit der Ausbildung von Rekruten beauftragt wurde. Nach Kriegsende heuerte er auf einem Handelsschiff an, das von Montreal ins Mittelmeer fuhr. Dies ermöglichte Eisinger ein Wiedersehen mit seinen Eltern in Palästina, wo sie nach einer abenteuerlichen Flucht aus Österreich, die auf einem Donaudampfer begonnen hatte, angekommen waren. Nach Toronto zurückgekehrt, um sein Studium fortzusetzen, erhielt Eisinger 1947 seinen Bachelor-Abschluss mit Auszeichnung in Mathematik und Physik. 1951 promovierte er am MIT in Boston in Kernphysik.

Kurz darauf erhielt Eisinger ein Stellenangebot an den Bell Labs in Murray Hill, New Jersey, einem der führenden Forschungslabore der USA. Als Tochtergesellschaft des Telefonkonzerns AT&T bot Bell seinen Forschern die Freiheit, an beliebigen wissenschaftlichen Themen zu arbeiten, und stellte ihnen die dafür benötigten Mittel zur Verfügung. Im Rahmen einer Kartellrechtsvereinbarung mit der US-Regierung machte das Unternehmen die Patente für alle dort entwickelten Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich.

Während seiner Zeit bei Bell Labs verlagerte sich Eisingers Interesse von der Kernphysik zur molekularen Biophysik. Inspiriert von der Entdeckung der DNA in den frühen 1950er Jahren nutzten Forscher in diesem Bereich die Werkzeuge der Physik, um biologische Systeme auf molekularer Ebene zu erforschen. Unter anderem untersuchten Eisinger und seine Kollegen die Auswirkungen von Blei auf die menschliche Gesundheit. Ihre Arbeit führte zur Entwicklung eines hochsensiblen, fluoreszenz-basierten Geräts, das nur einen Tropfen Blut benötigt, um den Grad einer Bleivergiftung zu diagnostizieren. Dies machte Blei-Tests schneller und zugänglicher und trug schliesslich bis Mitte der 1990er Jahre zum landesweiten Verbot von bleihaltigen Farben und verbleitem Benzin bei.

1986 erhielt Eisinger eine Professur an der Mount Sinai School of Medicine, wo er Studenten und Doktoranden in Biophysik unterrichtete. Gemeinsam mit einem ehemaligen Kollegen an den Bell Labs gründete er ausserdem das Cell Imaging Laboratory, das Instrumente zur Messung der Bewegung biologischer Moleküle mithilfe fluoreszierender Tracer entwickelte.

Leidenschaft für die Musik
Mit dem Ruhestand im Jahr 1998 konnte Eisinger seiner Leidenschaft für Musik folgen, die bereits in den kanadischen Internierungslagern mit dem Erlernen des Blockflötenspiels begonnen hatte. Er wechselte von der Blockflöte zur Querflöte und schliesslich zum Cello, dem Instrument, das er im Greenwich Village Symphony Orchestra in New York spielte. Dort lernte er die an der Juilliard School ausgebildete Musikwissenschaftlerin und Cellistin Styra Avins kennen, die später seine Frau wurde. Eisinger teilte ihr Interesse an Musikgeschichte und trug Übersetzungen und Transkriptionen der Briefe von Johannes Brahms zu ihrer bedeutenden Biografie des Komponisten «Johannes Brahms: Life and Letters» bei, die 1997 veröffentlicht wurde.

Anschliessend wandte sich Eisinger wieder dem Interesse an Einstein zu, das so lange zuvor in Toronto geweckt worden war. Er schrieb zwei Bücher über Aspekte des Lebens des grossen Wissenschaftlers – «Einstein on the Road» (2011), basierend auf seinen unveröffentlichten Reisetagebüchern – und «Einstein at Home» (2016), für das er die Übersetzung und Kommentierung einer Reihe von Interviews lieferte, die der deutsche Wissenschaftshistoriker Friedrich Herneck mit Einsteins Berliner Haushälterin geführt hatte. In einem passenden Abschluss seiner literarischen Tätigkeit reflektierte Eisinger schliesslich in seinen Memoiren mit dem Titel «Flight and Refuge, Reminiscences of a Motley Youth» (2016) über die Widrigkeiten seiner frühen Jahre.

Für einen Menschen, der die Kultur seiner Jugend so abrupt verlassen musste, war Eisinger überraschend stark mit allem Wienerischen verbunden. Er konnte es nicht lassen, Familienmitgliedern alte Aufnahmen sentimentaler Balladen zu schicken, die den Lobpreis Wiens sangen. Er war auch stolz auf seine Meisterschaft der österreichischen Küche. Eine besondere Gelegenheit dazu bot die alljährliche Kammermusik am Neujahrstag im Haus der Eisingers in Greenwich Village. In Erinnerung bleibt etwa, wie er den Gästen, die das Glück hatten, als Musizierende und Gäste dabei zu sein, freudig Wiener Köstlichkeiten anbot.

Eisinger hinterlässt seine Ehefrau Styra Avins, ihre beiden Kinder Alison und Simon Eisinger sowie zwei Enkel, Dashiell und Arlo.

Monica Strauss