Oft verklärt, dann wieder vergessen, ist das Schauspielhaus Europas offene Bühne geblieben und feiert nun sein 100-jähriges Bestehen, dem die aktuelle Ausgabe des aufbau eine Schwerpunktausgabe widmet.
Als der jüdische Unternehmer Ferdinand Rieser 1926 zuerst die Immobilie und dann die Direktion des Zürcher Stadttheaters übernahm, konnte niemand ahnen, dass aus diesem Haus binnen weniger Jahre die bedeutendste deutschsprachige Bühne im Exil werden würde. Nach 1933 fanden am Pfauen jene Schauspielerinnen, Regisseure und Autorinnen eine neue Heimat, die in Deutschland und Österreich von den Bühnen vertrieben wurden. Aus Notgemeinschaft wurde Weltklasse, aus Zuflucht wurde Widerstand: Kunst als Waffe gegen den Nationalsozialismus. Die aktuelle aufbau-Ausgabe widmet sich dieser Geschichte, ihren Nachwirkungen und ihrer überraschenden Aktualität – von den Erinnerungen der Exilschauspielerinnen und -schauspieler über die Uraufführungen von Friedrich Wolfs «Professor Mamlock» und Max Frischs «Andorra» bis zu den Rettungsleistungen jüdischer Hollywood-Pioniere wie Carl Laemmle. Hundert Jahre nach Riesers Amtsantritt stellt sich die Frage, die das Schauspielhaus einst prägte, wieder drängend: Was bedeutet es, wenn Kunst zum letzten freien Raum wird?
Wichtige Stücke
Mitten im Krieg wurde das Schauspielhaus Zürich zur wichtigsten deutschsprachigen Bühne überhaupt. Hier feierte Bertolt Brecht, selbst im Exil, gleich mit drei seiner heute weltberühmten Werken Uraufführungen, 1941 mit «Mutter Courage und ihre Kinder», gefolgt 1943 von «Der gute Mensch von Sezuan» und «Leben des Galilei». Daneben blieb der Spielplan den Klassikern verpflichtet: In der Saison 1942/43, in der laut den Erinnerungen des Schauspielers Robert Freitag insgesamt 24 Stücke auf dem Programm standen, brachte Kurt Horwitz im Oktober 1942 Heinrich von Kleists «Penthesilea» mit Maria Becker in der Titelrolle heraus; im November folgte unter der Regie von Leopold Lindtberg Friedrich Schillers «Die Räuber» mit Karl Paryla als Karl Moor. Beide Inszenierungen trugen die Handschrift des Bühnenbildners Teo Otto, der über Jahrzehnte die visuelle Sprache des Hauses prägte. Auch Carl Zuckmayers «Des Teufels General» gehörte in jenen Jahren zum festen Repertoire. Zusammen mit dem bereits 1934 uraufgeführten, aber weiterhin gespielten «Professor Mamlock» von Friedrich Wolf machten diese Produktionen den Pfauen endgültig zum Symbol des antifaschistischen Exiltheaters.
Widerstand als Prinzip
Unter dem Titel «Widerstand als Prinzip» macht Stefan Zweifel den Pfauen als «Traumaraum» erfahrbar, von den Exilschauspielern der Kriegsjahre über Bruno Ganz und Peter Stein bis zu den Kontroversen der jüngsten Intendanzen, und taucht damit auch tief in seine eigene Familiengeschichte und Kindheit am Pfauen ein, mit Erinnerungen, Einordnungen und Reminiszenzen. Es folgen Vertiefungen und Einordnungen von Autorinnen und Autoren. Ruth Werfel erzählt, wie Ferdinand Rieser gemeinsam mit seiner Frau Marianne Werfel-Rieser das legendäre «Emigrantenensemble» aufbaute und damit Grössen wie Wolfgang Langhoff, Therese Giehse, Ernst Ginsberg und Kurt Horwitz eine Bühne gab. Gabriel Heim rekonstruiert mit «Die Andorra-Welle» die Uraufführung von Max Frischs «Andorra» 1961 unter Kurt Hirschfeld – jenen letzten grossen Höhepunkt einer Ära, die das Schauspielhaus weltberühmt machte. Und Katja Behling schildert unter dem Titel «Kunst ist Waffe» die deutschsprachige Uraufführung von Friedrich Wolfs «Professor Mamlock» 1934, die zum Meilenstein des antifaschistischen Exiltheaters wurde. Martin Dreyfus, einer der international besten Kenner der jüdischen Exilepoche, lässt in zwei Beiträgen das Ensemble selbst sprechen: Erinnerungen von Robert Freitag und Maria Becker («Jeden Abend ein anderer Mensch») sowie ein Porträt des Bühnenbildners Teo Otto, der die visuelle Sprache des Hauses über Jahrzehnte prägte. Und Rainer Schimpf spannt den Bogen zur Emigrantengeneration im Film. Er zeichnet das Bild von Carl Laemmle, eines «Brückenbauers und Retters», eines Hollywood-Pioniers aus Schwaben, der Hunderte Juden vor den Nazis in Sicherheit brachte. Doug Chandler zeigt, wie jüdische Einwanderer Hollywood erfanden und wie dessen Studios – von Antisemitismus selbst nicht verschont – zur Zuflucht für verfolgte Künstlerinnen und Künstler aus Europa wurden.
Hundert Jahre nach Riesers Amtsantritt ist die Frage, die das Schauspielhaus einst prägte, wieder aktuell: Was bedeutet es, wenn Kunst zum letzten freien Raum wird? Eine Frage, die wieder aktueller wird in einem Europa, in dem Kunst zunehmend bedrängt wird. Historisch fundiert und mit Blick auf eine Gegenwart, in der Exil kein abgeschlossenes Kapitel ist.