Es schneit nicht mal. Nur dunkel ist es draussen, und du sitzt und wartest darauf, dass alles besser wird. Das ist ein Lied für dich, junger Mensch. Ein Lied gegen die Angst, du könntest nicht genügen. Ein Lied gegen die Sorgen in der Nacht, wenn du nicht schlafen kannst, weil du glaubst, du wärst der einzige Mensch auf der Welt. Der einzig Hässliche.
Und es schneit nicht einmal. Nichts macht deine Sorgen leiser. Bei Schnee, da könntest du dich verstecken. Vor den anderen, die dich anstarren, sich abwenden, sich lustig machen, weil du verdammt noch mal beschissen hässlich bist. Du bist zu klein, zu gross, zu dick, zu dünn. Es ist egal, du kannst es hören, wenn sie über dich reden oder schreiben, kannst es sehen, wenn er oder sie dich ansieht mit ein wenig Ekel im Gesicht, und du wieder, schon wieder stehen bleibst. Liegst, sitzt, alleine, mit deinen grossen Gefühlen.
Sie reden über dich, aber nie mit dir.
Wie sollte es auch anders sein? Wie kann dich jemand mögen, so wie du aussiehst? Da ist es doch ganz egal, ob du etwas kannst oder nicht, im Zweifel, eher nicht. Doch es ist egal, es interessiert keinen. Sie lassen dich ihre dämlichen Programme installieren, Handys reparieren, sie lassen sich von dir Mathe erklären oder Stockhausen. Und danach reden sie über dich, oder das denkst du nur. Auf jeden Fall reden sie nicht mit dir.
Wisst ihr, wie das ist, wenn einen alle anstarren und man sie manchmal anschreien will? Wisst ihr, wie das ist, wenn man sich über Regen freut, weil es bedeutet, sich unter dem Schirm verstecken zu können? Wenn man die Hand vors Gesicht hält, nur um nicht ausgelacht zu werden? Wisst ihr, wie das ist, absolut und nie dazuzugehören? Zu den coolen, blonden, schönen, zu den verdammten Chefs der Gruppe, den Mädchen und Jungen, die jeder will. An denen sich die anderen reiben, und du stehst da und willst unsichtbar sein.
Bist du ja jetzt. In deinem Zimmer, du junger Mensch, mit deinem Körper und deinem Gesicht. Die eigentlich ganz normal aussehen, aber irgendwie langt es einfach nicht. Du bist zu queer, zu dunkel, zu hell, zu rothaarig, zu stotternd, zu schüchtern, zu wütend, zu langsam, zu verstört, zu krumm. Und jetzt schneit es, und ich singe dir ein Lied. Es wird besser. Versuch, einfach nicht darüber nachzudenken. Ja, deine Jugend wird nicht wunderbar sein, schreib sie einfach ab. Es wächst sich aus. Alles, was jetzt wehtut, wird verschwinden. Und du wirst sehen, jene, die du heute so schön findest, werden einfach Erwachsene mit irgendeinem Gesicht.
Sie werden dich nie alle lieben.
Und wenn du klug wirst, und warum solltest du nicht, du hast ja sonst nichts zu tun, wird es dir irgendwann egal sein, was die anderen sagen, weil du weisst, sie werden dich nie alle lieben. Die meisten werden nicht einmal wissen, dass es dich gibt. Du wirst begreifen, was sie gemeint haben, als die dich verspotteten. Sie hatten nur Angst, dass es sie sonst träfe. Sie haben sich auf ein Opfer geeinigt, das eben nicht durchschnittlich aussah, sich den Gesetzen des Goldenen Schnitts entzogen hat. Bleib ruhig und warte, sie werden dir später nichts mehr anhaben können. Du wirst sehen, was aus ihnen geworden ist, und wissen, es sind immer die Aussenseiter, die gewinnen.
Die anderen werden untergehen im Mittelmass, in angepassten Leben, in unterdrückten Gefühlen. Die Gequälten, die Ausgelachten, die Gedissten und Unmöglichen werden gewappnet sein für das, was kommt, und sich nicht darauf verlassen, dass ihnen alles geschenkt wird. Sei froh um deine schiefen Zähne, den zu dünnen Körper, dein zu langes oder zu dickes Gesicht. Es wird dein Leben retten, heute komisch auszusehen für ein paar Idioten, die dich später nicht mehr interessieren werden.
Und nun decke dich zu, hör ein Lied, denk an später. Es wird alles besser. Ich verspreche es dir!
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
13. Mär 2026
Sie reden über dich
Sibylle Berg