Vergangene Woche gab es ein äusserst bewegendes Begräbnis auf dem Ölberg in Jerusalem: Die Überreste des israelischen Soldaten Jehuda Katz, der seit der Schlacht bei Sultan Jakob im Libanon am 11. Juni 1982 als vermisst galt, fanden endlich, nach 44 Jahren, ihre letzte Ruhe. Das Resultat dieser Schlacht während des ersten Libanon-Krieges war verheerend: Israel hatte 26 gefallene und 30 verletzte sowie zwei verschleppte und vier vermisste Soldaten zu beklagen. Einer dieser vermissten Soldaten war Secharia Baumel, der mit Jehuda Katz in derselben Panzerdivision war, die in einen syrischen Hinterhalt geriet und überfallen wurde. Baumels Überreste wurden vor sieben Jahren gefunden und in Israel begraben.
Ich kann mich an Jona Baumel, den Vater von Secharia, gut erinnern. Der gebürtige Amerikaner versuchte alles, um von 1982 bis zu seinem Tod 2009 in der ganzen Welt kleinste Informationen über das Schicksal seines Sohnes einzuholen. Mein seliger Vater, der international gut vernetzt war, stand ihm bei diesen Versuchen stets zur Seite. Jona Baumel erzählte mir, sein Leben sei seit dem Verschwinden seines Sohnes kein Leben mehr: Er verspüre den Schmerz wie ein riesiges Gewicht, welches tagtäglich und immer schwerer sein Herz bedrücke. Dass Israel alles dafür tut, seine vermissten Soldaten, selbst nach Jahrzehnten, nach Hause zurückzuführen, ist nicht nur eine immense psychologische Unterstützung für die leidenden Angehörigen und ein Versprechen an zukünftige Soldaten, es gehört zum unvergleichlichen Ethos des jüdischen Staates. Selbst arabische Influencer zeigen sich zutiefst beeindruckt von dieser Loyalität Israels gegenüber seinen Bürgern.
Diese ausserordentliche Bemühung, selbst die Knochen von Verstorbenen aus der Fremde heimzuführen, hat bereits in der Thora ihren Ursprung. Dies war der explizite Wunsch Josefs, der schliesslich bei dem Auszug aus Ägypten erfüllt wurde: «Und Mosche nahm die Gebeine Josefs mit sich, denn dieser hatte die Kinder Israels beschwört und gesagt: ‹Gott wird euch gewiss heimsuchen; dann führet meine Gebeine mit euch von hier!›» (2. B.M. 13:19). Raschi geht sogar noch weiter und sagt, dass die Israeliten nicht nur Josefs, sondern «auch die Gebeine aller Begründer der Stämme mit sich hinaufbrachten». Hier kommt gewissermassen das moderne israelische Credo zum Ausdruck, dass keine Glaubensbrüder im Feindesland zurückgelassen werden – nicht einmal ihre Gebeine.
Ein ähnliches «glückliches Ende» widerfuhr König Schaul, nachdem er in der Schlacht gefallen war: «Als aber die Einwohner von Jabesch-Gilead hörten, was die Philister Schaul angetan hatten, machten sich alle tapferen Männer auf und gingen die ganze Nacht hindurch und nahmen den Leichnam Schauls und die Leichname seiner Söhne von der Mauer von Bet Schan, und kamen nach Jabesch (...) und sie nahmen ihre Gebeine und begruben sie unter der Tamariske zu Jabesch» (1 Samuel 31:11–13). Diese kühne nächtliche Operation setzt gewissermassen den Präzedenzfall, dass komplexe (Geheimdienst-)Operationen hinter feindlichen Linien gerechtfertigt sind, um die sterblichen Überreste von Gefallenen heimzuführen. Der Nachfolger Schauls, König David, lobte denn auch die Ausführer dieser mutigen Aktion: «Da sandte David Boten zu den Männern von Jabesch-Gilead und liess ihnen sagen: Gesegnet seid ihr dem Ewigen, dass ihr diese Barmherzigkeit erwiesen habt eurem Herrn, dem Schaul, und ihn begraben habt. So erweise nun der Ewige Liebe und Treue an euch, und auch ich will euch Gutes tun, weil ihr solches getan habt» (2 Samuel 2:5-6).
Der von König David hier im Original verwendete Ausdruck «chesed emet» («Liebe und Treue») lässt die Worte Jakovs anklingen, als er seinen Sohn Josef von seinem Sterbebette bat, ihm «Liebe und Treue» zu erweisen und ihn nicht in Ägypten, sondern im Lande Israel zu begraben (1. B. M. 47:28). Raschi bemerkt hierzu: «Die Güte, die man Toten erweist, ist wahrhafte Güte, weil man dabei nicht eine Vergeltung der Wohltat erwartet.» Es ist kein Zufall, dass bei verschiedenen israelischen Wohltätigkeitsorganisationen, die sich der Toten annehmen, wie etwa beim Verein Zaka, der sich auf die Bergung und Identifizierung von Todesopfern nach Terroranschlägen oder natürlichen Katastrophen spezialisiert, der Ausdruck «chesed emet» auf ihrem Banner steht.
Der Stellenwert der bedingungslosen Ehrerweisung gegenüber Toten und ihres würdevollen Begräbnisses ist in der jüdischen Tradition hoch, insbesondere im Gelobten Land. Gerade deshalb sei hier eine wahre Begebenheit geschildert, die das Gesagte vielleicht in einen komplexeren Kontext zu stellen vermag. Chaim-Mosche Schapira (1902–1970), der legendäre Gründer der israelischen Mafdal-Partei und Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, war von 1936 bis 1948 Leiter der Abteilung für Alija, für die Einwanderung nach Palästina, der Jewish Agency. Ende der 1930er Jahre reiste er nach Wien, wo er sich unter Lebensgefahr mit Adolf Eichmann traf, der seit dem Anschluss Österreichs 1938 die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Österreich betrieb. Eichmann schlug seinem jüdischen Gast aus Palästina vor, ihm als «einmalige und grosszügige Geste» die menschlichen Überreste Theodor Herzls zu überreichen, der ja in Wien begraben war. Schapira stand auf, schaute Eichmann in die Augen und sagte ihm mit klarem Ton ins Gesicht: «Herr Eichmann, ich will keine Knochen, ich will lebende Juden.» Eichmann schien von dem mutigen Auftritt Schapiras und dessen Charisma ziemlich beeindruckt zu sein, denn er bewilligte die Befreiung von über 1000 Wiener Juden – freilich nach Konfiszierung ihrer Devisen. Viele dieser Wiener Juden kamen im späteren Israel alljährlich zu Besuch zu Schapira, um ihm für seine lebensrettende Aktion zu danken. Diese Geschichte lehrt uns, auch bei einem heiligen Thema wie der Heimführung und Beerdigung von Knochen, stets richtige Proportionen zu bewahren.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
28. Aug 2026
Zwischen Katz' und Herzls Knochen
Emanuel Cohn