Die Tagebücher des Begründers des Zionismus sind vollständig digitalisiert und nun im Internet öffentlich zugänglich – auch seine Aufzeichnungen aus Basel.
Das Zionistische Archiv hat die Tagebücher von Theodor Herzl (1860–1904) vollumfänglich digitalisiert und auf einer Website zugänglich gemacht. Mit seinen Texten und politischem Wirken wurde der Wiener Schriftsteller zum Wegbereiter des heutigen Israel. Herzls Notate erinnern einmal mehr auch an die Rolle Basels bei der Gründung des jüdischen Staats. Hinter der Online-Publikation steht die Expertise des Weltkulturgut-Fotografen Adon Bar-Hama. Das Projekt wurde von Georg Blumenthal mitbetreut.
«Begonnen in Paris um Pfingsten 1895», mit diesen Worten hebt Theodor Herzls Tagebuch an, in dem der Journalist von einer kühnen Idee, einer drängenden Vision berichtet, die ihn nicht mehr loslasse, wobei er gleich vorwegnahm, was aus ihr würde, höchst ungewiss sei. Die Idee, so Herzl, begleite ihn seit Wochen wie ein mächtiger Traum überall hin, schwebe über alltägliche Gespräche und seine journalistische Arbeit, «stört mich und berauscht mich». Und würde aus dem Traum auch keine Realität, aus dem Diarium nicht mehr als ein literarisches Zeugnis persönlicher Gedanken – der Titel für das romanhafte Opus stünde fest: «Das Gelobte Land». Veröffentlicht 1922 im Jüdischen Verlag, Berlin, lagen die drei Bände des 1895 bis 1904 entstandenen Herzl-Tagebuchs bereits in Brief- und Tagebuch-Editionen sowie zuletzt auch als Reprint vor. Nun sind Herzls Tagebücher für die Nachwelt digitalisiert und als Faksimile niederschwellig einsehbar: im Internet, auf der Website «Herzl-Online». Initiiert und unterstützt von George Blumenthal, realisiert von einer Phalanx von Mitarbeitern der Central Zionist Archives in Jerusalem.
Politisierung in Paris
Die auf der Website publizierten Herzl-Tagebücher eröffnen einen Zugang zur bahnbrechenden Gedankenwelt des Wiener Intellektuellen, der mit seinen Büchern und politischen Wirken zum Wegbereiter des heutigen Israel wurde. Geboren 1860 in Budapest als Sohn einer assimilierten bürgerlichen Familie, studierte Theodor Herzl ab 1878 in Wien Rechtswissenschaft. Er schrieb dort Komödien fürs Theater und arbeitete als Feuilleton-Journalist für die liberal-bürgerliche Zeitung «Neue Freie Presse», das auf dem Gebiet des Kulturlebens führende Blatt der Habsburgermonarchie im Fin-de-Siècle-Wien.
Herzl, persönlich vergleichsweise wenig von Antisemitismus tangiert, hielt gleich zum Auftakt seines Tagebuchs fest, dass er sowohl in Deutschland als auch in Österreich selbst judenfeindliche Verbal-Attacken erlebt habe. Er plante, einen «Judenroman» zu Papier zu bringen, und habe damit 1891 während einer Reise beginnen wollen. Die Hauptfigur: Heinrich Kana, ein enger Freund, der sich im Februar 1891 in Berlin erschossen hatte. Im selben Jahr berief die «Neue Freie Presse» Herzl, den jüdischen Journalisten aus Österreich-Ungarn, als Korrespondenten nach Paris. Die französische Hauptstadt politisierte den jungen Publizisten aus der k. u. k. Donaumonarchie auf ungeahnte Weise. Dort, so Herzl im Tagebuch, «gewann ich ein freieres Verhältnis zum Antisemitismus, den ich historisch zu verstehen und zu entschuldigen anfing».
