Einer meiner liebsten Woody-Allen-Filme ist «Verbrechen und andere Kleinigkeiten» aus dem Jahre 1989. In dieser Mischung aus Drama und Komödie wird vom angesehenen Augenarzt Judah Rosenthal erzählt, der an der Seite seiner Frau und im Kreise seiner Familie und Freunde ein scheinbar glückliches Leben führt, dem aber seine psychisch angeschlagene und jähzornige Ex-Geliebte zu schaffen macht. Als diese schliesslich droht, seiner Frau von ihrer Beziehung zu erzählen und mit weiteren Enthüllungen an die Öffentlichkeit zu gelangen, lässt sich Rosenthal nach langem innerem Ringen dazu verleiten, über seinen skrupellosen Bruder Kontakt mit der Unterwelt aufzunehmen und den «Störfaktor» beseitigen zu lassen. Nach Vollzug der Untat plagt Judah das schlechte Gewissen. Dem längst säkularen Juden schiessen Erinnerungsfetzen von Sederabenden durch den Kopf, denen er als kleiner Junge beigewohnt und bei welchen sein Vater mit den anderen Erwachsenen am Tisch über das gute Leben der Bösewichte und das Abseitsstehen göttlicher Gerechtigkeit diskutiert hatte. Derweil führt Rosenthal lange Gespräche über Gott und die Welt und über Gut und Böse mit seinem Patienten, dem erblindenden Rabbiner Ben. Auf der einen Seite der äusserlich ausgezeichnet sehende, rationale Augenarzt, der wegen seines Mordauftrags innerlich unruhig ist und mit Gewissensbissen zu kämpfen hat, auf der anderen Seite der seine Sehkraft verlierende Rabbi Ben, der trotzdem rundum glücklich ist mit seinem ethisch einwandfreien Leben, «auf welches die Augen des Ewigen, deines Gottes, immerdar gerichtet sind, von Anfang bis Ende des Jahres» (5. B.M. 11:12). Schliesslich fragt Rabbi Ben den Übeltäter: «Glaubst du nicht daran, dass Gott alles sieht?» Judah Rosenthal antwortet: «Gott ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann.»
Dieser Film kam mir bei der Betrachtung unseres Wochenabschnitts in den Sinn. In diesem ist nämlich eine höchst seltsame, herausragende Textstelle enthalten, bei welcher von «elf Flüchen» die Rede ist, die nach dem Eintritt ins Gelobte Land in einer imposanten Zeremonie verkündet werden sollen. Sechs Stämme sollen auf dem Berge Gerisim stehen, die sechs anderen auf dem Berge Eval, und zwischen den beiden nebeneinander liegenden Bergen – dort, wo sich heute die Stadt Schechem (Nablus) befindet – sollen die Leviten stehen und dem Volk «die Leviten lesen». Betrachten wir die elf Flüche etwas näher:
1. «Verflucht sei, wer ein geschnitztes oder gegossenes Bild macht, das Gott ein Greuel ist, und es heimlich aufstellt.
2. Verflucht sei, wer seinen Vater und seine Mutter verachtet.
3. Verflucht sei, wer seines Nächsten Grenze verrückt.
4. Verflucht sei, wer einen Blinden auf dem Wege irreführt.
5. Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, des Waisen und der Witwe beugt.
6. Verflucht sei, wer mit seines Vaters Frau schläft; denn er hat seinen Vater entblösst.
7. Verflucht sei, wer mit einem Vieh schläft.
8. Verflucht sei, wer mit seiner Schwester schläft, die seines Vaters oder seiner Mutter Tochter ist.
9. Verflucht sei, wer mit seiner Schwiegermutter schläft.
10. Verflucht sei, wer seinen Nächsten heimlich erschlägt.
11. Verflucht sei, wer Bestechung annimmt, so dass er eine Seele erschlägt, unschuldiges Blut! Und alles Volk soll sagen: Amen» (27:15-25).
Da diese Flüche inhaltlich sehr breit gefächert sind, scheint es ein schwieriges Unterfangen zu sein, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Der Bibel- und Talmudgelehrte Rabbi Schmuel ben Meir (Raschbam), der im 12. Jahrhundert in Frankreich wirkte und Enkel sowie Schüler des grossen Raschi war, erkennt jedoch einen roten Faden, der sich durch all diese Verwünschungen zieht: «Bei allen erwähnten Vergehen handelt es sich um solche, die man im Geheimen tut, mit Ausnahme von zweien, die man manchmal im Geheimen und manchmal in der Öffentlichkeit tun könnte, nämlich Götzendienst (Fluch Nr.1) und Totschlag (Fluch Nr. 10), weshalb bei beiden ausdrücklich das Wort ‹heimlich› steht. Die Flüche aber tangieren nicht die offensichtlichen Vergehen, sind diese doch durch das menschliche Gericht zu handhaben, wie es am Ende aller Verwünschungen heisst: ‹Die Geheimnisse sind des Ewigen, unseres Gottes, die offenbarten Dinge aber sind für uns und unsere Kinder bestimmt für immer, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun›» (29:28). Nun erläutert er jeden der aufgelisteten Flüche auf Basis seiner Theorie. So würde jemand beispielsweise die Grenze seines Nächsten – zum Beispiel den Gartenhag – nur im Geheimen verrücken (Fluch Nr. 3), weil dieser ja sonst protestieren würde. Auch die Unzuchtsbeispiele bezögen sich auf Familienmitglieder, die sich oft beim Täter zu Hause, fern von der Öffentlichkeit, aufhalten würden, wie etwa seine Stiefmutter (Fluch Nr. 6), seine Schwester (Fluch Nr. 8) oder seine Schwiegermutter (Fluch Nr. 9). Im Gegensatz zu den zehn Geboten, welche öffentliche, grösstenteils ethische Vergehen anprangerten, hätten die elf Flüche jene Untaten zum Thema, welche im Geheimen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit begangen würden und an welche kein menschliches Gericht seine juristische Hand anlegen könne. Hier käme der Glaube an den alles sehenden Gott zur Geltung, vor welchem sich nichts verheimlichen lasse.
Während Woody Allens Übeltäter Judah Rosenthal auf das Konzept des alles sehenden Gottes zynisch entgegnet, dass Gott ein Luxus sei, den er sich nicht leisten könne, sollen uns die in der Thora beschriebenen «Augen Gottes», die uns jederzeit beobachten, zu einem überall und jederzeit verantwortungsvollen Handeln animieren. Denn schon manch potenzieller «Judah Rosenthal» hat in der Menschheitsgeschichte gerade wegen der Vergegenwärtigung dieser Augen Gottes schliesslich von seinem unguten Vorhaben abgelassen.
Sidra Ki Tawo
28. Aug 2026
Woody Allen und Gottes Augen
Emanuel Cohn