standpunkt 28. Aug 2026

In den alten Zeiten

Märchen beginnen meist so: «In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat …». Aber auch wunderbare alte Geschichten könnten so anfangen. Also: In den alten Zeiten, als das Zürcher Schauspielhaus mit uns Journalistinnen und Journalisten pfleglich umzugehen pflegte, durften wir einmal im Jahr selber auf der Bühne Platz nehmen. Dort erfuhren wir vom jeweiligen Direktor, auf welche Stücke wir uns im Herbst und Winter freuen durften. Immer sassen zwischen uns einzelne Schauspielerinnen und Schauspieler, Dramaturgen oder sonstige künstlerische Angestellte des Hauses, mit denen wir über das Programm sprechen sollten.

Einmal gesellte sich der grosse Gustav Knuth zu uns, dessen Zeit in den dramatischen Phasen des Hauses wir natürlich nur aus Erzählungen kannten. Damals, während der Nazi-Zeit, bedeutete das Zürcher Schauspielhaus den rettenden Hafen für grosse, aber in Deutschland und Österreich verfolgte Theaterleute, trotz der übellaunigen Zürcher und überhaupt der Schweizer Fremdenpolizei, welche eher den Frontisten folgten als den Flüchtlingen deutschsprachiger Theater. So kam es, dass wir Gustav Knuth eher aus den drei Sissi-Filmen kannten, in denen er den Vater von Romy Schneider gespielt hatte.

Knuth schien sich inmitten der Journalistinnen und Journalisten sehr wohl zu fühlen. Als die meisten bereits verschwunden waren, weil sie für Tageszeitungen schrieben und den Bericht über das geplante Programm bereits abliefern mussten, rückten wir anderen zusammen und hörten begeistert und beinahe andächtig zu, als Knuth in seinen Erinnerungen zu kramen begann. Wir erfuhren, dass er mit seiner damaligen Ehefrau nach Zürich gekommen war, aber ohne seinen kleinen Sohn Klaus, der später ebenfalls zum Ensemble des Hauses gehören sollte. Wie Eltern ein Kind zurücklassen konnten, wurde nicht ganz klar, aber Gustav Knuth wusste es, trotz allem zu erklären. Er berichtete, dass Vertrauensleute den Sohn immer näher an die Schweizer Grenze gebracht hatten, und dass das gesamte Schauspielhaus regen Anteil an dieser Tragödie genommen habe. Knuth erzählte die Geschichte, als wäre sie ein dramatisches Theaterstück, und wir hörten atemlos zu.

Endlich war der kleine Klaus Knuth in Konstanz an der Schweizer Grenze angelangt, und seine Eltern konnten ihm alle paar Tage am Zaun, der sie in Kreuzlingen von ihrem Kind trennte, winken, während der Grenzübertritt bei den unwilligen Beamten in die Wege geleitet wurde.

Gustav Knuth spielte in Zuckmayers Drama «Des Teufels General» die Hauptrolle. Und an einem Abend geschah das Unglaubliche: Heinrich Gretler, der den Untergebenen des Generals gab, erschien plötzlich auf der Bühne an einer Stelle des Stücks, wo er überhaupt nichts zu suchen hatte. Gretler marschierte zackig auf Knuth zu, salutierte und sagte: «Herr General, melde gehorsam: Klaus ist da!» Das Ensemble habe das Stück mit Anstand noch fertig spielen können, berichtete Gustav Knuth, doch dann sei er nach Hause geeilt. Und wir sassen da wie vom Donner gerührt und applaudierten dem grossen Knuth, als hätten wir ein Stück Theaterliteratur gehört.

Gisela Blau ist Journalistin und lebt in Zürich.

Gisela Blau