Wenige Jahre zuvor habe er noch auf die Hilfe der katholischen Kirche gesetzt, um die «Judenfrage» wenigstens in Österreich zu lösen. Er habe sich Zutritt zum Papst verschaffen und ihm versprechen wollen: «Helfen Sie uns gegen die Antisemiten und ich leite eine grosse Bewegung des freien und anständigen Übertritts der Juden zum Christentum ein.» In Paris jedoch wurde Herzl Augenzeuge und Berichterstatter der folgenschweren Ereignisse im Zuge der Dreyfus-Affäre, die sich ab 1894 zum Wendepunkt in der Geschichte des Judentums in Frankreich und Europa entwickelte. Diese Ereignisse und das Gebrüll der Menge («Tod den Juden!») bewogen Herzl, der noch 1895 in Paris tätig war, die auch dort immer lauter artikulierte «Judenfrage» durch das Buch «Der Judenstaat», sein 1896 verfasstes Hauptwerk, beantworten zu wollen. Und mit den Worten «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen» untertitelte Herzl seine 1902 verfasste Roman-Utopie, in der er das Ideal einer «Heimstatt» für Juden darlegte.
Die Causa Dreyfus
Der studierte Jurist Theodor Herzl erkannte im Umgang mit der Causa Dreyfus, dem der Spionage beschuldigten jüdischen Hauptmann, in dem Revisionsprozess 1899 und der neuerlichen Verurteilung, dass es sich nicht um die rechtmässige Verurteilung eines beliebigen Angeklagten handelte, sondern um die mit juristischem Theater inszenierte Schuldzuweisung gegenüber einem Juden. Das Statuieren eines Exempels im postrevolutionären Land der Grande Nation, dem Land der Menschenrechte? Herzl zog aus seiner ernüchternden wie empörenden Erkenntnis den Schluss, dass ein auf Verständnis und Duldung gebautes Miteinander zwischen Juden und Nichtjuden in Europa nicht (mehr) möglich sei, bisherige Bemühungen um Emanzipation fruchtlos und die Idee von Integration vergeblich seien: Denn wo sollte die glücken, wenn nicht im Land von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?
Er kam zu der Überzeugung, dass Juden nicht nur Religionsgemeinschaft, sondern eine Nation seien und die Gründung eines eigenen Staates notwendig – und zeichnete 1902 in seinem Roman «Altneuland» das Bild eines quasi aristokratisch geleiteten jüdischen Zukunftsstaates in Erez Israel. Es dauerte Jahre, bis die Ehre von Alfred Dreyfus in Frankreich wiederhergestellt war. 1906 wurde der Verbannte durch den Obersten Gerichtshof freigesprochen und wieder in die Armee aufgenommen. Die Rehabilitation des Verurteilten erlebte Theodor Herzl, der bereits im Juli 1904 verstorben war, nicht mehr. Obwohl seine zionistische Pioniertat und sein Engagement für die Gründung eines Judenstaates ihm auch viele Anfeindungen eingetragen hatten, nicht nur im sich diesbezüglich in zwei Lager gespaltenen Frankreich, gelang es Herzl, eine zionistische Massenbewegung zu mobilisieren und zu institutionalisieren. 1897, nach Publikation seines Buches «Der Judenstaat», berief er in Basel den ersten Zionistischen Weltkongress ein und wurde auch zum ersten Präsidenten der Organisation gewählt.
«Fasse ich den Baseler Kongress in einem Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen –, so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet», schrieb er am 3. September 1897 in Wien. Auf der Zugfahrt nach Hause hatte ihn ein zutiefst religiöses Empfinden erfasst, das er im Tagebuch festhielt: ein Gebet, das er vor dem Kongress in der Basler Synagoge rezitiert hatte. Herzl war der festen Überzeugung, die Schaffung eines jüdischen Staates würde dem Antisemitismus weltweit ein Ende setzen. Herzl reiste durch Europa, suchte Geldgeber, initiierte einen Fonds für den Ankauf von Land in Palästina. Doch Verhandlungen mit dem Sultan des Osmanischen Reiches Abd Al-Hamid II., dem Papst und Kaiser Wilhelm II. verliefen nicht wie erhofft: Man lehnte Herzls Ansinnen ab. Dennoch ebneten seine Bemühungen diplomatische Schritte auf dem Weg zur späteren Realisierung der zionistischen Vision. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seine epochale Idee durch die Gründung des Staates Israel 1948 verwirklicht.
