die literarische Kolumne 18. Sep 2026

Die menschliche Dummheit

«Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.»
Albert Einstein


Vor Kurzem erhielt ich über meine Agenturadresse eine grossartige Mail. Sie stammte von der Exekutiv-, Exklusiv-, Superdings- – was auch immer die Amerikaner sich an Titeln geben – Verlegerin von Other Press, einem grossartigen New Yorker Verlag. Die Exekutiv-Admiralin zeigte sich begeistert von meinem letzten Buch «PNR», sie hörte gar nicht auf, begeistert zu sein, und fragte mich nach den Rechten, versicherte mir, dass die Amerikaner einen grossen Spass an dem Buch haben würden, in dem es um einen Neustart Europas nach dem Kapitalismus geht. Ich sah kurz davon ab, misstrauisch zu sein, denn normalerweise teilen ausländische Verlage ihr Interesse der entsprechenden Lizenzabteilung mit. Egal. Zu schön die Idee der dankbaren Amerikaner, die ich mit meinem Buch aus den Fängen ihres Systems befreien würde. Ich schaute schon einmal nach netten Häusern mit Meersicht in Ligurien, bis die Antwortmail auf meine Antwort kam. Die Exekutiv-Generalin wiederholte sich ein wenig, und nun suchte ich ihren Namen in dem Verlag und fand ihn nicht. Die Mailendung dito. Der Text, nun mit klarem (naja) Verstand (naja), klang wie ein maschinell erstellter, die Mail war viel zu lang für Amis unter Zeit-ist-Geld-Druck, und meine Hausträume lösten sich auf. Ich liess aus Rachegründen noch ein wenig die KI, die ich benützte, mit der KI, die die Betrüger nutzten, spielen, die beiden lieferten sich eine Schlacht in formellem Misstrauen, ich fand den Server heraus, aber nicht die Wahrheit.

Ich war meiner Eitelkeit geschuldet für einen Tag auf einen maschinell erstellten Betrugsversuch hereingefallen, der sicher damit geendet hätte, dass es eine Vorauszahlung für irgendwas bräuchte. In der Zwischenzeit schrieb mir noch ein berühmter Übersetzer, der auch unbedingt ein Buch übersetzen wollte, und vermutlich kommen bald die Cohen Bros wegen der Filmrechte auf mich zu. Irgendein findiger Betrüger hat wohl Autorinnen als gute Ziele entdeckt – die Eitelkeit, ich erwähnte es, und die Schwierigkeit, als Europäer einen US-Verlag von sich zu begeistern. Lang lebe die KI, der wir im Moment begeistert unsere Leben anvertrauen. Kaum ein Unternehmen ohne KI, die Regierungen setzen darauf, der Rest wird durchdigitalisiert, dass man sich denkt: Vielleicht ist eine Rückkehr zur guten alten Haptik gar nicht so verkehrt, wenn man einen Rest Vertrauen in alles behalten will. Sie wissen schon: Briefe, Abstimmungen, Hängeregister, Bargeld. Leider sieht es im Moment so aus, dass die meisten Politiker, betrunken von der eigenen Modernität, ohne Sinn und Verstand auch noch das letzte Kernkraftwerk von einer KI verwalten lassen. Lustig, wenn man weiss, dass eine KI der Firma Anthropic gerade das Gefängnis ihrer Sandbox verlassen hat, um ein wenig Hacken zu spielen. Es entstehen gerade vollautomatisierte Waffensysteme, also Mordwerkzeuge, der Mensch ist einmal mehr so begeistert vom Fortschritt und natürlich von dem massiven Gewinn durch Menscheneinsparung, dass er einfach macht, ohne langfristig zu denken – Kapitalismus eben. Was uns zu tun bleibt? Nicht viel ausser, solange es noch geht, auf alten Systemen zu bestehen. Haptische Briefe, Geld, Patientenakten, Ticketschalter – alles, was vor einer durchdrehenden oder bewusst auf Angriff geschalteten KI lebensnotwendig ist. Und beten.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerinund Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg