zürich 20. Feb 2026

Politik aus gelebter Erfahrung

Liya Bruman versteht Erinnerungskultur als kommunale Aufgabe und fordert eine konsequente Aufarbeitung historisch belasteter Kapitel – auch im Bildungsbereich.

Liya Bruman ist Gemeinderatskandidatin der Grünliberalen in Zürich.

Politik war für Liya Bruman nie abstrakt. In Moskau geboren, kam sie mit zwölf Jahren in die Schweiz. «In kurzer Zeit musste ich drei neue Sprachen lernen, mich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden und mir meinen Platz erarbeiten.» Diese Erfahrung habe ihr gezeigt, wie stark politische Rahmenbedingungen Integration und Bildungschancen prägen.

Heute kandidiert Bruman im Wahlkreis 12 auf Liste 4, Platz 2 für den Zürcher Gemeinderat. Seit sechs Jahren engagiert sie sich politisch; der Gemeinderat sei für sie der logische nächste Schritt, weil dort Politik den Alltag direkt präge.

Nach ihrer Schulzeit in der Schweiz studierte sie Psychologie in Freiburg i. Br. Beruflich arbeitet sie als Projektleiterin und berät KMU in Marketing, Distribution und Personal. Zudem war sie in der politischen Bildungsarbeit tätig und begleitete Jugendliche bei der Berufsorientierung; zuletzt leitete sie Kampagnen bei den jungen Grünliberalen Schweiz.

Politik, die im Alltag ankommt
Im Gemeinderat will Bruman Alltagsfragen ins Zentrum stellen. Sie setzt sich für bessere Bedingungen für lokales Gewerbe, eine pragmatische Integrationspolitik und mehr Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit – besonders bei jungen Menschen – ein. Wichtig sei ihr eine Politik, «die konkrete Probleme im Alltag angeht».

Als zentrale Herausforderungen nennt sie steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsknappheit und gesellschaftliche Polarisierung, was dazu führe, dass sich immer mehr Menschen ausgeschlossen fühlen. Zusammenhalt entstehe nur, wenn Menschen «trotz unterschiedlicher Herkunft und Lebensrealitäten» als Teil derselben Stadtgesellschaft handeln könnten. Dafür brauche es Begegnungsräume, eine klare Haltung gegen Diskriminierung und Integration mit Fokus auf Teilhabe. Zürich werde vielfältiger; Ziel müsse sein, «religiöse und kulturelle Vielfalt zu ermöglichen, ohne dass sich Parallelgesellschaften bilden oder Grundwerte infrage gestellt werden».

Auch Fragen der Erinnerungspolitik gehören für Bruman zur kommunalen Verantwortung. Die Debatte um die Bührle-Sammlung zeige, «wie wichtig konsequente und unabhängige Provenienzforschung ist». Es reiche nicht, nur ausgestellte Werke zu prüfen; auch Archivbestände müssten lückenlos erforscht und transparent gemacht werden. Zürich trage als internationale Stadt Verantwortung, historisch belastete Kapitel offen aufzuarbeiten und öffentlich zugänglich zu machen, etwa im Schulunterricht. Erinnerungskultur sei Grundlage heutiger Verantwortung.

«Früh erkennen und klar benennen»
Seit dem 7. Oktober habe sich das Klima verändert; viele jüdische Menschen fühlten sich weniger sicher und akzeptiert. Gleichzeitig ist die Debatte emotionaler und weniger differenziert geworden. Der Nahostkonflikt gehöre nicht in die Zürcher Kommunalpolitik, betont Bruman, Aufgabe der Stadt sei jedoch der Schutz von Minderheiten, Sicherheit und ein klares Vorgehen gegen Hass.

Antisemitismus müsse «früh erkannt und klar benannt werden», etwa durch Sensibilisierung an Schulen, Weiterbildung für Lehrpersonen und klare Richtlinien im öffentlichen Raum und an Hochschulen.

Als Pressesprecherin der Swiss Union of Jewish Students äusserte sie sich wiederholt öffentlich zur Situation jüdischer Studierender, etwa in der Debatte um die Übernahme von Prozessgebühren für Demonstrierende an der ETH durch den Verband der Studierenden der Universität Zürich. Innerhalb ihrer Partei versteht sie sich nicht ausschliesslich als Stimme für jüdische Anliegen, bringt diese Perspektive jedoch bewusst ein, insbesondere wenn es um Minderheitenschutz, Antisemitismus, Erinnerungskultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt geht.

Vom Mitdenken zum Mitgestalten
Politisch verortet sich Bruman bei den Grünliberalen, die für «eine lösungsorientierte, wirtschaftsfreundliche und gleichzeitig ökologische Politik» stehen. Ihre eigenen Akzente setzt sie bei Integration, mentaler Gesundheit, Minderheitenschutz und dem lokalen Gewerbe.

Ihren Wahlkampf gestaltet sie als Kombination aus direktem Kontakt und gezielter Kommunikation, «damit möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden».

Warum man ihr die Stimme geben sollte, begründet sie damit, dass sie Politik aus eigener Erfahrung verstehe und Perspektiven aus Integration, Engagement und Verantwortung einbringen wolle. Ihre Kandidatur empfindet sie als besonderes Privileg: «Ich bin die erste Person in meiner Familie, die überhaupt die Chance bekommt, auf einem Wahlzettel zu stehen.» Diese Möglichkeit wolle sie nutzen, um etwas zurückzugeben.

Emily Langloh