Digitales Panthéon
Die den Lauf der Weltgeschichte ändernde intellektuelle Entwicklung Theodor Herzls lässt sich in den nun online editierten Tagebüchern anhand der faksimilierten Original-Notate auf der interaktiven Plattform nachvollziehen, auch «Altneuland» findet sich dort. Die Texte (und Fotos) sind auf Deutsch, Englisch und Hebräisch einsehbar und lassen sich mittels Suchfunktion thematisch wie chronologisch hervorragend erschliessen. Der deutsche Text erscheint, dem ursprünglichen Handschrift-Skript gemäss, ohne Korrekturen. Markierungen zeigen Herzls Überarbeitungen oder Streichungen. Die englischen und hebräischen Texte präsentieren jeweils die bearbeiteten und publizierten Versionen. Verlinkungen ermöglichen den erweiterten Zugriff auf Bilder, Briefe und andere Materialien. Es finden sich Abbildungen von Programmen beziehungsweise Eintrittskarten zum Kongress genauso wie ein Brief Herzls aus dem Pariser Hotel Chatham an seine Mutter, in dem er von seinem Treffen mit Lord Rothschild berichtet, sowie, auf dicht gesetzten Schreibmaschinenseiten, Herzls ausführliche «Rede an die Rothschilds» zur Notwendigkeit eines jüdischen Staates. Auch ein Rundschreiben des Aktionskomitees («Streng vertraulich») bezüglich des Besuchs von Herzl in Palästina und dessen Treffen mit Kaiser Wilhelm während des Staatsbesuchs des deutschen Monarchen dort im Herbst 1898 ist online zu lesen, desgleichen das handschriftliche Konzept für Herzls Ansprache an Wilhelm.
Hinter der bildtechnischen Aufbereitung des reichen Materials auf der Website steht Ardon Bar-Hama, international renommiert für höchstkarätige fotografische Digitalisierungsprojekte wie die «Dead Sea Scrolls». Bar-Hama erfasst Kulturgüter der welthistorisch bedeutendsten Archive, Museen und Sammlungen, darunter die ältesten bekannten noch existierenden biblischen Manuskripte, die jahrhundertelang in Höhlen am Toten Meer versteckt überdauert haben und erst 1947 wiederentdeckt wurden. Für den Vatikan überführte er vor 20 Jahren den knapp 800 Seiten umfassenden Codex Vaticanus, das älteste Exemplar der christlichen Bibel, ins Digitale. Ardon Bar-Hama sicherte auch, um nur einiges zu nennen, Dokumente wie ein Autografen-Blatt mit Noten aus Beethovens 9. Symphonie für das Cloud-Zeitalter, Mozart-Noten und Forschungsmaterialien aus dem Schaffen von Nobelpreisträger James Watson, der mit Francis Crick die DNA entdeckte. Zudem vertrauten die Verantwortlichen des Archivs der New Yorker Philharmoniker, der Carnegie Hall und die Nelson-Mandela-Stiftung auf Ardon Bar-Hamas’ Expertise. Auch das Freud-Museum in London holte ihn, um die berühmte Couch und die Antikensammlung des Begründers der Psychoanalyse in brillanten Aufnahmen zu konservieren. So entstand eine Art digitales Panthéon für Wissenschaftler, Historiker und Öffentlichkeit. Zu dem nun auch das literarische Erbe von Theodor Herzl gehört.