Sidra Haasinu 18. Sep 2026

Wie das Vergangene erinnern?

Kurz vor seinem Tod stimmt Moses noch einmal ein Lied an. Es handelt sich um ein Gedicht, in welchem vor allem die Heiligung der Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Moses ruft auf, der ursprünglichen Tage zu gedenken und die Geschichte Israels zu verstehen. Er rät, Eltern und Alte zu befragen, auf dass sie über die früheren Tage berichten [vgl. Dtn 32,7]. Schliesslich fasst er selber die Vergangenheit Israels zusammen. Dabei, so scheint es auf den ersten Blick, ist ihm ein unbegreiflicher Fehler unterlaufen. Mit keinem einzigen Wort nämlich erwähnt er die Zeit der Unterdrückung und Sklaverei in Ägypten und die wundersame Errettung durch Gott. Vielmehr behauptet Moses: «Gott fand Israel in der Wüste, in der grausamen Wildernis. Er führte und beachtete es, beschützte es wie Seinen Augapfel. Wie ein Adler seine Jungen zum Fluge ermuntert und behütet, spannt Gott Seine Fittiche, lenkt es, trägt es auf Seinen Schwingen» [Dtn 32,10–11]. Moses vernachlässigt also die ganze Passageschichte, den Auszug aus Ägypten. Er erwähnt weder die zehn Plagen noch die Spaltung des Schilfmeeres. Dies ist umso erstaunlicher, als dass gerade bezüglich der Erzählung über die Errettung von der ägyptischen Sklaverei die Thora nachdrücklich bestimmt, dass wir darüber berichten sollen [vgl. Ex 13,8]. Woran genau will Moses das Volk nicht erinnern? Und weswegen? Kann es gar sein, dass er die Konfrontation mit seinem eigenen Ursprung scheut und deswegen die Geschichte in und um Ägypten vermeidet? Es scheint durchaus verständlich, ja sinnvoll, bei der Zusammenfassung der eigenen Geschichte einige Teile auszulassen. Würden wir dies nicht auch tun, sei es aus Schuldbewusstsein, Schamgefühl oder Bescheidenheit? Vermutlich hängt es auch davon ab, was ich mit der Rekapitulation der Vergangenheit bezwecke. Stellen wir uns also vor, wir wären Moses. Was wäre unsere Motivation, wenn wir die Geschichte der Begegnung Israels mit Gott nacherzählten? Warum könnten wir den Auszug aus Ägypten ausklammern?

Moses redet kurz vor dem Einzug ins verheis-sene Land zu freien Menschen. Diejenigen, die selber Sklaven waren, sind alle gestorben. Die neue Generation soll ermutigt werden. Sie hat eine Aufgabe, eine Vision, und die beständige Erinnerung daran, dass die Ahnen Opfer waren, könnte sie der Beherztheit berauben, die neuen Ideale eines freien Volkes zu verwirklichen.

Die vielen Jahre der Unterdrückung und des damit verbundenen Leides müssen erinnerbar bleiben, sollen aber nicht mehr bestimmender Identitätsfaktor sein.

Wir dürfen unsere Geschichte weder verdrängen noch vergessen. Dies gilt sowohl für uns als Gemeinschaft wie auch für jeden einzelnen Menschen. Und wir dürfen uns von unserer Geschichte nicht vereinnahmen lassen. Wie immer wird der Wochenabschnitt Haasinu während der Periode der Hohen Feiertage (Neujahrs- und Versöhnungsfest) gelesen. In dieser Zeit setzen sich Juden besonders intensiv mit dem vergangenen Jahr, den Verfehlungen und den verpassten Chancen auseinander. Am Versöhnungstag (Hebräisch: ‹Jom Kippur›) versöhnen wir uns, auch mit dem, was uns geschehen ist. Denn wir sind mehr als ein Produkt der Geschichte und auch mehr als die Nachkommen früherer Generationen. Das Verharren in der Geschichte kann mich zum Sklaven machen, unfähig, die Aufgaben zu erfüllen, zu denen ich berufen bin. Jom Kippur eröffnet die grossartige Gelegenheit, die Vergangenheit so einzuordnen, dass ich das kommende Jahr erneuert erleben darf.

In einem der bekanntesten Psalmen lesen wir: «Decke vor mir einen Tisch, gegenüber meinen Bedrängern» [Ps 23,5]. Die klassischen Erklärer interpretierten diesen Vers dahingehend, dass wir wünschen, uns dereinst an einem feinen Buffet zu laben, während die Feinde vis-à-vis neidisch zusehen müssen. Mein spiritueller Meister, Rabbi Zalman Schachter, deutet den Vers ganz anders: Eigentlich müssten wir unseren Gegnern von einst dankbar sein und sie einmal jährlich zu einem Festessen einladen. Denn haben wir erst mal die durch sie erlittene Not gemeistert, sind wir reifer und stärker als zuvor. Wer kennt sie nicht, die Erzählung des ungebildeten Flüchtlings, der sich in einer kleinen Synagoge in der Lower East Side als Synagogendiener (Jiddisch: ‹Schammes›) bewirbt und abgelehnt wird, da er weder lesen noch schreiben kann. Er kämpft sich durch, wird vom Tellerwäscher zum Millionär und zu einem der grössten Immobilienbesitzer New Yorks. Auf die Frage seines Biografen, was wohl erst aus ihm geworden wäre, hätte er lesen und schreiben gekonnt, antwortet er dann gelassen: «Schammes in der Lower East Side.»

Das jüdische Volk steht am Jordanufer vor einem neuen Zeitabschnitt. Das Vergangene muss erinnert werden, aber zur richtigen Zeit und in angemessener Form. Deswegen lässt Moses in seiner letzten Ansprache den Aufenthalt in Ägypten ganz weg. Neues können wir dann erleben, wenn wir das Vergangene genau betrachten und dann integrieren. Wenn wir dankbar sind dafür, was wir aus der Vergangenheit lernen durften. Dann müssen wir sie auch nicht mehr unaufhörlich anführen.

Michael Goldberger schrieb von 2001 bis 2012 Sidrabetrachtungen für tachles. Erschienen sind diese im Buch «Schwarzes Feuer auf weissem Feuer: Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte», woraus dieser Text stammt.

Rabbiner Michael Goldberger